Ge­ben wir der Na­ti­ons Le­ague doch ei­ne Chan­ce!

Meppener Tagespost - - Sport - Von Udo Mu­ras

FRANKFURT Am Sonn­tag tex­te­te mich ein Freund an in der Ab­sicht, mit mir das Fi­na­le der Na­ti­ons Le­ague an­zu­schau­en. Ich wies ihn amü­siert zu­rück mit dem Be­mer­ken, dass ich mir lie­ber noch mal auf Sky Nost­al­gie den Skla­ven­auf­stand ge­gen Rom un­ter Spar­ta­cus an­sä­he.

Da ich den al­ten Schin­ken ein­mal zu oft ge­se­hen ha­be, fiel die Wahl auf den Un­ter­gang von Pom­pe­ji, ei­ne neue­re Ver­fil­mung des nicht min­der al­ten Stof­fes. Als Pom­pe­ji dann in Schutt und Asche lag und we­der die Gu­ten noch die Bö­sen über­lebt hat­ten, stand mir der Sinn nach ei­nem Hel­den­stück mit un­vor­her­seh­ba­rem Aus­gang.

Und so lan­de­te ich doch beim Fuß­ball, dem „Thea­ter des klei­nen Man­nes“, wie es Hob­by­phi­lo­soph Ot­to Reh­ha­gel ein­mal aus­drück­te. Was man da in der zwei­ten Halb­zeit von Por­to zu se­hen be­kam, ließ mich nicht mehr los. Por­tu­gal und das Oran­jeTeam lie­fer­ten sich ei­nen Fight, als gin­ge es um den WM-Po­kal; das Pu­bli­kum ging ek­sta­tisch mit und fei­er­te nach dem 1:0 ei­nen gro­ßen Tag. „Die Spie­ler ha­ben sich in die Ge­schich­te ge­spielt“, sag­te ein stol­zer Fer­nan­do San­tos, Trai­ner der ers­ten Na­ti­ons-Le­ague-Ge­win­ner.

Wie ein sol­cher Sieg bei uns ge­fei­ert wor­den wä­re? Ich will und kann nicht den Pro­phe­ten ge­ben, aber ich wa­ge zu be­haup­ten, dass der kom­pli­zier­tes­te Wett­be­werb der Welt ein paar Skep­ti­ker we­ni­ger ha­ben dürf­te. Mag man die Por­tu­gie­sen ru­hig als „Test­spiel-Eu­ro­pa­meis­ter“ver­spot­ten, denn die Ein­füh­rung der Na­ti­ons Le­ague hat be­lang­lo­se Test­spie­le qua­si ab­ge­schafft – Po­ka­le ge­win­nen will je­der gern.

Die meis­ten Skep­ti­ker gab es bei der Ein­füh­rung na­tür­lich wie­der mal bei uns, der Ko­lum­nist ge­hört da­zu, aber auch die Wor­te des DFLChefs Chris­ti­an Sei­fert soll­te man sich ein­prä­gen: „Un­se­re Welt­sicht ist nicht die ein­zig wah­re!“Aus­ge­spro­chen im April 2019, gül­tig in je­der Be­zie­hung und zu al­len Zei­ten.

Ich blei­be zwar da­bei, dass ich die Na­ti­ons Le­ague nicht ver­ste­he und sie kei­nem Acht­jäh­ri­gen er­klä­ren könn­te, oh­ne dass der min­des­tens zehn­mal ein boh­ren­des „War­um?“ent­geg­nen wür­de.

Aber schau­en wir uns mal die holp­ri­ge Ge­schich­te an­de­rer Fuß­ball­wett­be­wer­be an, die längst eta­bliert sind. An der ers­ten WM 1930 nah­men al­le teil, die woll­ten, und doch wa­ren es zu we­nig. Die FI­FA konn­te nur 13 statt 16 Teams nach Uru­gu­ay lo­cken, Qua­li­fi­ka­ti­ons­spie­le wa­ren nicht nö­tig. Eu­ro­pa zeig­te die kal­te Schul­ter. Deutsch­land, En­g­land, Ita­li­en, Spa­ni­en und vie­le an­de­re boy­kot­tier­ten das Tur­nier in Über­see, das man nur per Schiff an­steu­ern konn­te. Da­nach aber sag­te der ju­go­sla­wi­sche Ver­bands­se­kre­tär: „Je­der, der nicht da­bei war, hat ei­nen Feh­ler ge­macht.“Den kei­ner mehr ma­chen woll­te. Die WM wur­de zum größ­ten Sport­er­eig­nis der Welt.

Oder die Eu­ro­pa­meis­ter­schaft. Als sie 1960 ein­ge­führt wur­de, blieb der DFB wie­der au­ßen vor, „sie stö­re nur“in der Vor­be­rei­tung auf die WM, sag­te der wei­se Sepp Her­ber­ger. Auch 1964 blieb Deutsch­land noch fern, ehe es sei­ne Welt­sicht all­mäh­lich der neu­en Zeit an­pass­te. Zum Glück, sonst hät­te un­se­re „Jahr­hun­dert­elf“1972 nicht so groß in Brüssel auf­spie­len kön­nen.

Auch un­ser DFB-Po­kal führ­te lan­ge ein Aschen­put­tel­da­sein. In den ers­ten Jah­ren nach dem Krieg fan­den die End­spie­le im Win­ter statt, in Pro­vinz­sta­di­en, die nicht im­mer aus­ver­kauft wa­ren. Nie­mand sang: „Kas­sel, Kas­sel, wir fah­ren nach Kas­sel.“Heu­te sin­gen die Fans schon in der ers­ten Run­de im Au­gust von der be­vor­ste­hen­den Rei­se nach Berlin. Ge­ben wir nun al­so der Na­ti­ons Le­ague ei­ne Chan­ce. Wenn die­ser Wett­be­werb bei den Sie­gern Glücks­ge­füh­le aus­löst wie in Por­tu­gal, dann er­füllt sie den wah­ren Sinn des Fuß­balls. Bei Spar­ta­cus: Das nächs­te End­spiel schaue ich von Be­ginn an.

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Be­geis­te­rung um die Na­ti­ons Le­ague: Por­tu­gal fei­ert den Pre­mie­ren­sieg. Fo­to: dpa/Mar­tin Meiss­ner

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