Mehl aus der Kreis­stadt

In der Ora­ni­en­bur­ger Dampf­müh­le wur­de jahr­zehn­te­lang ge­mah­len / Doch sie ging im­mer wie­der in Flam­men auf

Märkischer Zeitungsverlag Oranienburger Generalanzeiger - - REGION BLICK - Von Bo­do Be­cker

Ora­ni­en­burg (OGA) Die ab­ge­bil­de­te An­la­ge (nach 1901) der Ora­ni­en­bur­ger Dampf­müh­le gibt es schon lan­ge nicht mehr. Heu­te er­in­nert nur der im­mer noch das Stadt­bild mit­prä­gen­de Hoch­si­lo am Loui­se-Hen­ri­et­te-Steg an ih­re eins­ti­ge Exis­tenz. Nach ei­nem Scha­den­feu­er der Ora­ni­en­bur­ger Kö­nig­li­chen Was­ser­müh­len am 16. Ok­to­ber 1874 an den Ha­ve­l­ar­men in Sach­sen­hau­sen hat­te der Müh­len­päch­ter Gus­tav Wei­gel ein Jahr spä­ter die Dampf­müh­le an der in­ner­städ­ti­schen Ha­vel er­rich­ten las­sen. In den fol­gen­den Jah­ren ver­grö­ßer­te sein Sohn, Karl Wei­gel, die Müh­le und ließ un­ter an­de­rem ei­ne ei­ge­ne elek­tri­sche Be­leuch­tung ein­bau­en. Die ver­kehrs­güns­ti­ge La­ge an der Ha­vel er­laub­te den An- und Ab­trans­port über die Was­ser­stra­ße.

Den Na­men „Ora­ni­en­bur­ger Dampf­müh­le“las man zu je­ner Zeit auf den Re­kla­me­schil­dern zahl­rei­cher Mehl­hand­lun­gen. Wei­gel, der auch ein ak­ti­ves Mit­glied der Frei­wil­li­gen Feu­er­wehr war, ließ 1893 auf dem Ma­schi­nen­haus (ne­ben dem Schorn- stein) ein Dampf­ne­bel­horn an­brin­gen. Das durch­drin­gen­de Si­gnal fand nicht nur all­ge­mei­ne Be­ach­tung, son­dern sorg­te auch für ei­ne bes­se­re Alar­mie­rung der Feu­er­wehr.

Um 1900 ging das Un­ter­neh­men in Kon­kurs und neu­er Ei­gen­tü­mer wur­de 1901 Nat­han Cohn. Mit­ten im Ers­ten Welt­krieg, in der Nacht zum 24. Fe­bru­ar 1916, kam es zu ei­nem ver­hee­ren­den Brand, der den Korn­spei­cher (rech­te Bild­sei­te) zer­stör­te. „Bald war der gan­ze Dach­stu­hl ein Flam­men­meer, und nun schlug ei­ne feu­ri­ge Lo­he zum Him­mel em­por gleich ei­ner rie­si­gen Fa­ckel, die gan­ze Stadt tag­hell be­leuch­tend. My­ria­den von Fun­ken und glim­mern­den Ge­trei­de­kör­nern, in die der star­ke Sturm­wind hin­ein­fauch­te, sto­ben in das nächt­li­che Dun­kel em­por und er­gos­sen sich, unend­li­chen Stern­schnup­pen gleich, über die gan­ze Um­ge­bung.“(Au­gen­zeu­gen­be­richt des Brie­se­tal-Bo­ten, 26.2.1916). Vie­le frei­wil­li­ge Hel­fer so­wie die Feu­er­weh­ren aus Ora­ni­en­burg und Sach­sen­hau­sen konn­ten den Brand ein­gren­zen, so dass die an­de­ren Ge­bäu­de nicht in Mit­lei­den­schaft ge­rie­ten.

Trotz der an­ge­spann­ten Roh­stoff­si­tua­ti­on ge­lang es be­reits 1917, ei­nen 36 Me­ter ho­hen Si­lo aus 165 Ton­nen Ei­sen und 14000 Sack Ze­ment zu er­rich­ten. Er konn­te in 16 Si­lo­zel­len von 23 Me­ter Tie­fe ins­ge­samt 4 000 Ton­nen Ge­trei­de auf­neh­men. Ei­ne Saug­an­la­ge be­för­der­te in ei­ner St­un­de rund 30 Ton­nen Mahl­gut aus den an der Ha­vel lie­gen­den Käh­nen in den Spei­cher. Hier durch­lief es Rei­ni­gungs­ma­schi­nen, um letzt­end­lich mit­tels Trans­port­schne­cken in die Öff­nun­gen der Si­lo­zel­len zu fal­len. Für die Be­kämp­fung von Brän­den in­stal­lier­te man ei­ne Be­rie­se­lungs­an­la­ge, de­ren neun Ku­bik­me­ter fas­sen­der Was­ser­spei­cher sich im neo­ba­ro­cken Turm­auf­bau be­fand. Nach 1918 ging die An­la­ge an das Müh­len-Im­pe­ri­um von Kurt Kampffmey­er über, der sie nach­fol­gend an den Kauf­mann Max La­za­rus ver­äu­ßer­te. Der Ein­satz für die Be­rie­se­lungs­an­la­ge kam in der Nacht des 21. Mai 1930. Ein Kurz­schluss im Müh­len­ge­bäu­de ver­ur­sach­te ein Groß­feu­er, das mit sei­nem Feu­er­schein den Him­mel über Ora­ni­en­burg weit sicht­bar er­hell­te. 14 Frei­wil­li­ge Feu­er­weh­ren und zwei Ber­li­ner Lösch­zü­ge eil­ten zum Brand­ort. Aus 25 Roh­ren schos­sen die Was­ser­strah­len in den Brand­herd. Die ei­gent­li­che Müh­le konn­te nicht ge­ret­tet wer­den, je­doch blie­ben die üb­ri­gen Ge­bäu­de er­hal­ten. Erst bei Ta­ges­an­bruch war die Ge­fahr ge­bannt. Die Dampf­müh­le ging trotz­dem un­ge­wis­sen Zei­ten ent­ge­gen, denn sie wur­de bald von grö­ße­ren Müh­len mit Ver­bren­nungs- oder Elek­tro­mo­to­ren ab­ge­löst. Der Si­lo je­doch dien­te noch zu DDR-Zei­ten als Spei­cher.

Fotos: Archiv Bo­do Be­cker

Brann­te mehr­fach ab: Die Dampf­müh­le auf ei­nem Foto zu An­fang des 20. Jahr­hun­derts.

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