Der Mer­kel-Ma­cher

Wolf­hard Mol­ken­tin hat 1989 die da­mals 36-jäh­ri­ge Ost­po­li­ti­ke­rin ent­deckt – und ge­schickt als CDU-Kan­di­da­tin durch­ge­setzt

Meppener Tagespost - - EINBLICKE - Von Max-Ste­fan Kos­lik

SCHWE­RIN. Der Mann züch­tet sei­ne Kö­ni­gin­nen selbst. „Wenn man Kö­ni­gin­nen­zucht be­treibt, muss man die Kö­ni­gin­nen un­ter Kon­trol­le schlüp­fen las­sen“, sagt Wolf­hard Mol­ken­tin. Der Im­ker ist der­je­ni­ge, von dem An­ge­la Mer­kel sagt, oh­ne ihn wä­re sie nicht Kanz­le­rin der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land ge­wor­den. Der rup­pig er­schei­nen­de, ja ge­ra­de­zu gran­ti­ge Vor­pom­mer hat­te mit ei­nem schlitz­oh­ri­gen Schach­zug da­für ge­sorgt, dass die stell­ver­tre­ten­de Re­gie­rungs­spre­che­rin im Ka­bi­nett von Lothar de Mai­ziè­re 1990 die Bun­des­tags­kan­di­da­tur der CDU in Nord­vor­pom­mern be­kam. Ei­ne vom De­mo­kra­ti­schen Auf­bruch! Ei­ne aus Berlin! Dass An­ge­la Mer­kel ei­gent­lich aus Tem­plin und da­mit der Ucker­mark stammt, wuss­te da­mals in Meck­len­burg noch kei­ner. Wo­her kann­te Mol­ken­tin die da­mals 36-jäh­ri­ge Mer­kel?

Der Land­wirt schmun­zelt. Es ist sein ty­pi­sches Schmun­zeln. De­zem­ber 1989 ist es, als sich der CDU-Mann für das Amt als neu­er CDU-Kreis­vor­sit­zen­der be­wirbt. Die Mau­er war ge­ra­de ge­fal­len. „Wenn ihr mich zum Kreis­vor­sit­zen­den wählt, wer­de ich da­für sor­gen, dass Deutsch­land wie­der ein ei­nig Va­ter­land wird.“Gro­ße Wor­te. Doch als sich im Som­mer dar­auf ein Ban­ker aus Ol­den­burg, ein Käm­me­rer aus So­lin­gen und ein CDU-Käm­pe aus Kai­sers­lau­tern um das Bun­des­tags­man­dat für Grim­men, Stral­sund und auf Rü­gen be­wer­ben wol­len, da ist ihm das ei­nig Va­ter­land doch ein we­nig zu dicht vor die ei­ge­ne Haus­tür ge­rückt. Mol­ken­tin ist in­zwi­schen Land­rat. Der Kreis­tag ist auf­ge­stellt. Al­le Land­tags­kan­di­da­ten sind be­nannt. „Da war nie­mand mehr. Es fehl­ten die Eli­ten in der CDU. Da ha­be ich Gün­ther Krau­se in Berlin an­ge­ru­fen.“„Kennst du die An­ge­la Mer­kel?“, hat Krau­se ge­fragt. „Nimm die.“

Am nächs­ten Tag ist ei­ne schüch­ter­ne Stim­me am Te­le­fon. Die stell­ver­tre­ten­de Re­gie­rungs­spre­che­rin von Lothar de Mai­ziè­re. Ein Tref­fen in Grim­men wird ver­ab­re­det. „Ich wur­de ei­nem re­la­tiv stren­gen Ver­hör un­ter­zo­gen“, er­in­nert sich An­ge­la Mer­kel spä­ter, „das gip­fel­te da­rin, dass ich sa­gen soll­te, bei wel­cher Bo­den­wert­zahl man Zu­cker­rü­ben an­bau­en kann.“Ja, so kann man sich den Land­wirt Mol­ken­tin vor­stel­len. Der geht kein Ri­si­ko ein.

So kommt der 27. Au­gust 1990. Ein Tag mit­ten in der Wo­che. Die CDU Rü­gen lädt zur No­mi­nie­rungs­wahl für den Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ten ein. Um 18 Uhr tref­fen die Kan­di­da­ten im „Haus der Ar­mee“in Pro­ra auf­ein­an­der. Die CDU in Stral­sund kommt mit ei­nem Kan­di­da­ten aus Kai­sers­lau­tern. Die CDU Rü­gen kommt mit dem aus Ol­den­burg. Mol­ken­tin und die Grim­me­ner schi­cken An­ge­la Mer­kel ins Ren­nen. Zwei Bus­se hat er voll­ge­packt mit Mit­glie­dern. „Ak­ti­ve De­mo­kra­tie“, nennt er das. Im ers­ten Wahl­gang liegt der Rü­ge­ner Kan­di­dat noch vorn. Ihm feh­len nur sie­ben Stim­men. Die ers­ten Rü­ge­ner ge­hen sie­ges­si­cher nach Hau­se. Wer ist Mer­kel? Doch Mol­ken­tins Bus­se fah­ren noch lan­ge nicht. Als es spät in der Nacht zur ent­schei­den­den Wahl kommt, liegt An­ge­la Mer­kel mit 13 Stim­men vorn. 13 Stim­men. Ein Uhr drei­ßig. Mit­ten in der Wo­che. Die 36-Jäh­ri­ge ist CDU-Kan­di­da­tin auf der In­sel Rü­gen, Stral­sund, Grim­men für die ers­te ge­samt­deut­sche Bun­des­tags­wahl. An­ge­la Mer­kel ge­winnt im De­zem­ber die Wahl in Vor­pom­mern. Und seit­dem ge­winnt sie stets ih­ren Wahl­kreis. Noch heu­te ruft Mol­ken­tin manch­mal bei Mer­kel an. „Aber nur, wenn es wirk­lich wich­tig ist.“

Fo­to: Max-Ste­fan Kos­lik

Vor­aus­sicht: Wolf­hard Mol­ken­tin.

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