Rück­tritt aus Em­pö­rung

Bruch mit Na­tur­schut­zstif­tung: Pro­fes­sor Zuc­chi tritt aus Em­pö­rung über 1-Me­ter-Schutz­strei­fen zu­rück

Meller Kreisblatt - - VORDERSEIT­E - Von Je­an-Charles Fays

OS­NA­BRÜCK Aus Em­pö­rung über das CDU-Vo­tum für nur ein Me­ter brei­te Ge­wäs­ser­rand­strei­fen in Na­tur­schutz­ge­bie­ten trennt sich der Pro­fes­sor der Hoch­schu­le Os­na­brück, Herbert Zuc­chi, von der Na­tur­schut­zstif­tung des Land­krei­ses.

OS­NA­BRÜCK Der Pro­fes­sor der Hoch­schu­le Os­na­brück, Herbert Zuc­chi, der we­gen sei­nes Na­tur­schutz-En­ga­ge­ments 2018 mit dem Bun­des­ver­dienst­kreuz aus­ge­zeich­net wur­de, trennt sich aus Em­pö­rung über das Vo­tum der Landkreis-CDU für nur 1Me­ter-Rand­strei­fen in Na­tur­schutz­ge­bie­ten von der Na­tur­schut­zstif­tung des Land­krei­ses Os­na­brück. Im In­ter­view er­klärt er, dass er sich nicht län­ger in ei­ner Stif­tung en­ga­gie­ren kann, de­ren Ver­ant­wort­li­che selbst sol­che Ent­schei­dun­gen tref­fen.

Herr Pro­fes­sor Zuc­chi, war­um tre­ten Sie jetzt von Ih­rem Bei­rats­sitz der Na­tur­schut­zstif­tung des Land­krei­ses Os­na­brück zu­rück?

Ich bin im No­vem­ber 2017 als Ver­tre­ter der Hoch­schu­le Os­na­brück in den Bei­rat der Na­tur­schut­zstif­tung Os­na­brü­cker Land be­ru­fen wor­den. Ich hat­te das da­mals ger­ne an­ge­nom­men, um den Landkreis da­bei zu un­ter­stüt­zen, Maß­nah­men zur Er­hal­tung der hei­mi­schen Kul­tur­land­schaft durch­zu­füh­ren und dies durch För­de­rung ge­eig­ne­ter Maß­nah­men zu rea­li­sie­ren. Ei­nen gro­ßen Wi­der­spruch se­he ich dar­in, dass der Landkreis mit sei­nen po­li­ti­schen Gre­mi­en

und über die Ver­wal­tung zu­neh­mend Maß­nah­men trifft, die ab­so­lut nichts mit der Er­hal­tung der Kul­tur­land­schaft zu tun ha­ben. Wenn Leu­te in Per­so­nal­uni­on für die Na­tur­schut­zstif­tung zu­stän­dig sind und dann auf der an­de­ren Sei­te als po­li­ti­sche Ver­tre­ter im Kreis­tag Ent­schei­dun­gen tref­fen, die dem Ziel der Na­tur­schut­zstif­tung dia­me­tral ent­ge­gen­ste­hen, fän­de ich es völ­lig wi­der­sprüch­lich, wenn ich da noch län­ger mit­ar­bei­ten wür­de.

Sie kri­ti­sie­ren ins­be­son­de­re den Land­wirt Bern­ward Abing. Er ist Ku­ra­to­ri­ums­vor­sit­zen­der der Na­tur­schut­zstif­tung und vo­tiert als CDU-Kreis­tags­mit­glied für 1-Me­ter-Rand­strei­fen in Schutz­ge­bie­ten. Abing ver­weist auf ei­nen „Me­tho­den­wech­sel“. Da­durch wer­de kon­trol­liert, dass in dem ver­blie­be­nen Rand­strei­fen kei­ne Pes­ti­zi­de ge­spritzt wür­den. War­um reicht Ih­nen das nicht?

Wäh­rend Ba­den-Würt­tem­berg und Bay­ern lan­des­weit an al­len Ge­wäs­sern ei­ne ge­setz­li­che Re­ge­lung für 5-Me­ter-Schutz­strei­fen schaf­fen, macht der Landkreis Din­ge, die zei­gen, dass die po­li­tisch Ver­ant­wort­li­chen nicht ein­mal an­satz­wei­se er­kannt ha­ben, wie es bei uns um die bio­lo­gi­sche Viel­falt steht. Die

Ar­gu­men­ta­ti­on mit dem Me­tho­den­wech­sel hal­te ich zu­dem für ab­so­lut lä­cher­lich. Stel­len Sie sich vor, es wird ein Pes­ti­zid aus­ge­bracht und nur die­ser 1-Me­ter-Strei­fen wird frei ge­hal­ten. Wenn es dann ei­nen star­ken Re­gen gibt, dann wird das gan­ze Zeug ins Fließ­ge­wäs­ser ge­schwemmt. Da hilft auch kei­ne mo­der­ne Spritz­tech­nik, die Pes­ti­zi­de punkt­ge­nau aus­brin­gen soll. Die 20000 Eu­ro, die für das so­ge­nann­te „Mo­ni­to­ring-Pro­gramm“be­reit­ge­stellt wer­den, sind obend­rein viel zu ge­ring, um das ef­fek­tiv zu kon­trol­lie­ren, denn die not­wen­di­gen Un­ter­su­chun­gen der Pro­ben sind sehr teu­er. War­um ha­ben Sie Herrn Abing oder Kreis­rat Win­fried Wil­kens als Ge­schäfts­füh­rer der Na­tur­schut­zstif­tung des Land­krei­ses nicht da­von über­zeu­gen kön­nen?

Ich ha­be es ver­sucht. Seit Jahr­zehn­ten wir­ke ich in Stadt und Landkreis im Na­tur­schutz und ha­be mich mehr­fach öf­fent­lich da­zu ge­äu­ßert. Ich se­he kei­ne Ver­an­las­sung, mit Herrn Abing per­sön­lich dar­über zu re­den. Ich fin­de, es müss­te aus­rei­chen,

wenn Fach­leu­te sich in der Öf­fent­lich­keit da­zu äu­ßern. Von der Uni wie auch von der Hoch­schu­le Os­na­brück hat sich ei­ne Rei­he von Kol­le­gen da­zu ge­äu­ßert. Es gab auch ei­ne Stel­lung­nah­me von Pro­fes­sor Liess vom Helm­holtz-Zen­trum für Um­welt­for­schung. Wenn man dann bei die­sem 1-Me­terStrei­fen bleibt, hal­te ich das für ei­ne ab­so­lu­te Igno­ranz.

Was sind aus Ih­rer Sicht die Hin­ter­grün­de für die­se Ent­schei­dung?

Die Ver­ant­wort­li­chen sind sich sich wohl im­mer noch nicht im Kla­ren dar­über, was sie da­mit an­rich­ten, wenn sie den In­ter­es­sen der Land­wirt­schaft den Vor­rang ge­ben. Ich möch­te nicht mehr mit die­sen Leu­ten zu­sam­men­ar­bei­ten, bei de­nen ich se­he, dass de­ren Ar­beit für so ei­ne Stif­tung ein ab­so­lu­tes Fei­gen­blatt ist. Wenn es dar­um geht, sich in ih­rem po­li­ti­schen Um­feld ganz ent­schie­den für den Na­tur­schutz ein­zu­set­zen, tref­fen sie ei­ne genau dia­me­tral ent­ge­gen­ge­setz­te Ent­schei­dung und scha­den da­mit emp­find­lich der bio­lo­gi­schen Viel­falt und so­mit dem Kern des Na­tur­schut­zes.

Wie kom­men­tie­ren Sie, dass die CDU ei­ner­seits 1Me­ter-Schutz­strei­fen-Ver­ord­nun­gen auf den Weg

bringt, an­de­rer­seits aber auch brei­te­re Ge­wäs­ser­rand­strei­fen auf­kau­fen will, wenn man sich mit den Land­wir­ten über die Be­din­gun­gen zum An­kauf ei­nig wird?

Es gibt kei­ne an­de­re Be­rufs­grup­pe, die über die EU so kräf­ti­ge Sub­ven­tio­nen emp­fängt wie die Bau­ern. Ge­ra­de die gro­ßen Hö­fe krie­gen be­son­ders viel. Ich hal­te es für drin­gend not­wen­dig, dass die Ver­tei­lung der Gel­der an die Land­wirt­schaft an­ders funk­tio­niert – und zwar nach der Art der Be­wirt­schaf­tung. Die­je­ni­gen, die um­welt­freund­lich wirt­schaf­ten, müs­sen von die­sen Gel­dern viel mehr pro­fi­tie­ren als an­de­re. In sol­che Um­fi­nan­zie­run­gen könn­te man sol­che Ge­wäs­ser­rand­strei­fen auch her­ein­neh­men. Gar nicht nach­voll­zieh­bar ist zu­dem, war­um es mit den 5-Me­terRand­strei­fen an al­len Ge­wäs­sern in Bay­ern und Ba­denWürt­tem­berg funk­tio­nie­ren kann und nicht in Nie­der­sach­sen. Der Landkreis Os­na­brück und auch das Land Nie­der­sach­sen sind in Na­tur­schutz­fra­gen lei­der ab­so­lut rück­stän­dig.

Die CDU will die 1-Me­terRand­strei­fen-Ver­ord­nung auch für an­de­re Schutz­ge­bie­te be­schlie­ßen. Da­bei wei­sen CDU-Kreis­tags­mit­glie­der so­gar selbst dar­auf hin, dass das Bun­des­um­welt­mi­nis­te­ri­um in ein paar Jah­ren Rand­strei­fen von fünf bis zehn Me­tern be­schlie­ßen will. Ist das für Sie nach­voll­zieh­bar? Wenn man sagt, die 5 Me­ter kom­men ja oh­ne­hin, des­halb kön­nen wir es in un­se­ren Ver­ord­nun­gen bei den 1Me­ter-Strei­fen be­las­sen, ist das über­haupt nicht mehr nach­voll­zieh­bar. Das Ge­gen­teil müss­te der Fall sein. Man müss­te doch jetzt erst recht auch bei uns schon die 5-Me­ter-Schutz­strei­fenVer­ord­nung be­schlie­ßen. Wenn das nicht ver­stan­den wird, dann möch­te ich mit sol­chen Leu­ten über­haupt nicht mehr zu­sam­men­ar­bei­ten.

Ein Be­schluss zur Ver­ord­nung für das Schutz­ge­biet „Bä­che im Art­land“wird im Kreis­tag am kom­men­den Mon­tag ge­fasst. Glau­ben Sie dar­an, dass die CDU es sich doch noch ein­mal an­ders über­le­gen könn­te, und wür­den Sie in die­sem Fall in die Na­tur­schut­zstif­tung des Land­krei­ses zu­rück­keh­ren?

Ich glau­be nicht mehr an ei­ne Kehrt­wen­de der CDU. Ob ich in die Stif­tung zu­rück­keh­ren wür­de, wenn die CDU es sich über­ra­schen­der­wei­se doch noch ein­mal an­ders über­le­gen wür­de, las­se ich noch of­fen.

Fo­to: Archiv/Hoch­schu­le Os­na­brück

Herbert Zuc­chi zeigt sich ent­setzt über nur ei­nen Me­ter brei­te Rand­strei­fen und tritt vom Bei­rats­sitz der Na­tur­schut­zstif­tung Os­na­brü­cker Land zu­rück.

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