Kon­kur­renz für Pu­tin

In Russ­land regt sich der Wunsch nach ei­ner ech­ten Op­po­si­ti­on – Spür­ba­re Un­zu­frie­den­heit

Meppener Tagespost - - VORDERSEITE - Von Mar­kus Pöhl­king

mpoe OS­NA­BRÜCK. Die Zu­stim­mungs­wer­te für Pu­tin sind hoch, zugleich regt sich in Russ­land der Wunsch nach ei­ner ech­ten Op­po­si­ti­on. Po­li­ti­ker wie Ale­xej Na­wal­ny ver­su­chen, lo­ka­le Pro­tes­te zu ei­ner na­tio­na­len Be­we­gung zu ver­net­zen.

Die par­la­men­ta­ri­sche Op­po­si­ti­on ist kaum der Re­de wert, der wich­tigs­te Kon­tra­hent zur Wahl nicht zu­ge­las­sen. In­so­fern gibt es kaum Zwei­fel, dass Wla­di­mir Pu­tin die rus­si­sche Prä­si­dent­schafts­wahl am Sonn­tag ge­win­nen wird. Da­bei wächst im Land der Wunsch nach ei­ner Al­ter­na­ti­ve.

OS­NA­BRÜCK. Der Form hal­ber wird am Sonn­tag auf den rus­si­schen Wahl­bö­gen al­les sei­ne Rich­tig­keit ha­ben: Ne­ben Amts­in­ha­ber Pu­tin be­wer­ben sich kom­mu­nis­ti­sche, li­be­ra­le und na­tio­na­lis­ti­sche Po­li­ti­ker auf das Prä­si­den­ten­amt. Acht Kan­di­da­ten hat die Wahl­kom­mis­si­on zu­ge­las­sen, no­mi­nell ent­spricht die Band­brei­te der ver­tre­te­nen Po­si­tio­nen dem aus Eu­ro­pa ver­trau­tem Par­tei­en­spek­trum. Tat­säch­lich sei die­se Viel­falt aber kaum mehr als Au­gen­wi­sche­rei, ur­teilt der Po­li­tik­wis­sen­schaft­ler Ste­fan Meis­ter. „Die Ge­gen­kan­di­da­ten und ih­re Par­tei­en sind eher als Teil der Ins­ze­nie­rung zu be­trach­ten denn als ernst­haf­te Op­po­si­ti­on.“

Meis­ter lei­tet seit 2017 beim Thinktank „Deut­sche Ge­sell­schaft für Aus­wär­ti­ge Po­li­tik“das Ro­bert-Bo­schPro­gramm für Ost­eu­ro­pa, Russ­land und Zen­tral­asi­en. Sei­ner Ein­schät­zung nach ge­be es in Russ­land ei­ne Art ge­dul­de­te Op­po­si­ti­on, der man ein ge­wis­ses Maß an Nar­ren­frei­heit zu­ge­ste­he, so­lan­ge sie sich an grund­le­gen­de Spiel­re­geln hal­te. „Bei den in der Du­ma ver­tre­te­nen Par­tei­en sieht man seit Jah­ren im­mer die glei­chen Leu­te in im­mer den glei­chen Po­si­tio­nen, die letzt­lich die Po­li­tik der Re­gie­rung mit­tra­gen.“Dis­kur­se im Par­la­ment sei­en of­fen­sicht­lich or­ches­triert, ech­ten Wi­der­spruch zu Re­gie­rungs­po­si­tio­nen ge­be es prak­tisch nicht, sagt Meis­ter.

Da­bei ge­be es in Russ­land zahl­rei­che The­men, mit de­nen sich ei­ne par­la­men­ta­ri­sche Op­po­si­ti­on pro­fi­lie­ren könn­te, fin­det Ta­tia­na Go­l­o­va vom Zen­trum für Ost­eu­ro­pa und in­ter­na­tio­na­le Stu­di­en (Zois) in Berlin.

Un­zu­frie­den­heit spür­bar

Die Wis­sen­schaft­le­rin forscht zu so­zia­len Be­we­gun­gen in Russ­land und er­kennt im Land ei­ne spür­ba­re Un­zu­frie­den­heit in der Be­völ­ke­rung, et­wa über die Bil­dungs­und So­zi­al­po­li­tik und über die all­ge­gen­wär­ti­ge Kor­rup­ti­on. Der Kreml nut­ze al­ler­dings sämt­li­che ad­mi­nis­tra­ti­ven Res­sour­cen, um ernst­haf­te Kri­tik auf Spar­flam­me zu hal­ten: „Auf lo­ka­ler Ebe­ne ge­hen die rus­si­schen Bür­ger durch­aus auf die Stra­ße, um ge­gen emp­fun­de­nes Un­recht zu de­mons­trie­ren“, sagt Go­l­o­va. „Weil da­von aber in den Staats­me­di­en nichts statt­fin­det, blei­ben die Prot­ago­nis­ten meist un­sicht­bar und iso­liert.“Go­l­o­va misst die­sen klei­nen, lo­ka­len Be­we­gun­gen den­noch gro­ßes Po­ten­zi­al bei. Das ha­be auch der der­zeit pro­mi­nen­tes­te Op­po­si­ti­ons­po­li­ti­ker Ale­xej Na­wal­ny er­kannt: „Was Na­wal­ny in den ver­gan­ge­nen Jah­ren ge­leis­tet hat, ist vor al­lem, lo­kal ver­an­ker­te, aber über­re­gio­nal ver­netz­te Struk­tu­ren zu eta­blie­ren.“

Neue Art von Op­po­si­ti­on

Da­mit ha­be er die Grund­la­ge für ei­ne neue Art von Op­po­si­ti­on ge­schaf­fen, die dem Kreml of­fen­kun­dig Sor­gen be­rei­tet.

Der 41-jäh­ri­ge Na­wal­ny ist ei­ne um­trie­bi­ge Fi­gur. Seit ei­ni­gen Jah­ren gibt sich der An­walt als li­be­ra­le Al­ter­na­ti­ve zu Pu­tin, schlug frü­her aber auch na­tio­na­lis­ti­sche Tö­ne an. Nach­dem Na­wal­ny in ei­nem un­durch­sich­ti­gen Ver­fah­ren we­gen frag­wür­di­ger Ge­schäfts­prak­ti­ken zu ei­ner Be­wäh­rungs­stra­fe ver­ur­teilt wur­de, un­ter­sag­te ihm die Wahl­kom­mis­si­on die Teil­nah­me an den Wah­len. Na­wal­ny rief dar­auf­hin zu Pro­tes­ten und ei­nem Wahl­boy­kott auf, um die Wah­len in Miss­kre­dit zu brin­gen – und konn­te al­ler staat­li­chen Re­pres­si­on zum Trotz mehr­mals lan­des­wei­te De­mons­tra­tio­nen lan­cie­ren.

Ob­schon ge­gen den Ap­pa­rat des Kremls prak­tisch chan­cen­los, sieht Ste­fan Meis­ter ihn in ei­nem Punkt im Vor­teil ge­gen­über Pu­tin: „Er schafft es, Zu­kunfts­the­men zu be­set­zen und ei­ne po­si­ti­ve Agen­da zu ent­wi­ckeln.“Pu­tin trä­fe mit sei­nen ste­ti­gen Be­schwö­run­gen der Grö­ße Russ­lands und sei­ner mi­li­tä­ri­schen Rhe­to­rik zwar ei­nen Nerv im Land, aber: „Auf die ei­gent­li­chen Pro­ble­me und Fra­gen der Leu­te hat Pu­tin kei­ne Ant­wort, wahr­schein­lich in­ter­es­siert ihn das auch nicht. Und die­se Leer­stel­le be­set­zen Na­wal­ny und sei­ne Leu­te ziem­lich ge­schickt.“

Dass der Kreml die Her­aus­for­de­rung durch Na­wal­ny ernst nimmt, be­legt nach An­sicht man­cher Ex­per­ten nicht zu­letzt das Auf­tau­chen ei­ner zwei­ten schil­lern­den Prot­ago­nis­tin in der Op­po­si­ti­on: Im Ok­to­ber 2017 ver­kün­de­te die Jour­na­lis­tin Xe­nia Sobt­schak über­ra­schend, ge­gen Pu­tin kan­di­die­ren zu wol­len. Sobt­schak ist die Toch­ter ei­nes ehe­ma­li­gen Bür­ger­meis­ters von Sankt Pe­ters­burg, des­sen po­li­ti­scher Zieh­sohn aus­ge­rech­net Pu­tin ist. Sie fiel be­reits vor ei­ni­gen Jah­ren durch op­po­si­tio­nel­le Äu­ße­run­gen auf, den­noch hält sich hart­nä­ckig das Ge­rücht, sie sei ei­ne Ma­rio­net­te des Kreml – et­wa, weil sie zu pro­mi­nen­ten Sen­de­zei­ten im Staats­fern­se­hen auf­taucht und Din­ge sa­gen kann, die dort sonst un­aus­ge­spro­chen blei­ben. „Es ist schwer vor­stell­bar, dass das oh­ne Ein­wil­li­gung des Kreml läuft“, sagt Ta­tia­na Go­l­o­va. In­halt­lich rich­te sich Sobt­schak an ei­ne ur­ba­ne, li­be­ra­le Kli­en­tel, die es au­ßer­halb von St. Pe­ters­burg und Mos­kau kaum gibt. „Da­mit wird sie bei der Wahl kei­ne Rol­le spie­len, aber po­ten­zi­ell ei­nen Keil in die Pro­test­be­we­gung Na­wal­nys trei­ben“, be­schreibt Go­l­o­va.

Pu­tin selbst wür­de das wohl ge­le­gen kom­men. Im De­zem­ber 2017 ge­lang es Sobt­schak, vor lau­fen­den Ka­me­ras das Wort an den Prä­si­den­ten zu rich­ten. Ob die Macht in Russ­land Kon­kur­renz fürch­te, frag­te sie, schließ­lich wür­den Op­po­si­tio­nel­le ent­we­der um­ge­bracht, ver­haf­tet oder, wie im Fall Na­wal­ny, an­der­wei­tig aus dem Ren­nen ge­nom­men. Pu­tin ant­wor­te­te dar­auf, es ge­be nun mal in Russ­land kei­ne kon­struk­ti­ve Op­po­si­ti­on, son­dern nur ein paar Ty­pen vom Schla­ge des ehe­ma­li­gen ge­or­gi­schen Prä­si­den­ten Saa­ka­schwi­li, die es dar­auf an­leg­ten, Un­ru­he und Cha­os zu stif­ten. „Wol­len Sie et­wa, dass die­se Saa­ka­schwi­lis die Si­tua­ti­on hier im Land de­sta­bi­li­sie­ren?“Das wer­de man in Russ­land ver­hin­dern, sag­te Pu­tin un­ter dem Bei­fall der An­we­sen­den.

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Fo­to: imago/ITAR TASS

Tro­ja­ni­sches Pferd? Ziem­lich über­ra­schend be­trat die Jour­na­lis­tin Xe­nia Sobt­schak im Herbst die po­li­ti­sche Büh­ne. Kri­ti­ker hal­ten sie für ei­ne Kreml-Ma­rio­net­te.

Fo­to: dpa

Um­trie­bi­ge Fi­gur: Blog­ger und Op­po­si­ti­ons­po­li­ti­ker Ale­xej Na­wal­ny.

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