EU kün­digt Kom­pro­miss im Zoll­streit an

An­ge­bot und Ab­wehr: Gip­fel­teil­neh­mer ei­ni­gen sich auf Dop­pel­stra­te­gie ge­gen Trump

Meller Kreisblatt - - VORDERSEITE -

SO­FIA. Die EU-Staa­ten ha­ben sich an­ge­sichts der es­ka­lie­ren­den Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit den USA auf ei­ne neue Dop­pel­stra­te­gie ver­stän­digt. Im Zoll­streit kün­dig­ten die Staats- und Re­gie­rungs­chefs am Don­ners­tag ein Kom­pro­miss­an­ge­bot an. So sol­len den Ver­ei­nig­ten Staa­ten Han­dels­er­leich­te­run­gen in Aus­sicht ge­stellt wer­den, wenn es ei­ne dau­er­haf­te Aus­nah­me­re­ge­lung im Streit um die neu­en Stahlund Alu­mi­ni­um­z­öl­le der USA gibt.

Zur Ret­tung des Atom­ab­kom­mens mit dem Iran ge­hen sie hin­ge­gen auf Kon­fron­ta­ti­ons­kurs: Noch an die­sem Frei­tag will die EU ein Ab­wehr­ge­setz wie­der auf­le­ben las­sen, das eu­ro­päi­sche Un­ter­neh­men, die mit dem Iran Han­del trei­ben, not­falls vor wie­der­ein­ge­führ­ten USSank­tio­nen schüt­zen könn­te. „Wir müs­sen jetzt han­deln“, sag­te EU-Kom­mis­si­ons­prä­si­dent Je­an-Clau­de Juncker.

Frank­reichs Prä­si­dent Em­ma­nu­el Ma­cron mach­te deut­lich, dass sich die EU von Trump nicht be­vor­mun­den las­sen wol­le. Man sei sich ei­nig, dass die po­li­ti­sche und wirt­schaft­li­che Ent­schei­dungs­frei­heit ge­wahrt wer­den müs­se, sag­te er. Ma­cron warn­te auch vor all­zu gro­ßen Er­war­tun­gen an das eu­ro­päi­sche Kom­pro­miss­an­ge­bot im Han­dels­streit, das den USA Ge­sprä­che über ei­nen bes­se­ren EU-Markt­zu­gang für ame­ri­ka­ni­sche Un­ter­neh­men in Aus­sicht stellt.

Die Ver­stän­di­gung der EUStaa­ten kam am Ran­de ei­nes zwei­tä­gi­gen Gip­fel­tref­fens in der bul­ga­ri­schen Haupt­stadt So­fia zu­stan­de. Da­bei soll­te es ei­gent­lich vor al­lem um ei­ne en­ge­re An­bin­dung der West­bal­kan­staa­ten an die EU ge­hen. An­ge­sichts der ak­tu­el­len Span­nun­gen mit den USA rück­te die­ses The­ma je­doch in den Hin­ter­grund.

Bal­kan­län­dern wie Ser­bi­en und Mon­te­ne­gro mach­ten die EU-Ver­tre­ter bei dem Gip­fel trotz schlep­pen­der Re­form­fort­schrit­te Hoff­nung auf ei­nen Bei­tritt. Ein kon­kre­tes Da­tum wur­de aber nicht ge­nannt.

Oh­ne schnel­le Bei­trit­te zu ver­spre­chen, will die EU die West­bal­kan-Län­der stär­ker an sich bin­den. Ei­ne ent­spre­chen­de Er­klä­rung ver­ab­schie­de­ten die Staats- und Re­gie­rungs­chefs der Uni­on bei ih­rem Gip­fel in So­fia.

SO­FIA. In dem Do­ku­ment be­kräf­tigt die Ge­mein­schaft ei­ne „un­ein­ge­schränk­te Un­ter­stüt­zung für die eu­ro­päi­sche Per­spek­ti­ve“. Da­mit will sie die An­wär­ter zu mehr Re­form­an­stren­gun­gen er­mun­tern – soll hei­ßen: Sie müs­sen ent­schlos­sen zu Rechts­staat­lich­keit und Men­schen­rech­ten ste­hen so­wie Kor­rup­ti­on und or­ga­ni­sier­tes Ver­bre­chen ent­schie­den be­kämp­fen. Kon­kre­te Be­schlüs­se mit Blick auf ei­ne EU-Mit­glied­schaft gab es nicht.

Ser­bi­en, Mon­te­ne­gro, Ma­ze­do­ni­en und Al­ba­ni­en sind be­reits seit meh­re­ren Jah­ren Bei­tritts­kan­di­da­ten, Ko­so­vo und Bos­ni­en-Her­ze­go­wi­na führt die EU als „po­ten­zi­el­le Kan­di­da­ten“. Mit dem Gip­fel woll­te die EU nun auch Ent­täu­schung in den Län­dern über feh­len­de Fort­schrit­te auf dem lan­gen Weg Rich­tung Bei­tritt und wach­sen­dem Ein­fluss Russ­lands und Chi­nas in der Re­gi­on ent­ge­gen­wir­ken. „Es ist im Sin­ne von Frie­den und Si­cher­heit für uns al­le, dass wir ei­nen si­che­ren West­bal­kan ha­ben“, sag­te Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel (CDU).

Im Zen­trum steht nun die Un­ter­stüt­zung der EU beim Aus­bau der In­fra­struk­tur in der Re­gi­on des ehe­ma­li­gen Ju­go­sla­wi­ens. Als Ziel nennt die „So­fia-Er­klä­rung“den Aus­bau der Be­zie­hun­gen in den Be­rei­chen Ver­kehr, Ener­gie, di­gi­ta­le Net­ze, Wirt­schaft und Ge­sell­schaft. Ver­stär­ken will die Uni­on auch die Ko­ope­ra­ti­on „bei der Ein­däm­mung il­le­ga­ler Mi­gra­ti­ons­strö­me“, bei Ter­ro­ris­mus­be­kämp­fung und Ra­di­ka­li­sie­rung.

Der West­bal­kan hat rund 18 Mil­lio­nen Ein­woh­ner. Mit ei­ner ver­gleichs­wei­se ge­rin­gen Kauf­kraft spielt die Re­gi­on als Ab­satz­markt der­zeit zwar kei­ne be­son­ders gro­ße Rol­le für die EU. Von der mil­li­ar­den­schwe­ren Auf­bau­hil­fe,

die die EU seit Jah­ren leis­tet, sol­len lang­fris­tig aber na­tür­lich nicht rus­si­sche oder chi­ne­si­sche, son­dern eu­ro­päi­sche Un­ter­neh­men pro­fi­tie­ren. Die EU ist nach ei­ge­nen An­ga­ben der mit Ab­stand

wich­tigs­te Geld­ge­ber und In­ves­tor in den Bal­kan­staa­ten. Für 2018 sind 1,07 Mil­li­ar­den Eu­ro an Her­an­füh­rungs­hil­fen vor­ge­se­hen.

Stär­ker zu­sam­men­ar­bei­ten wol­len bei­de Sei­ten auch beim Kampf ge­gen „Des­in­for­ma­ti­on und an­de­re hy­bri­de Ak­ti­vi­tä­ten“. Hier sol­len „Wi­der­stands­fä­hig­keit, Cy­ber-Si­cher­heit und stra­te­gi­sche Kom­mu­ni­ka­ti­on“ge­stärkt wer­den, nach­dem

Russ­land in den ver­gan­ge­nen Jah­ren Ver­su­che po­li­ti­scher Ein­fluss­nah­me vor­ge­wor­fen wur­den. Die EUKom­mis­si­on hat­te im Fe­bru­ar Ser­bi­en und Mon­te­ne­gro als „Fa­vo­ri­ten“für ei­nen Bei­tritt bis zum Jahr 2025 be­zeich­net.

Bei­tritt Ser­bi­ens 2025?

Doch in kei­nem EU-Land gibt es der­zeit brei­te Un­ter­stüt­zung für wei­te­re Er­wei­te­run­gen der Uni­on. Das Da­tum kommt nicht in dem Gip­fel-Do­ku­ment vor. Die Schluss­er­klä­rung spricht nicht ein­mal von West­bal­kan-Staa­ten, son­dern nur von West­bal­kan-„Part­nern“.

Grund da­für: Grie­chen­land, Ru­mä­ni­en, die Slo­wa­kei, Spa­ni­en und Zy­pern er­ken­nen die Un­ab­hän­gig­keit des Ko­so­vo bis heu­te nicht an. Das Ko­so­vo hat­te sich 2008 nach ei­nem blu­ti­gen Kon­flikt von Ser­bi­en ab­ge­spal­ten. An­ge­sichts der Un­ab­hän­gig­keits­be­stre­bun­gen in der Re­gi­on Ka­ta­lo­ni­en nahm Spa­ni­ens Pre­mier Ma­ria­no Ra­joy denn auch nicht am Gip­fel teil.

Fo­to: dpa

In­ten­si­ve Ge­sprä­che in So­fia: Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel (Mit­te), Aleksan­dar Vu­cic (rechts), Prä­si­dent von Ser­bi­en, Ha­shim Tha­ci (2. von links), Prä­si­dent der Re­pu­blik Ko­so­vo, und Bo­j­ko Bo­ris­sow (links), Mi­nis­ter­prä­si­dent von Bul­ga­ri­en.

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