„Das ist ein Glücks­fall“

Tes­la-An­sied­lung Die In­ves­ti­ti­ons­plä­ne des US-Un­ter­neh­mens sieht der Wis­sen­schaft­ler Oli­ver Ibert vom IRS Erk­ner auch als Chan­ce für ber­lin­fer­ne Re­gio­nen.

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Tes­la geht nicht nach Stutt­gart, son­dern Grün­hei­de. Gro­ße In­ves­ti­tio­nen in neue Wer­ke für E-Au­tos fin­den nicht in den klas­si­schen Au­to­re­gio­nen statt, son­dern au­ßer­halb. Die For­scher am Leib­niz-In­sti­tut für Raum­be­zo­ge­ne So­zi­al­for­schung IRS in Erk­ner se­hen ähn­li­che Ten­den­zen in den USA. Ist das ein Si­gnal, für ei­ne Kri­se eta­blier­ter Au­to­re­gio­nen? Für Bran­den­burg und Ber­lin hin­ge­gen sieht IRS-Di­rek­tor Prof. Oli­ver Ibert die An­sied­lung von Tes­la als Ge­winn. Ina Mat­thes sprach mit ihm über die Chan­cen der Re­gi­on, sich als Stand­ort der E-Mo­bi­li­tät zu eta­blie­ren.

Herr Prof. Ibert, wa­ren sie ein biss­chen ent­täuscht, als Sie hör­ten, dass Tes­la in Grün­hei­de baut? Sie leh­ren an der Uni in Cott­bus und die Lau­sitz hat­te sich Hoff­nung ge­macht ...

Ent­täu­schung war nicht mei­ne ers­te Re­ak­ti­on, eher Über­ra­schung. Die An­sied­lung ist ein wich­ti­ger Bei­trag zum Struk­tur­wan­del Bran­den­burgs und wird auch die Si­tua­ti­on in der Lau­sitz ent­span­nen.

Ein wich­ti­ger Bei­trag zum Struk­tur­wan­del – in­wie­fern?

Es be­steht die Hoff­nung, dass das kei­ne kurz­fris­ti­ge In­ves­ti­ti­on ist, son­dern dass die E-Mo­bi­li­tät als neue Tech­no­lo­gie noch lan­ge wich­tig blei­ben wird. Es gibt in die­sem Be­reich die Chan­ce auf gro­ße Wachs­tums­ra­ten.

Tes­la will Hun­der­te neue Ar­beits­plät­ze schaf­fen. Da fra­gen sich vie­le Bran­den­bur­ger – wie gut ist die In­fra­struk­tur im Ber­li­ner Um­land für so ein Pro­jekt auf­ge­stellt?

Da muss si­cher nach­ge­bes­sert wer­den. Ein of­fen­kun­di­ges Pro­blem ist die Ver­füg­bar­keit von schnel­lem In­ter­net. Auch Ar­beits­kräf­te gibt es in der dünn­be­sie­del­ten Re­gi­on nicht in die­sem Ma­ße. Da wird es Sied­lungs­wachs­tum ge­ben müs­sen, und par­al­lel da­zu müs­sen die so­zia­len In­fra­struk­tu­ren wie Ki­tas und Schu­len ent­ste­hen. Auch der An­schluss an die Bahn ist dort noch nicht ge­ge­ben.

Bei der Ent­schei­dung für Ber­lin soll das Image als coo­le Stadt ei­ne gro­ße Rol­le ge­spielt ha­ben. Macht Image wirk­lich so viel aus?

Wenn neue Tech­no­lo­gi­en nach ei­nem Stand­ort su­chen, sind sie in ih­rer Wahl sehr frei. Sie sind nicht auf be­stimm­te Vor­leis­tun­gen an­ge­wie­sen. Tes­la bei­spiels­wei­se stellt sei­ne Bat­te­ri­en selbst her. Tes­la ist selbst ei­ne Mar­ke, die ex­trem mit Wert auf­ge­la­den ist. Da ist ein Stand­ort, der selbst ei­ne Mar­ke ist, wich­tig. Au­ßer­dem in­ves­tiert Tes­la auch in For­schung und Ent­wick­lung. In Ber­lin fin­det Tes­la die Ar­beits­kräf­te da­für – zum Bei­spiel im Be­reich De­sign – aber auch vie­le fort­schritt­li­che

Nut­zer, die be­reit sind, neue Mo­bi­li­täts­kon­zep­te aus­zu­pro­bie­ren.

Wie wirkt sich so ei­ne An­sied­lung auf die ber­lin­fer­nen Räu­me aus?

Es bie­ten sich neue Ar­beits­mög­lich­kei­ten auch für Men­schen aus wei­ter ent­fern­ten Re­gio­nen, vi­el­leicht so­gar aus Po­len, wenn sie be­reit sind zu pen­deln. Dörf­li­che Struk­tu­ren kön­nen sich durch Pend­ler und de­ren Ein­kom­men sta­bi­li­sie­ren. Es wer­den Fol­geinves­ti­tio­nen nach Bran­den­burg ge­rich­tet sein. Han­del, Di­enst­leis­tun­gen sie­deln sich an und zie­hen Ar­beits­plät­ze nach sich. Steu­ern, die Tes­la hof­fent­lich in Bran­den­burg zahlt, er­öff­nen neue fi­nan­zi­el­le Spiel­räu­me für das Land. Das setzt An­rei­ze für jun­ge Leu­te, im Land zu blei­ben

Se­hen Sie die Tes­la-An­sied­lung als Be­leg da­für, dass heut­zu­ta­ge nur noch gro­ße Me­tro­po­len In­ves­ti­tio­nen an­zie­hen kön­nen?

Die An­sied­lung ist ein Hin­weis dar­auf, dass nicht nur Städ­te wach­sen. Denn Tes­la geht mit sei­ner Pro­duk­ti­ons­stät­te nicht nach Ber­lin, der Haupt­teil der In­ves­ti­ti­on geht nach Grün­hei­de. Ber­lin braucht als Stand­ort al­so das Um­land in Bran­den­burg, aber auch Bran­den­burg hät­te oh­ne Ber­lin grö­ße­re Pro­ble­me, denn es pro­fi­tiert von der Nä­he, dem Image

und der Krea­ti­vi­tät von Ber­lin. Das Zu­sam­men­spiel über die Län­der­gren­zen ist ganz wich­tig

Klei­ne Un­ter­neh­men fürch­ten ei­nen Kampf um Fach­kräf­te. Muss man Angst ha­ben, dass den klei­nen Fir­men die Leu­te da­von­lau­fen?

Das ist ei­ne spe­zi­el­le Fa­brik, die be­stimm­te Fach­kräf­te braucht. Ei­ni­ge Bran­chen müs­sen die Kon­kur­renz fürch­ten. Aber das muss man dif­fe­ren­ziert se­hen. So ei­ne An­sied­lung setzt auch ei­nen An­reiz

für qua­li­fi­zier­te jun­ge Leu­te, zu­rück­zu­keh­ren. Es wird si­cher Zu­zug aus an­de­ren Re­gio­nen ge­ben. Mög­li­cher­wei­se bringt Tes­la ei­ne Kern-Be­leg­schaft aus den USA mit. Es hängt au­ßer­dem viel da­von ab, wie plötz­lich Ar­beits­kräf­te ge­braucht wer­den. Es exis­tie­ren vie­le Tech­ni­sche Uni­ver­si­tä­ten in der Re­gi­on, die ih­re Stu­di­en­plät­ze vi­el­leicht auf­sto­cken.

Die Lau­sitz zählt auch zu den ber­lin­fer­nen Re­gio­nen. Kann sie von Tes­la pro­fi­tie­ren?

Grund­sätz­lich sind sol­che Neu­an­sied­lun­gen ex­trem sel­ten. Das ist ein Glücks­fall für Ber­lin und Bran­den­burg. Aber Glücks­fäl­le soll­ten nicht die lang­fris­ti­ge stra­te­gi­sche Ori­en­tie­rung im Struk­tur­wan­del der Lau­sitz prä­gen. Die Lau­sitz hat ei­nen lan­gen Weg vor sich, für den es Ge­duld braucht. Man muss sich viel um die Ent­wick­lung des Be­stands an Fir­men und um Neu­grün­dun­gen be­mü­hen. Wenn un­er­war­te­te Glücks­fäl­le da­zu kom­men, ist das toll, aber dar­auf soll­te man nicht ver­trau­en. Aber es gibt Mög­lich­kei­ten, von Tes­la zu pro­fi­tie­ren, be­son­ders in der For­schungs- und Ent­wick­lungs­ko­ope­ra­ti­on. Da muss man sich ak­tiv auf den Weg ma­chen. Ich den­ke, das kann die Bran­den­bur­gisch Tech­ni­sche Uni­ver­si­tät in Cott­bus stär­ken.

Fo­to: IRS

Oli­ver Ibert (49) ist Di­rek­tor des Leib­niz-In­sti­tuts IRS in Erk­ner und Uni­ver­si­tät Cott­bus-Senf­ten­berg (BTU). lehrt an der Bran­den­bur­gi­schen Tech­ni­schen

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