Im Rauch der Shi­sha

Kri­mi­na­li­tät, Ge­sund­heit, Ju­gend­kul­tur: Der Trend und sei­ne Ne­ben­wir­kun­gen

Meller Kreisblatt - - EINBLICKE - Von Dirk Fis­ser

Köln, An­fang des Jah­res: Zoll und Po­li­zei fah­ren vor. Kon­trol­le in zwölf Shis­haBars im Stadt­ge­biet – und in fast je­der wer­den die Be­am­ten fün­dig: un­ver­steu­er­ter Ta­bak. Die ver­qualm­ten Eta­blis­se­ments prä­gen im­mer mehr das Bild von Städ­ten. Be­hör­den sind die Lo­ka­le ein Dorn im Au­ge. Der un­ver­steu­er­te Ta­bak ist da­bei oft noch das ge­rings­te Pro­blem. Ein Über­blick. OS­NA­BRÜCK Lau­te Mu­sik, blin­ken­de Lich­ter, ein süß­li­cher Ge­ruch liegt in der Luft. Die meis­ten Be­su­cher ha­ben Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund, und auf den Ti­schen ste­hen, nein, kei­ne al­ko­ho­li­schen Ge­trän­ke, son­dern Was­ser­pfei­fen und Tee. „La Ori­ent“heißt das Lo­kal am Osnabrücker Gü­ter­bahn­hof. Frü­her war an die­sem Stand­ort ein­mal ei­ne klas­si­sche Dis­ko­thek. Es wur­de viel ge­trun­ken, es wur­den här­te­re Dro­gen ge­nom­men. Und heu­te? Was­ser­pfei­fen­ta­bak. In den Ge­schmacks­rich­tun­gen Ap­fel, Kir­sche oder Ho­nig­me­lo­ne. Die Be­die­nung steht be­ra­tend zur Sei­te.

Die Shi­sha ist Trend. Un­ter Mi­gran­ten so­wie­so. Die Was­ser­pfei­fe stammt aus dem ara­bi­schen Raum und ist dort seit Jahr­hun­der­ten Frei­zeit­ge­gen­stand. Aber zu­neh­mend auch hier­zu­lan­de un­ter jun­gen Men­schen oh­ne Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund.

Be­reits 2016 be­sang der Ko­mi­ker „Der Öm­sen“auf sei­nem Youtube-Ka­nal: „Dig­ga lass mal Si­sha Bar – Yal­lah, Yal­lah hop­sas­sa – Komm Dig­gah lass mal Shi­sha Bar – Al­le Brü­der sind schon da.“Mehr als 16 Mil­lio­nen Auf­ru­fe ver­zeich­net das Vi­deo, das den Shi­sha-Trend aufs Korn nimmt. Zum Ver­gleich: Der Clip zum Lied „Atem­los“von He­le­ne Fischer kommt auf dem of­fi­zi­el­len Youtube-Ka­nal der Künst­le­rin auf der­zeit 24 Mil­lio­nen Auf­ru­fe.

Im­mer mehr Shi­sha-Bars er­öff­nen in den Städ­ten. Zu­min­dest ge­fühlt. Denn ex­ak­te Zah­len da­zu gibt es nir­gends. Das mag auch der Tat­sa­che ge­schul­det sein, dass Mi­gran­ten­kul­tur die Mehr­heits­ge­sell­schaft so lan­ge nicht in­ter­es­siert, wie sie nicht ne­ga­tiv auf­fällt. Das än­dert sich gera­de. Denn mit der stei­gen­den Zahl der Bars wer­den auch die Pro­ble­me sicht­ba­rer.

Die Ge­sund­heit: „Shis­haBars im Vi­sier der Be­hör­den“, lau­te­te ei­ne der vie­len Schlag­zei­len im ver­gan­ge­nen Jahr. Im­mer wie­der war von le­bens­ge­fähr­lich ver­letz­ten Kun­den zu le­sen – Koh­len­mon­oxid-Ver­gif­tung. Das ge­ruchs- und ge­schmack­lo­se Gas blo­ckiert im Kör­per die Sau­er­stoff­auf­nah­me. Im bes­ten Fall wird Be­trof­fe­nen schwin­de­lig und übel, im schlimms­ten Fall ster­ben sie.

Was hilft? Ei­ne bes­se­re Be­lüf­tung der Lo­ka­le. Das Land Schles­wig-Hol­stein hat zu­letzt ei­nen Er­lass her­aus­ge­ge­ben, der un­ter an­de­rem Koh­len­mon­oxid-Warn­mel­der in den Bars vor­schreibt. Nord­rhein-West­fa­len plant Ähn­li­ches. In Nie­der­sach­sen wird noch dis­ku­tiert. Die Ge­rä­te sol­len Alarm schla­gen, wenn der An­teil des Ga­ses in der Luft ei­ne ge­fähr­li­che Kon­zen­tra­ti­on an­nimmt.

Im Zwei­fels­fall ret­ten sol­che Warner le­ben. Oder ver­hin­dern zu­min­dest, dass schwer­ver­letz­te Be­trof­fe­ne in ei­ne Druck­kam­mer müs­sen. Dort wird ver­sucht, das Koh­len­mon­oxid wie­der aus dem Kör­per zu be­kom­men. Die Kam­mern sind rar ge­sät in Deutsch­land, ei­ne steht in Düs­sel­dorf: Die Uni-Kli­nik ver­zeich­ne­te 2018 et­wa 50 „Shi­sha-Op­fer“, 2015 war es le­dig­lich ei­ner.

Und dann wä­re ja noch die Fra­ge der Ab­hän­gig­keit. Das Bun­des­amt für Ri­si­ko­be­wer­tung warnt: „Was­ser­pfei­fen stel­len kei­ne harm­lo­se Al­ter­na­ti­ve zur Zi­ga­ret­te dar; man muss im Ge­gen­teil da­von aus­ge­hen, dass die von Was­ser­pfei­fen­rauch aus­ge­hen­den Ge­sund­heits- und Sucht­ge­fah­ren ähn­lich hoch sind.“

Björn Mal­chow, Vi­ze-Ge­schäfts­füh­rer der Lan­des­stel­le für Sucht­fra­gen in Schles­wig-Hol­stein, sagt, er be­ob­ach­te den Trend zur Shi­sha mit Sor­ge. „Zi­ga­ret­ten rau­chen ist un­cool, aber cool ist es, ge­mein­sam mit an­de­ren die­se eher süß­li­chen Aro­men zu sich zu neh­men.“So kön­ne die Was­ser­pfei­fe schnell zum Ein­stieg in die Ni­ko­tin-Ab­hän­gig­keit füh­ren. Die Steu­ern: Der Scha­den für den Ein­zel­nen kann im Zwei­fels­fall al­so er­heb­lich sein. Aber was ist mit der Ge­sell­schaft? Im­mer wie­der wer­den Shi­sha-Bars in Ver­bin­dung ge­bracht mit Kri­mi­na­li­tät. Die Zah­len des Zolls sind ein­deu­tig: Im Jahr 2017 sind Steu­er­zei­chen für rund zwei Mil­lio­nen Ki­lo­gramm Was­ser­pfei­fen­ta­bak

Da­bei ver­zeich­net der Zoll ei­nen Trend, der zu­vor schon beim Can­na­bis zu be­ob­ach­ten war: Wur­de der un­ver­steu­er­te Ta­bak bis­lang klas­si­scher­wei­se aus Nord­afri­ka oder Ara­bi­en nach Deutsch­land ge­schmug­gelt, wird der Schwarz­markt mitt­ler­wei­le zu­neh­mend mit Wa­re ver­sorgt, die hier­zu­lan­de in Kü­chen, Ga­ra­gen oder gro­ßen La­ger­hal­len pro­du­ziert wird. „Im Jahr 2018 wur­den min­des­tens acht il­le­ga­le Her­stel­lungs­be­trie­be iden­ti­fi­ziert und be­schlag­nahmt“, heißt es von den Er­mitt­lern.

Die Kri­mi­na­li­tät: Die Zah­len des Zolls le­gen na­he, was Jan Reine­cke vom Bund Deut­scher Kri­mi­nal­be­am­ter so for­mu­liert: „Es gibt die kri­mi­nal­po­li­zei­li­che Hy­po­the­se, dass zu­min­dest ein Teil der Shi­sha-Bars in Zu­sam­men­hang mit or­ga­ni­sier­ter Kri­mi­na­li­tät steht.“Bei­spiels­wei­se mit Ro­cker-Grup­pen oder kri­mi­nel­len Fa­mi­li­en­clans, dar­auf ge­be es Hin­wei­se. Ge­werk­schaf­ter Reine­cke sagt: „Die Ge­gen­sei­te nimmt uns nicht ernst.“

Die Kri­mi­nal­be­am­ten könn­ten Struk­tu­ren oft­mals we­gen des Da­ten­schut­zes nicht nach­wei­sen. „Hat der Be­trei­ber ei­ner Shi­sha-Bar ei­ne wei­ße Wes­te, dann dür­fen wir sei­ne Da­ten nicht ab­spei­chern.“Aber nur so könn­ten sich Netz­wer­ke do­ku­men­tie­ren las­sen, sagt Reine­cke. Die Po­li­tik neh­me in Kauf, dass die Po­li­zei so ei­nen aus­sichts­lo­sen Kampf ge­gen die or­ga­ni­sier­te Kri­mi­na­li­tät füh­re. Die­se „be­rührt das sub­jek­ti­ve Si­cher­heits­emp­fin­den der Bür­ger kaum. Und um das geht es der Po­li­tik.“Oder an­ders ge­sagt: Was hin­ter den ver­qualm­ten Fens­tern man­cher Shis­haBar vor sich geht, in­ter­es­siert die we­nigs­ten.

So­lan­ge es nicht knallt. In Ber­lin bei­spiels­wei­se stürm­ten im Spät­som­mer et­wa 30 Män­ner ein Lo­kal und zer­trüm­mer­ten das Mo­bi­li­ar. Oder in Es­sen: Im Sep­tem­ber es­ka­lier­te ei­ne Po­li­zei­kon­trol­le in ei­ner Bar, ein 17-Jäh­ri­ger prü­gel­te auf ei­ne Be­am­tin ein. Seit­dem wird in­ten­si­ver über die Ver­flech­tun­gen der Bars mit dem Ro­cker-Mi­lieu oder kri­mi­nel­len Fa­mi­li­en­clans ge­spro­chen. Am Don­ners­tag kam es zu­dem in ei­ner Köl­ner Shi­sha-Bar zu ei­ner Raz­zia. Ei­ne Hun­dert­schaft der Po­li­zei rück­te an, um Be­wei­se zu si­chern. Hin­ter­grund: Schie­ße­rei­en im Köl­ner Ro­cker-Mi­lieu. Von rechts­frei­en Räu­men ist mit Blick auf die Lo­ka­le schnell die Re­de.

Der Trend: Na­tür­lich ge­be es auch sol­che Shi­sha-Bars, sagt der Re­li­gi­ons- und So­zi­al­wis­sen­schaft­ler Rauf Cey­lan. Der Pro­fes­sor an der Uni­ver­si­tät Os­na­brück warnt aber vor Ver­all­ge­mei­ne­rung: „Die Spann­brei­te ist sehr groß: Von Mi­lieu-Bars mit zwei­fel­haf­tem Ruf bis hin zu gro­ßen, no­blen Clubs.“Den Er­folg der Was­ser­pfei­fen er­klärt er sich so: „Die Shi­sha ist ein Le­bens­ge­fühl. Sie ist Be­stand­teil in vie­len Mu­sik­vi­de­os aus dem Be­reich Rap. Sie ver­mit­telt ein Ge­fühl von Zu­sam­men­halt und Zu­ge­hö­rig­keit.“Tat­säch­lich: In vie­len Mu­sik­vi­de­os auf Youtube ge­hört die Shi­sha so selbst­ver­ständ­lich da­zu wie Bom­ber­ja­cke, tä­to­wier­te Mus­kel­prot­ze und stark ge­schmink­te Frau­en. Mit der Nä­he zur Kri­mi­na­li­tät wird ko­ket­tiert. Genau das Kli­schee, das die Be­trei­ber der hoch­wer­ti­ge­ren Bars wie „La Ori­ent“in Os­na­brück ab­le­gen wol­len.

Ge­schäfts­füh­rer Meh­met Re­sat Mend­an­liog­lu ist zwie­ge­spal­ten. Der Shi­sha-Boom sor­ge da­für, dass die Zahl der Bars in den ver­gan­ge­nen Mo­na­ten ra­pi­de ge­stie­gen sei. Vie­le wol­len ein Ge­schäft ma­chen. Aber sind sie auch se­ri­ös? „Da ge­hen Sie an Lä­den vor­bei, und al­les ist to­tal zu­ge­qualmt. Ich ver­ste­he ein­fach nicht, dass die Be­hör­den da nicht ein­schrei­ten“, sagt Mend­an­liog­lu und for­dert: „Die Zahl der Shi­sha-Bars soll­te be­grenzt wer­den.“

Lan­ge auf­re­gen kann er sich aber nicht. Das Wo­che­n­en­de steht an. Vol­les Haus im „La Ori­ent“. Für 200 Gäs­te ist Platz. „Die kom­men zum Teil aus 100 Ki­lo­me­ter Ent­fer­nung.“Aber nicht je­der kommt rein. Vor dem Ein­gang ste­he ein Tür­ste­her, so Mend­an­liog­lu. Es soll ge­sit­tet in sei­ner Bar zu­ge­hen. Auch die­ser Trend wird auf Youtube par­odiert. Auf dem Ka­nal „Ost Boys Sto­ries“heißt es: „Shi­sha-Bar ist plötz­lich elit ge­wor­den. Du isch komm rein, sagt er mir, ,Nicht in der Jog­ging­ho­se‘. Bischt jetzt Si­sha-Bar mit Face­kon­trol­le? Halt’s Maul!“

Il­lus­tra­ti­on: NOZ, Fo­to: Pixabay

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