Zeit­zeu­gen spre­chen als Ho­lo­gram­me

WDR stellt Ge­schichts-App on­line / Er­in­ne­run­gen sol­len le­ben­dig ver­mit­telt wer­den

Meppener Tagespost - - Medien / Fernsehen - Von Ma­rie-Lui­se Braun

OS­NA­BRÜCK/KÖLN Sie wirkt wie zum Grei­fen nah: Ei­ne äl­te­re Da­me hat mit ih­rem ge­müt­li­chen Ses­sel di­rekt zwi­schen Schul­ti­schen und -ta­schen Platz ge­nom­men, um vom Krieg und ih­rer Flucht zu er­zäh­len. Wäh­rend sie sich er­in­nert, nä­hern sich von hin­ten Flug­zeu­ge und be­gin­nen, Bom­ben ab­zu­wer­fen, die di­rekt hin­ter und ne­ben der Frau zün­den. Mög­lich macht das die „Aug­men­ted Rea­li­ty“-Tech­nik, die per APP neue We­ge der Ge­schichts­ver­mitt­lung er­mög­licht.

„WDR AR 1933-1945“– der Na­me klingt reich­lich tech­nisch. Doch da­hin­ter ver­birgt sich ei­ne App, die Ge­schich­ten von Men­schen aus dem Zwei­ten Welt­krieg be­son­ders be­rüh­rend und nah ver­mit­teln soll. Mit­hil­fe von Aug­men­ted Rea­li­ty (AR) ge­lingt es den Ma­chern, Men­schen per Ho­lo­gramm in je­den be­lie­bi­gen Raum zu ho­len, um sie dort von ih­ren per­sön­li­chen Er­leb­nis­sen er­zäh­len zu las­sen: im ei­ge­nen Wohn­zim­mer oder in Klas­sen­räu­men.

Mög­lich macht die Tech­nik zu­dem, dass wei­te­re Bil­der, Tö­ne und Sze­nen hin­zu­ge­fügt wer­den kön­nen. Wenn die äl­te­re Da­me bei­spiels­wei­se von ih­ren Brü­dern er­zählt, mit de­nen sie sich vor den An­grif­fen in Si­cher­heit brach­te, wer­den die bei­den Jungs le­bens­groß ne­ben ih­rem Ses­sel plat­ziert.

Mit dem An­ge­bot ver­folgt der WDR ver­schie­de­ne Zie­le, er­läu­tert der ver­ant­wort­li­che Re­dak­teur Klaus Gei­ges im Ge­spräch mit un­se­rer Re­dak­ti­on. Zum ei­nen möch­te der WDR mit der AR-Tech­nik dem Zu­schau­er ei­nen mög­lichst nach­hal­ti­gen Ein­druck

von den frü­he­ren Er­eig­nis­sen bie­ten. Das ge­schieht nicht nur mit den Ho­lo­gram­men, mit de­ren Hil­fe die Er­zäh­ler qua­si di­rekt im All­tag der Be­trach­ter Platz neh­men. Be­trach­tet der Nut­zer die Sze­nen auf dem Ta­blet oder dem Smart­pho­ne, kann er sich ei­nen drei­di­men­sio­na­len Ein­druck ver­schaf­fen. Auch die Akus­tik spie­le da­bei mit, be­tont Gei­ges. Er­ar­bei­tet wur­de die App in Zu­sam­men­ar­beit mit der Hoch­schu­le Düs­sel­dorf und dem Stu­dio für vi­su­al ef­fects „LAVAl­abs“.

80 Jah­re nach dem Be­ginn des Zwei­ten Welt­kriegs ge­be es im­mer we­ni­ger Zeit­zeu­gen. Die App sei ei­ne Mög­lich­keit, ih­re Er­in­ne­run­gen zu spei­chern und wei­ter le­ben­dig ver­mit­teln zu kön­nen, er­läu­tert Gei­ges. Bei der Um­set­zung ist Ei­le ge­bo­ten. „In fünf oder zehn Jah­ren wird es kei­ne Zeit­zeu­gen mehr ge­ben. Und auch jetzt ist es schon schwer, Men­schen zu fin­den, die sich re­flek­tiert er­in­nern kön­nen und auch da­von er­zäh­len möch­ten.“

Wäh­rend sich die ers­te App den „Kriegs­kin­dern“

wid­me­te, stellt der WDR mit „Mei­ne Freun­din An­ne Frank“den zwei­ten Teil des Pro­jekts on­line. An die­sem Tag wä­re An­ne Frank 90 Jah­re alt ge­wor­den, de­ren Ta­ge­buch nach dem En­de des Krie­ges ver­öf­fent­licht wur­de. Zwei en­ge Freun­din­nen der Jü­din – Jac­que­line van Maar­sen und Han­nah Eli­sa­beth Gos­lar – er­zäh­len in der App von ih­ren Kriegs­er­leb­nis­sen und dem Schreck, als An­ne Frank plötz­lich ver­schwun­den war.

Da­bei wird nicht nur das be­rühm­te Hin­ter­haus in­te­griert, in dem An­ne Frank mit ih­rer Fa­mi­lie und wei­te­ren Men­schen Schutz ge­fun­den hat­te, bis sie von den Na­tio­nal­so­zia­lis­ten ent­deckt wur­den. Auch an­de­re Or­te aus dem Le­ben An­ne Franks sind zu se­hen. Durch die­se Form der Ver­mitt­lung kön­ne „ein tie­fe­res Ver­ständ­nis wach­sen“, sagt Klaus Gei­ges.

Die bei­den Freun­din­nen An­ne Franks möch­ten mit ih­rem per­sön­li­chen Schick­sal er­in­nern und wach­rüt­teln. In der ho­lo­gra­fi­schen Er­zäh­lung er­fah­ren Nut­zer „den Wert von Freund­schaft und was es be­deu­tet, von ei­ner gan­zen Ge­sell­schaft aus­ge­schlos­sen und be­droht zu wer­den – bis heu­te ei­ne wich­ti­ge Er­fah­rung“, heißt es in ei­ner In­for­ma­ti­on des WDR.

Das An­ge­bot rich­tet sich auch an jün­ge­re Men­schen. Des­we­gen er­ar­bei­te der WDR Ma­te­ri­al für Leh­rer und Schü­ler, er­läu­tert Klaus Gei­ges. Das Ma­te­ri­al sei an­ge­legt für zwei Schul­stun­den und bil­de die Ba­sis für per­sön­li­che Gestal­tung durch die Leh­rer.

Nach dem Pro­jekt über An­ne Frank wird be­reits an ei­nem drit­ten An­ge­bot in der App „WDR AR 1933-1945“ge­ar­bei­tet. „Es wird sich der Per­spek­ti­ve der Sol­da­ten wid­men“, sagt Klaus Gei­ges.

Scha­de ist, dass die App für ei­ni­ge Ge­rä­te nicht kom­pa­ti­bel ist. Sie kann le­dig­lich auf iOS- so­wie auf fol­gen­den An­dro­id-Ge­rä­ten ver­wen­det wer­den: Samsung Ga­la­xy S8/S9 und Tab 4, Hua­wei P20, Goog­le Pi­xel 2 & 3 so­wie One Plus 5T. Auf äl­te­ren Mo­del­len läuft die App nicht.

ist ab heu­te in den App-Sto­res er­hält­lich

Sie er­zählt auf der WDR-App von An­ne Frank: Jac­que­line van Maar­sen ist zwölf Jah­re alt, als sie An­ne auf dem Jü­di­schen Gym­na­si­um in Ams­ter­dam ken­nen­lernt. Links ne­ben Maar­sen sitzt ihr En­kel Job San­ders. Fo­to: WDR/Jac­que­line van Maar­sen/An­ne Frank Fonds Ba­sel

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