Schau­ri­ge Stadt­ge­schich­te

Gru­sel­füh­rung Kin­der wan­deln in dunk­len Ecken auf den Spu­ren von Un­ge­heu­ern und Sa­gen

Memminger Zeitung - - Vorderseite - VON DUN­JA SCHÜTTERLE

Bu­ben und Mäd­chen wan­deln bei der ers­ten Kin­der-Gru­sel­füh­rung durch dunk­le Ecken in der Alt­stadt. Da­bei sind sie auch Un­ge­heu­ern auf der Spur.

Mem­min­gen Beim He­xen­turm be­kommt Ju­li­an die Dau­men­schrau­ben an­ge­legt. Aus­ge­fres­sen hat der Acht­jäh­ri­ge al­ler­dings nichts, auch der He­xe­rei wird er nicht be­zich­tigt. Zum Glück – denn vor 500 Jah­ren war es auch in Mem­min­gen durch­aus üb­lich, Ge­ständ­nis­se durch Fol­ter, wie das Qu­et­schen von Glied­ma­ßen, her­bei­zu­füh­ren. Das er­fah­ren Ju­li­an und die an­de­ren beim ehe­ma­li­gen Ge­fäng­nis­turm der Stadt mit den ro­ten Back­stein­zie­geln: Dort be­ginnt die ers­te Kin­der­gru­sel­füh­rung durch Mem­min­gen.

Stadt­füh­re­rin Bir­git Kitz­mann spielt an die­sem ster­nen­kla­ren Abend die Nacht­wäch­te­rin, die mit ei­ner ker­zen­be­leuch­te­ten La­ter­ne in dunk­le Ecken weist. Un­ter ih­rem schwar­zen Man­tel hält sie ei­ni­ge ku­rio­se Din­ge ver­bor­gen. Wenn sie mit ih­rem his­to­ri­schen Hut, ei­nem Drei­spitz, und ih­rer Hel­le­bar­de, ei­ner lan­gen Hieb­waf­fe aus dem Mit­tel­al­ter, stram­men Schrit­tes um die Ecke läuft, wirkt sie selbst wie ei­ne Er­schei­nung aus ver­gan­ge­ner Zeit. Weit zu­rück führt auch die Ge­schich­te des Mem­min­ger Gast­wirts Jo­han­nes Greif. Im 17. Jahr­hun­dert wurde er bei le­ben­di­gem Leib ein­ge­mau­ert, weil er Wi­der­wor­te ge- gen den Kaiser laut aus­sprach. Der elf­jäh­ri­ge Lu­ca und seine neun­jäh­ri­ge Schwes­ter Jen­na fin­den das To­des­ur­teil ziem­lich un­ge­recht.

„Pfei­fer­lein“lan­det bei Pest­to­ten

Ei­ne Ge­schich­te, die die meis­ten der Kin­der schon ken­nen, ist die vom Mem­min­ger Mau, dem Mond im Zu­ber, die Kitz­mann im An­schluss er­zählt. Der fünf­jäh­ri­ge Len­nard will es aber ganz ge­nau wis­sen: „Hat­te der Mond, den die Rats­her­ren im Was­ser ge­se­hen ha­ben, auch ein Ge­sicht?“, fragt er sei­nen Pa­pa. Ver­mut­lich nicht, denn die Ge­schich­te sei ja nur ei­ne Sa­ge, er­klärt ihm der Va­ter auf dem Weg zum al- ten Fried­hof an der Mar­tins­kir­che. Dort ist vom ehe­ma­li­gen Got­tes­acker nichts mehr üb­rig – nur die Er­in­ne­rung, die bei der besonderen Stadt­füh­rung wie­der le­ben­dig wird – et­wa mit der Ge­schich­te des „Pfei­fer­leins“, das ver­se­hent­lich in ei­ner Gru­be mit Pest­to­ten lan­det. Ein biss­chen mul­mig kann es ei­nem schon wer­den auf dem his­to­ri­schen Platz zwi­schen den bei­den Kir­chen, der nur in fah­les Licht der Stra­ßen­la­ter­nen ge­taucht ist. Die Kin­der­grup­pe rings um Bir­git Kitz­mann ist aber mu­tig ge­nug, um wei­te­re span­nen­de Ge­schich­ten zu hö­ren.

Vom Mar­tin-Lu­ther-Platz führt die Nacht­wäch­te­rin die 18 Kin­der und ih­re Be­glei­tun­gen hin­ab ins Kel­ler­ge­wöl­be des ehe­ma­li­gen An­to­ni­ter­klos­ters, das von fla­ckern­den Ker­zen er­hellt ist. Der im Raum plat­zier­te To­ten­kopf aus Plas­tik wirkt täu­schend echt, wie auch die un­ge­wöhn­li­chen Din­ge, die auf dem Tisch lie­gen. „Die Hals­gei­ge brach­te im Mit­tel­al­ter zän­ki­sche Wei­ber wie­der zur Ver­nunft“, er­klärt die Nacht­wäch­te­rin. Gleich­zei­tig bit­tet sie um ei­nen Frei­wil­li­gen, der sich traut, sich an Hals und Hän­den fes­seln zu las­sen.

Der acht­jäh­ri­ge Tom mel­det sich, um den Schand­kra­gen am ei­ge­nen Leib zu tes­ten. „So wärst du jetzt öf­fent­lich an den Pran­ger ge­stellt wor­den, da­mit je­der in Mem­min­gen dich sieht“, sagt die Nacht­wäch­te­rin zu Tom. Der ist sicht­bar er­leich­tert, als ihn Kitz­mann von der Fes­sel er­löst. Im Nach­hin­ein stellt er fest: „Das hat sich schon ziem­lich ko­misch an­ge­fühlt.“

Am Lin­dau­er Tor dür­fen die Kin­der über die im Mau­er­werk ste­cken­de Ka­no­nen­ku­gel aus dem Drei­ßig­jäh­ri­gen Krieg strei­chen. Da­nach gibt’s als klei­ne Weg­zeh­rung von der Nacht­wäch­te­rin für je­den ein klei­nes Boll­werk aus Scho­ko­la­de. Mit der Ge­schich­te ei­nes Ba­si­lis­ken – und zwar ei­nem Un­ge­heu­er just hier in Mem­min­gen und nicht aus der Ro­man- und Lein­wand­welt von „Har­ry Pot­ter“– en­det die ein­stün­di­ge Gru­sel­füh­rung am Markt­platz.

OTer­min Die nächs­te Gru­sel­füh­rung für Kin­der ab fünf Jah­ren fin­det am Sams­tag, 15. De­zem­ber, um 18 Uhr bei je­der Wit­te­rung statt. Die Kos­ten pro Kind be­tra­gen vier Eu­ro. Ei­ne An­mel­dung über die Stadt­in­for­ma­ti­on ist er­for­der­lich un­ter Te­le­fon (08331) 850-173.

Fo­to: Dun­ja Schütterle

Stadt­füh­re­rin Bir­git Kitz­mann spielt bei der ers­ten Mem­min­ger Kin­der­gru­sel­füh­rung ei­ne Nacht­wäch­te­rin mit ei­ner ker­zen­be­leuch­te­ten La­ter­ne. Zu den Teil­neh­mern zäh­len Lu­ca und seine Schwes­ter Jen­na Schwei­ger, die durch Geis­ter­bahn­fahr­ten auf dem Jahr­markt be­reits er­fah­re­ne Gru­se­l­ex­per­ten sind.

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