Aus der Zeit ge­fal­len

„Zwi­schen den Zei­len“: Neu­er Film von Oli­vier As­sa­yas ist leich­te Kost oh­ne Kul­tur­pes­si­mis­mus

Meppener Tagespost - - Film - Von Frank Jür­gens

OS­NA­BRÜCK Oli­ver As­sa­yas’ neu­er Film „Zwi­schen den Zei­len“wirkt zwar in sei­ner dia­log­rei­chen, sze­ni­schen Ins­ze­nie­rung wie aus der Zeit ge­fal­len, ent­puppt sich aber als ge­lun­ge­ner Dis­kurs zum Wan­del im Li­te­ra­tur­be­trieb als Me­ta­pher über das uni­ver­sel­le The­ma Ve­rän­de­rung.

So ei­ne ar­me Schrift­stel­ler­see­le hat es nicht leicht in di­gi­ta­len Zei­ten wie die­sen. Wa­ren eins­ti­ge Schaf­fens­kri­sen in un­sicht­ba­rer Gestalt von Schreib­blo­cka­den und ähn­li­chen Din­gen noch recht über­schau­bar, so muss sich der mo­der­ne Li­te­rat von heu­te doch tat­säch­lich mit Blog­gern, Twit­te­rern und noch schlim­me­ren Aus­wüch­sen di­gi­ta­ler De­menz mes­sen.

Aber für den von sich völ­lig über­zeug­ten Au­tor Léo­nard Spie­gel (Vin­cent Ma­cai­gne) kommt es gleich noch ei­ne Spur di­cker. Beim Tref­fen mit sei­nem lang­jäh­ri­gen Freund und Ver­le­ger Alain (Guil­lau­me Ca­net) er­öff­net die­ser ihm, dass er für Léo­nards selbst­ver­lieb­te Zei­len kei­ne Ver­wen­dung mehr hat. Das neue Ma­nu­skript wer­de er nicht ver­öf­fent­li­chen. Punkt. Und so­wie­so sei der Ver­lag der­zeit viel zu sehr mit di­gi­ta­ler Mo­der­ni­sie­rung be­schäf­tigt.

Um die küm­mert sich die jun­ge Lau­re (Chris­ta Thé­ret). Und um Lau­re küm­mert sich wie­der­um Alain mehr, als des­sen Frau Se­le­na (Ju­li­et­te Bi­no­che) wis­sen darf. Die nun be­reits seit sechs Jah­ren ih­re heim­li­che Li­ai­son mit

Léo­nard ver­schweigt, von der Alain im­mer noch nichts ahnt – ob­wohl er da­von ei­gent­lich längst wis­sen müss­te.

Auf den ers­ten Blick hat Dreh­buch­au­tor und Re­gis­seur Oli­vier As­sa­yas („Car­los“) mit „Zwi­schen den Zei­len“ei­nen Film ge­schaf­fen, der ähn­lich aus der Zeit ge­fal­len zu sein scheint wie die bei­den männ­li­chen Prot­ago­nis­ten in ih­rer je­wei­li­gen Mid­life­cri­sis. Sze­nisch auf­ge­baut wie ein Thea­ter­stück und min­des­tens so dia­log­reich wie die meis­ten Fil­me von Woo­dy Al­len, er­weckt „Zwi­schen den Zei­len“zu

nächst den Ein­druck, As­sa­yas wol­le ei­nen Dis­kurs über den Wan­del des Li­te­ra­tur­be­trie­bes im di­gi­ta­len Zeit­al­ter an­stren­gen.

Aber hin­ter „Dou­bles vies“, so der fran­zö­si­sche Ori­gi­nal­ti­tel, steckt mehr. Der süf­fi­sant an­ge­ris­se­ne und mit zahl­rei­chen Vor­ur­tei­len und Miss­ver­ständ­nis­sen ge­spick­te Dis­kurs über den ak­tu­el­len Wan­del im Li­te­ra­tur­be­trieb dient letzt­end­lich nur als Me­ta­pher für das uni­ver­sel­le The­ma Ve­rän­de­rung, dem sich nie­mand ent­zie­hen kann. Be­glei­tet vom ewi­gen Su­chen und Fin­den der Lie­be, tau­meln sämt­li­che Prot­ago­nis­ten zwi­schen uto­pi­schem Selbst­bild und ih­rer letzt­end­lich dann doch recht ba­na­len Wirk­lich­keit neu­en Zie­len ent­ge­gen.

So ha­dert dann bei­spiels­wei­se auch Alains Frau Se­le­na mit ih­rem Schick­sal als Darstel­le­rin ei­ner Fern­seh­se­rie, die sie nur nach au­ßen hin eu­phe­mis­tisch ver­tei­digt. Aber am deut­lichs­ten kommt die Dis­kre­panz zwi­schen Selbst­bild und Wirk­lich­keit bei Léo­nard zum Tra­gen. Der Au­tor hat zwar nie Pro­ble­me da­mit, in­tims­te De­tails sei­nes Le­bens un­ver­blümt in sei­nen Bü­chern zu ver­ar­bei­ten und da­bei rea­le Per­so­nen als Vor­la­gen sei­ner Fi­gu­ren der Lä­cher­lich­keit preis­zu­ge­ben.

Aber wenn er im Ro­man mit ei­nem se­xu­el­len Aben­teu­er im Kino prahlt, dann flun­kert er aus ver­schäm­ter Ei­tel­keit mit dem Ti­tel und macht aus dem tri­via­len Film „Star Wars“lie­ber das auch in in­tel­lek­tu­el­len Krei­sen an­er­kann­te Werk „Das wei­ße Band“.

„Zwi­schen den Zei­len“ist kein leicht kon­su­mier­ba­rer Film. Aber ein po­si­tiv aus der Zeit ge­fal­le­nes Stück, das auch über das En­de der Li­te­ra­tur­kri­tik (Al­go­rith­men sei­en schließ­lich viel zu­ver­läs­si­ger) und den Sie­ges­zug von Mal­bü­chern für Er­wach­se­ne sin­niert, oh­ne da­bei kul­tur­pes­si­mis­ti­sche Zü­ge an­zu­neh­men.

Zwi­schen den Zei­len. F 2018. R: Oli­vier As­sa­yas. D: Guil­lau­me Ca­net, Ju­li­et­te Bi­no­che, Vin­cent Ma­cai­gne, Chris­ta Thé­ret. 107 Mi­nu­ten.

Ab 6 Jah­ren.

Fo­to: dpa/Ala­mo­de Film

Von ih­ren ge­gen­sei­ti­gen Sei­ten­sprün­gen wis­sen sie nichts: Ju­li­et­te Bi­no­che als Se­le­na und Guil­lau­me Ca­net als ihr Ehe­mann Alain.

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