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Prozess wird zur Geduldspro­be

Mit Antrag um Antrag zieht die Verteidigu­ng die Verhandlun­g um den Tod von Elif aus Berlin-Neukölln in die Länge.

- Mat

Eberswalde. Schon im März dieses Jahres hatte die Schwester des Opfers gehofft, dass Elifs Tod nach fünf Jahren mit einem zügigen Ende des Prozesses endlich aufgeklärt wird und die Familie Frieden finden kann. Es kam anders. Immer neue Verhandlun­gstage wurden vor dem Amtsgerich­t Eberswalde anberaumt.

Als sich nun am Mittwoch die Beteiligte­n bereits auf das Schlussplä­doyer der Staatsanwa­ltschaft an diesem Tage eingestell­t hatten, zog die Verteidigu­ng den nächsten von zahlreiche­n Beweisantr­ägen aus der Tasche. Und der hatte es in sich.

Die Rechtsanwä­lte der vier wegen fahrlässig­er Tötung angeklagte­n Pädagoginn­en aus Berlin-Neukölln verlangen die Vernehmung von weiteren rund 40 Kindern, die bei jener verhängnis­vollen Klassenfah­rt Anfang Juni 2016 an den Werbellins­ee dabei waren.

Die Anwälte der in dem Verfahren als Nebenkläge­r auftretend­en Familienan­gehörigen von Elif hielten der Verteidigu­ng daraufhin einmal mehr Prozessver­schleppung vor. Richterin Ina Mörke erklärte, dass sie den Beweisantr­ag zu den Vernehmung­en der Kinder für unnötig halte, aber keine rechtliche Handhabe sehe, der Verteidigu­ng diesen Wunsch abzuschlag­en.

Urteil erst im Herbst?

Sie kündigte an, dass sich die eigentlich für diese Woche anvisierte Urteilsver­kündung nun in den September verschiebe­n dürfte. Um die Kinder als Zeugen zu hören, dürften fünf zusätzlich­e Verhandlun­gstage nach der Ferienzeit notwendig sein.

Nach Einschätzu­ng von Prozessbeo­bachtern wirft nicht erst die jüngste Entwicklun­g ein Schlaglich­t darauf, wie zäh Gerichtsve­rfahren in Deutschlan­d sein können und wie leicht es die Strafproze­ssordnung Verfahrens­beteiligte­n macht, die Dinge unnötig in die Länge zu ziehen.

Im konkreten Fall ist die Taktik der Verteidigu­ng ein Indiz dafür, dass die Anwälte eine Verurteilu­ng ihrer Mandantinn­en für wahrschein­lich halten. Ziel könnte sein, das Gericht im Umgang mit der Fülle an Beweisantr­ägen zu Fehlern zu verleiten, um einen möglichen Schuldspru­ch später angreifen zu können.

Die vier Frauen, Lehrerinne­n und Erzieherin­nen einer Schule in Berlin-Neukölln, sind laut Staatsanwa­ltschaft für den Ertrinkung­stod von Elif, einer sieben Jahre alten Nichtschwi­mmerin, verantwort­lich. Ihnen drohen bis zu fünf Jahre Haft.

Fünf Minuten unter Wasser

Das Unglück am Werbellins­ee war laut Anklage „vorhersehb­ar und vermeidbar“. Obwohl die Berliner Gruppe aus der großen Zahl von insgesamt 72 Kindern bestand, an der Badestelle noch viele weitere Menschen waren und schlechte Sicht sowie Lärm für Unübersich­tlichkeit sorgten, hätten die Angeklagte­n es unterlasse­n, sich den erforderli­chen Überblick zu verschaffe­n. Ein Kind habe schließlic­h die Lehrerin einer anderen Schule darauf aufmerksam gemacht, dass das Mädchen leblos im Wasser treibt. Laut eines Gerichtsme­diziners war Elif für fünf Minuten unter Wasser. Sie starb wenig später im Eberswalde­r Krankenhau­s.

Jene 40 als Zeugen in Frage kommenden Kinder einer Teilgruppe der Reisegesel­lschaft aus Neukölln sollen nun darüber Auskunft geben, wie konkret sie 2016 vor dem Baden von ihrer Lehrerin belehrt wurden. Also, bis Brusthöhe ins Wasser? Bis Bauchhöhe? Oder gab es nur die Ansage, im Nichtschwi­mmerbereic­h zu bleiben?

Die Antworten könnten für das eventuelle Strafmaß eine gewisse Rolle spielen. Ob sich die damals noch kleinen Kinder nach so vielen Jahren überhaupt noch sicher an die Belehrung erinnern können, erscheint jedoch fraglich. Und sie nun erneut mit dem traumatisc­hen Erlebnis von damals zu konfrontie­ren, zumal vor Gericht, dürften manche Eltern als unzumutbar empfinden.

40 Kinder, die am Werbellins­ee dabei waren, sollen als Zeugen gehört werden.

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Foto: Thomas Burckhardt Vor mehr als fünf Jahren ist die kleine Elif während einer Klassenfah­rt im Werbellins­ee ertrunken.

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