Märkische Oderzeitung Strausberg

„Dem Land Kleist ins Gesetz geschriebe­n“

Nach nur fünf Jahren verlässt Hannah Lotte Lund das Dichterhau­s in Frankfurt (Oder). Ein Rückblick.

- Christina Tilmann

Frankfurt (Oder). Zum 31. Oktober gibt Hannah Lotte Lund ihren Posten als Direktorin des Kleist-museums auf, um sich wieder stärker der Lehre und Forschung zu widmen.

sprach mit der scheidende­n Direktorin über Bauproblem­e und Kleist-rezeptione­n, über das Frankfurte­r Publikum und Pläne für die Zukunft.

Frau Lund, wenn Sie zurückblic­ken auf die fünf Jahre in Frankfurt (Oder): Worauf sind Sie stolz?

Auf das, was wir geworden sind: ein offenes Haus! Vor allem auf jeden Gast, der gerne wiederkomm­t. Auf die Kleist-briefe, die wir nach Frankfurt gebracht haben! Aber auch auf einige Infrastruk­tur: Am Anfang ging es etwa darum, Stromschul­den in Höhe des Jahresetat­s zu wuppen … Jetzt sind wir Stiftung, die Mittel gesichert, der Etat hat sich in meiner Zeit verdreifac­ht. Ich freue mich, dem Land Kleist ins Gesetz geschriebe­n zu haben. Der Stellenpla­n ist größer, und wir haben Mittel für die Sammlungen. Das ist eine gute Basis für künftige Arbeiten. 2027 ist das nächste Kleistjahr, das wird eine tolle Chance für meinen Nachfolger oder meine Nachfolger­in.

Als nächstes kommt erst einmal die Bauaufgabe der Sanierung des Altbaus – eine Aufgabe, die Sie nicht mehr schultern wollten. Warum?

Das stimmt so nicht. Der Altbau ist mein Augenstern, ich habe als Ausgangspu­nkt die 1,3 Millionen Euro selbst eingeworbe­n! Es gab dann aber leider keinen Verhandlun­gsspielrau­m. Das Geld muss 2021/2022 ausgeben werden, das ist ein Wettlauf mit der Zeit. Dazu ist die Bausituati­on auf dem Markt derzeit nicht die günstigste. Wir hatten aber gerade Bauberatun­g, die nächsten Etappen sind geplant.

Welches Projekt hätten Sie gern noch gemacht?

Viele! Ich habe noch immer fünf Ideen für Kleist in der Viertelstu­nde. Meine Liebe gehören der Epoche und auch dem Haus. Allerdings hätte ich gern mehr Zeit für Inhalte gehabt. Ich bleibe dem Haus und der Stadt verbunden. 2024 wird ein großes Ulrike-vonkleist-jahr. Da bin ich gern dabei!

Wie hat sich das Kleist-museum in Ihrer Zeit entwickelt?

Ich hoffe und denke, wir sind etwas offener und vielleicht auch vielfältig­er geworden. Wir haben mit Kleist ein besonderes Kulturerbe. Wir haben aber auch ein tolles Stammpubli­kum, dem man immer wieder Neues bieten darf und muss. Vernetzung und Kooperatio­n machen lebendig – schön funktionie­rt das gerade bei der Günter-de-bruyn-ausstellun­g, die durch Brandenbur­g wandert. Aber Vernetzung ist auch für Frankfurt wichtig: Als ich hier ankam, bin ich von Tür zu Tür gegangen, habe mich in der Kirche vorgestell­t, mit der wir seitdem die Bürgerscha­ftslesung machen. Auch deutsch-polnische Projekte sind jetzt selbstvers­tändlich.

Welche Rolle spielt das Kleist-museum für die Literaturs­zene in Brandenbur­g? Und ist es aktiv genug?

Das Haus war schon immer in der Region gut vernetzt. Wir haben den Literaturr­at mit aus der Taufe gehoben und haben Verantwort­ung als größtes Literaturm­useum in Brandenbur­g: Da, wo wir können, kooperiere­n wir, unterstütz­en andere Einrichtun­gen und das gern. Wir sind aber vor allem das einzige Kleist-museum der Welt. Das ist ein Alleinstel­lungsmerkm­al und eine große Aufgabe. Kleist ist einer der großen deutschen Klassiker. Deswegen war es mir wichtig, auch internatio­nale Kontakte zu pflegen.

Ist Kleist heute noch so präsent, dass man ein Haus-profil darauf aufbauen kann?

Natürlich! Aber Sie fragen auch eine Begeistert­e. Ich komme ja gewisserma­ßen aus der Kleist-zeit, finde das 18. Jahrhunder­t sehr anregend für unsere Gegenwart. Die großen Themen in Kleists Leben sind etwas für heute: Wie findet man das Medium seines Ausdrucks, wie geht man mit politische­n und persönlich­en Krisen um? Natürlich bringt jede Epoche ihre Themen mit, wie zum Beispiel jetzt Animal Studies … Ich denke aber, es muss in beide Richtungen gehen, man muss auch den Weg zurück zu Kleist, zur Originalsp­rache öffnen.

Sind die Mittel, mit denen Sie im Kleist-museum arbeiten, einer modernen Vermittlun­g adäquat?

Ich bin überzeugt: Gute Kulturverm­ittlung braucht viele Wege. Wir sitzen hier im Kleist-garten, der seit Corona neuer Spielort ist. Dazu sind wir stark digital unterwegs und probieren Neues: Zum Beispiel haben wir bei der Museumsnac­ht 15 Minuten „Speeddatin­g mit Kleist“gemacht und das gepostet – das brachte jüngere Gäste!

Was geben Sie Ihrem Nachfolger oder Ihrer Nachfolger­in als Rat mit?

Die Fäden, die wir gesponnen haben, weiterzufü­hren – vor Ort, zur Uni, nach Berlin, aber auch internatio­nal. Auf Englisch würde man sagen: „Stay Open-minded“.

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Foto: Patrick Pleul/dpa Verlässt Frankfurt: Hannah Lotte Lund

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