Teu­res Är­ger­nis an den Wän­den Graf­fi­ti blockt Miet­erhö­hung nicht / Recht­spre­chung ist bis­her noch un­ei­nig

Meppener Tagespost - - Gut Zu Wissen - Von Meik Heit­mann

OS­NA­BRÜCK Je dich­ter die Be­bau­ung in der Stadt ist, des­to grö­ßer ist die Ge­fahr, Op­fer ei­nes „Graf­fi­ti-An­schlags“zu wer­den. Denn die En­ge in den Blocks bie­ten den Spray­ern De­ckung und Schutz. Hat sich in dem Be­zirk auch noch ei­ne „Spray­er­sze­ne“ge­bil­det, so wird die Si­tua­ti­on schwie­rig. Denn dann schau­keln sich die Spray­er ge­gen­sei­tig hoch, und es wird zum Sport, wer das größ­te und – aus Sicht der „Künst­ler“– schöns­te Werk er­schafft.

Die Hö­he des Scha­dens bun­des­weit ist schwer zu er­mit­teln. Gro­be Schät­zun­gen ge­hen von jähr­lich 200 bis 500 Mil­lio­nen Eu­ro aus. Und meis­tens blei­ben die Ei­gen­tü­mer auf die­sen Kos­ten sit­zen.

Graf­fi­ti ver­än­dern das Er­schei­nungs­bild der Im­mo­bi­lie nicht un­er­heb­lich, wo­mit der Straf­tat­be­stand der Sach­be­schä­di­gung er­füllt ist. Das Ge­setz sieht da­für ei­nen Straf­rah­men von Geld­stra­fe bis zu Frei

heits­stra­fe von zwei Jah­ren vor. Ist ein Spray­er straf­recht­lich ver­ur­teilt, so kann der be­trof­fe­ne Ei­gen­tü­mer Scha­den­er­satz­an­sprü­che gel­tend ma­chen. Oft schei­tern Er­mitt­lungs­ver­fah­ren dar­an, dass nicht ein­deu­tig be­wie­sen wer­den kann, wer ein kon­kre­tes Graf­fi­ti er­stellt hat. Die Ei­gen­tü­mer blei­ben dann auf den Kos­ten für Be­sei­ti­gung oder Über­ma­lung sit­zen.

Et­was an­ders kann es aus­se­hen, wenn es sich um ein Miets­haus han­delt. Es gibt zahl­rei­che – wenn auch in un­ter­schied­li­che Rich­tun­gen ge­hen­de – Ur­tei­le.

So hat das Amts­ge­richt Berlin-Mit­te zwi­schen Haus­rei­ni­gungs­kos­ten und In­stand­set­zungs­kos­ten dif­fe­ren­ziert. Wenn die Sub­stanz des Ge­bäu­des ver­letzt ist, ent­ste­hen da­nach bei der Be­sei­ti­gung nicht um­la­ge­fä­hi­ge In­stand­hal­tungs­kos­ten. Ver­letzt die Ma­le­rei da­ge­gen die Sub­stanz nicht, so sei die Be­sei­ti­gung ei­ne Rei­ni­gungs­ar­beit, de­ren Kos­ten auf die Mie­ter um­ge­legt wer­den kann. In dem Fall konn­te der Mie­ter nicht be­le­gen, dass es sich nicht nur um Kos­ten für die Rei­ni­gung der Wän­de im Rah­men um­la­ge­fä­hi­ger Haus­rei­ni­gungs­kos­ten han­del­te. Der Ver­mie­ter konn­te sei­ner­seits glaub­haft vor­tra­gen, dass die Wän­de re­gel­mä­ßig mo­nat­lich durch Graf­fi­ti ver­un­rei­nigt und die Ver­schmut­zun­gen quar­tals­wei­se ent­fernt wer­den.

Ähn­lich ur­teil­te das Amts­ge­richt Berlin-Neu­kölln. Wer­den re­gel­mä­ßig un­er­wünsch­te „Kunst­wer­ke“ent­fernt, so kön­nen die Aus­ga­ben zu den sons­ti­gen Be­triebs­kos­ten ge­zählt wer­den. Hier hat­te der Ver­mie­ter die Kos­ten für die Be­sei­ti­gung von Graf­fi­ti-Schmie­re­rei­en an der Haus­fas­sa­de be­reits seit vier Jah­ren um­ge­legt, und die Mie­ter ha­ben an­stands­los be­zahlt. Es ha­be sich so­mit ei­ne „neue Kos­ten­art“eta­bliert.

Das Land­ge­richt Kas­sel zielt auch auf Re­gel­mä­ßig­keit ab. Die hes­si­schen Rich­ter ent­schie­den, dass die Kos­ten für die Be­sei­ti­gung von Graf­fi­ti zu­min­dest dann nicht als Kos­ten für die Ge­bäu­de­rei­ni­gung nach der Be­triebs­kos­ten­ver­ord­nung durch­ge­hen und da­mit um­ge­legt wer­den kön­nen, wenn sie nicht re­gel­mä­ßig an­fie­len.

Das Land­ge­richt Berlin ur­teil­te, dass die Be­sei­ti­gung von Graf­fi­ti grund­sätz­lich als In­stand­hal­tung und In­stand­set­zung zu be­trach­ten und so­mit nicht auf die Mie­ter um­zu­le­gen ist. Da­bei spie­le es kei­ne Rol­le, ob sie re­gel­mä­ßig an­fie­len oder nicht. Ei­ne höchst­rich­ter­li­che Ent­schei­dung zu dem The­ma steht noch aus.

Dar­an, dass die meis­ten Ur­tei­le zu der Pro­ble­ma­tik aus Berlin ver­öf­fent­licht wer­den, ist ab­zu­le­sen, dass die Bun­des­haupt­stadt auch so et­was wie das Graf­fi­ti-Zen­trum Deutsch­lands ist.

Auch zum The­ma Wert­min­de­rung kommt die Recht­spre­chung aus Berlin: So hat das Land­ge­richt ent­schie­den, dass klei­ne­re Putz­schä­den und Graf­fi­ti im und am Ge­bäu­de nicht zwangs­wei­se wohn­wert­min­dernd sind. Gibt es der­ar­ti­ge Merk­ma­le, so sind sie nicht zwin­gend als In­diz für ei­nen schlech­ten In­stand­hal­tungs­zu­stand „im Sin­ne der Ori­en­tie­rungs­hil­fe zum Miet­spie­gel“zu be­wer­ten. Ein Mie­ter kann ei­ner Miet­erhö­hung nicht mit dem Ar­gu­ment wi­der­spre­chen, das Haus ha­be Putz­schä­den und Graf­fi­ti. Und so sah das auch das Amts­ge­richt Berlin-Mit­te. Dort be­fan­den sich Graf­fi­ti an der Fas­sa­de im Erd­ge­schoss ei­nes Miets­hau­ses. Es han­del­te sich nicht um ei­ne „Lu­xus­im­mo­bi­lie“. Den­noch for­der­te ein Mie­ter den Ver­mie­ter auf, die Schmie­re­rei­en ent­fer­nen zu las­sen – ver­geb­lich. Denn der Ge­brauch der Woh­nung war nicht be­ein­träch­tigt. Wur­de zwi­schen den Par­tei­en auch kei­ne Ver­ein­ba­rung dar­über ge­trof­fen, wie die Fas­sa­de aus­zu­se­hen hat, so muss der Mie­ter die Graf­fi­ti hin­neh­men. Er kann ei­nen Miet­man­gel – und da­mit auch ei­ne Miet­min­de­rung – nicht gel­tend ma­chen.

Fo­to: dpa/Mar­tin Schutt

Bis zu 500 Mil­lio­nen Eu­ro an Scha­den ent­ste­hen jähr­lich bun­des­weit durch Graf­fi­ti.

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