Zum 90. Ge­burts­tag ei­nes be­son­de­ren Mäd­chens An­ne Frank auch heu­te noch Sym­bol­fi­gur ge­gen Un­ter­drü­ckung

Meppener Tagespost - - Kultur -

AMS­TER­DAM Lan­ge Schlan­gen ste­hen vor dem Ein­gang des An­ne-Frank-Hau­ses in Ams­ter­dam. Die Leu­te war­ten ge­dul­dig. „Ich bin so froh, dass wir se­hen kön­nen, wo An­ne ihr Ta­ge­buch ge­schrie­ben hat“, sagt Bill Da­vies aus Te­xas. „Sie ist für mich die ein­zi­ge Au­gen­zeu­gin der Ju­den­ver­fol­gung.“Auch die 24jäh­ri­ge Hea­ther aus Ka­na­da hat das Ta­ge­buch ge­le­sen. „An­ne war so ei­ne mu­ti­ge jun­ge Frau“, sagt sie.

Die Leu­te vor dem Mu­se­um sa­gen lie­be­voll An­ne, als wä­re sie ei­ne Freun­din. Und so emp­fin­den es vie­le auch. An­ne wur­de mit ih­rem Ta­ge­buch nicht nur zum Sym­bol für die Ju­den­ver­fol­gung im Zwei­ten Welt­krieg, son­dern sie schrieb sich auch in die Her­zen von Mil­lio­nen Le­sern. Heu­te wä­re An­ne Frank 90 Jah­re alt ge­wor­den.

Die gro­ße Wir­kung des Ta­ge­bu­ches hängt si­cher zu­sam­men mit dem gro­ßen Ta­lent von An­ne und ih­rem grau­sa­men Schick­sal. Aber da ist noch et­was: An­ne war auch ein ganz nor­ma­les Mäd­chen.

An­ne wird am 12. Ju­ni 1929 in Frankfurt am Main ge­bo­ren. Die Fa­mi­lie emi­griert nach der Macht­er­grei­fung Hit­lers 1933 nach Ams­ter­dam und lebt dort knapp sie­ben Jah­re lang re­la­tiv un­be­schwert im Sü­den der Stadt. An­ne hat vie­le Freun­din­nen. Sie sprüht vor Le­ben, ist wit­zig und ziem­lich frech. So er­in­nern sich Schul­ka­me­ra­den spä­ter.

Als aber die deut­sche Wehr­macht 1940 die Nie­der­lan­de be­setzt, än­dert sich auch das Le­ben von An­ne. Sie darf nicht mehr das öf­fent­li­che Schwimm­bad be­su­chen, muss auf ei­ne jü­di­sche Schu­le und wie al­le Ju­den ab 1942 ei­nen gel­ben „Ju­den­stern“auf ih­ren Klei­dern tra­gen.

Zum 13. Ge­burts­tag be­kommt An­ne ein klei­nes rot­ka­rier­tes Ta­ge­buch ge­schenkt. „Ich kann dir hof­fent­lich al­les an­ver­trau­en“, so schreibt sie auf die ers­te Sei­te. „Ich hof­fe, dass du ei­ne gro­ße Stüt­ze für mich sein wirst.“

Die Ver­fol­gung der Ju­den wird im be­setz­ten Ams­ter­dam im­mer be­droh­li­cher. Als An­nes Schwes­ter Mar­got 1942 die De­por­ta­ti­on droht, taucht die Fa­mi­lie un­ter. An­ne ist 13 Jah­re alt.

Nur et­was jün­ger ist Ann aus Pu­er­to Ri­co, die nun mit ih­ren El­tern das Mu­se­um be­sucht. Die 12-Jäh­ri­ge hat viel über An­ne ge­hört, wie sie sagt. „Das Le­ben in dem Ver­steck kann ich mir aber gar nicht vor­stel­len.“Das Ver­steck ist im Dach­ge­schoss der Han­dels­fir­ma von Va­ter Ot­to Frank un­ter­ge­bracht. Hin­ter ei­nem Bü­cher­re­gal führt ei­ne stei­le Stie­ge zu dem Ver­steck, in dem ins­ge­samt acht Men­schen mehr als zwei Jah­re lang le­ben wer­den. Das Bü­cher­re­gal ist das Schar­nier von Frei­heit und Un­frei­heit, von Licht und Dun­kel.

In ihr Ta­ge­buch schreibt An­ne Brie­fe an „Lie­be Kit­ty“, ei­ne fik­ti­ve Freun­din. Sie schil­dert den All­tag im Ver­steck, die all­ge­gen­wär­ti­ge Be­dro­hung, die Ängs­te, die Span­nun­gen und die Hoff­nun­gen. Und doch: An­ne ist auch ein ganz nor­ma­ler Te­enager. Sie hat Stress mit ih­rer Mut­ter, ist ge­nervt von ih­rer Schwes­ter Mar­got und ver­liebt in Pe­ter, den 15-jäh­ri­gen Sohn der Fa­mi­lie van Pels, die eben­falls im Ver­steck lebt. Mit ihm führt sie lan­ge Ge­sprä­che über Ge­füh­le und die Zu­kunft.

Ein Auf­ruf der nie­der­län­di­schen Exil­re­gie­rung, Brie­fe und Ta­ge­bü­cher auf­zu­be­wah­ren, bringt An­ne auf ei­ne Idee. Sie will aus ih­rem Ta­ge­buch ei­nen Ro­man ma­chen und nach dem Krieg ver­öf­fent­li­chen. Auch den Ti­tel weiß sie schon: „Das Hin­ter­haus.“Nun über­ar­bei­tet sie ih­re ei­ge­nen Tex­te, schreibt gan­ze Pas­sa­gen neu. „Ich wer­de nicht un­be­deu­tend blei­ben“, schreibt An­ne am 11. April 1944. „Ich wer­de in der Welt und für die Men­schen ar­bei­ten.“

Die Hoff­nung er­lischt am 4. Au­gust 1944. Kurz nach 10 Uhr hält ein Au­to an der Prin­sen­gracht 263. SS-Ober­schar­füh­rer Karl Jo­sef Sil­ber­bau­er und hol­län­di­sche Po­li­zis­ten stür­men das Ver­steck. Es wur­de ver­ra­ten. Die acht Un­ter­ge­tauch­ten kom­men ins De­por­ta­ti­ons­la­ger Wes­ter­bork und wer­den dann nach Au­schwitz ge­bracht. Von dort kom­men An­ne und ih­re Schwes­ter ins KZ Ber­gen-Bel­sen. Dort sieht ei­ne Schul­freun­din An­ne noch. Sie war „ein ge­bro­che­nes Mäd­chen“, er­in­nert sie sich.

Nur Va­ter Ot­to Frank über­lebt. Als er zu­rück­kehrt, über­ge­ben ihm die Hel­fer der Un­ter­ge­tauch­ten die Ta­ge­bü­cher sei­ner Toch­ter, die hat­ten die Na­zis bei der Raz­zia über­se­hen. 1947 er­füllt Ot­to den Wunsch sei­ner Toch­ter. An­ne Franks Ta­ge­buch er­scheint mit dem Ti­tel: „Das Hin­ter­haus.“

Iko­ni­sches Bild: Das un­da­tier­te Fo­to ist ei­nes der we­ni­gen von An­ne Frank. Fo­to: -/dpa/ANP

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