Ha­ben wir nichts da­zu­ge­lernt?

Meller Kreisblatt - - DIALOG -

Zum Le­ser­brief von Ma­ri­an­ne Ka­mei­er „Wie­der auf dem Weg in die Ver­gan­gen­heit“(Aus­ga­be vom 7. Ja­nu­ar) mit Be­zug auf den Ar­ti­kel „En­kel von KZÜber­le­ben­der wird Deut­scher – we­gen Br­ex­its“(Aus­ga­be vom 29. De­zem­ber).

„Laut Wikipedia for­der­te der Ers­te Welt­krieg cir­ca 40 Mil­lio­nen To­te, der Zwei­te cir­ca 70 bis 80 Mil­lio­nen Men­schen­le­ben. Hin­ter je­dem ein­zel­nen Men­schen ste­hen Fa­mi­li­en, die mit be­trof­fen wa­ren. Ei­ne für mich un­vor­stell­ba­re Zahl mensch­li­chen Elends. Bei­de Krie­ge gin­gen von Deutsch­land aus, Hit­ler und sei­ne Scher­gen wer­den von His­to­ri­kern als größ­te Ver­bre­cher al­ler Zei­ten ge­gen die Men­sch­lich­keit ein­ge­stuft.

Die im­mer glei­chen Phra­sen wie ,die Gna­de der spä­ten Ge­burt‘ oder ,so et­was darf sich nie wie­der­ho­len‘ sind für mich nur ei­ne ober­fläch­li­che Aus­ein­an­der­set­zung mit der The­ma­tik oder Schuld. Viel­mehr stei­gen in mir an­de­re Fra­gen hoch: War­um wur­den bei­de Krie­ge von Deut­schen an­ge­zet­telt–was­stimmt­nicht mit der deut­schen Men­ta­li­tät? Ist Ob­rig­keits­hö­rig­keit und Ka­da­ver­ge­hor­sam ei­ne ty­pisch deut­sche Cha­rak­ter­ei­gen­schaft? War­um er­folg­te nach 1945 von deut­scher Sei­te kei­ne ri­gi­de Auf­de­ckung der NS-Gräu­el­ta­ten und Ver­fol­gung der Tä­ter?

Was üb­ri­gens 45 Jah­re da­nach mit der Sta­si-Au­f­ar­bei­tung wie­der ver­säumt wur­de. Nichts da­zu­ge­lernt? Die Ge­richts­pro­zes­se um die 95-jäh­ri­gen Na­zi-Opas in der jüngs­ten Zeit sind für mich ei­ne Far­ce. Was ist mit der ei­ge­nen deut­schen Fa­mi­li­en­ge­schich­te? Gibt es in mei­nem Stamm­baum eben­falls Na­ziVer­bre­cher? Wenn ja, wie ste­he ich da­zu? War­um wird in den Schu­len ein KZ-Be­such nicht in den Ge­schichts­un­ter­richt ver­pflich­tend ein­ge­bun­den?

Die­se Fra­gen be­deu­ten für mich die Grund­la­ge ei­ner wirk­li­chen Aus­ein­an­der­set­zung mit der deut­schen Schuld all­ge­mein und je­des Ein­zel­nen. Die Psy­cho­lo­gie weiß heu­te um ei­nen Trans­port ei­ner Schuld durch die Ge­ne­ra­tio­nen und ei­ne Fest­set­zung im kol­lek­ti­ven Ge­dächt­nis ei­nes Vol­kes.“Sabine Bretz Os­na­brück

Fo­to: dpa

Aus­ein­an­der­set­zung mit der ei­ge­nen deut­schen Ge­schich­te for­dert ein Le­ser.

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