Kli­ma­neu­tra­le EU zu­nächst oh­ne Po­len

Gip­fel legt sich auf am­bi­tio­nier­tes Ziel bis 2050 fest – aber War­schau braucht mehr Zeit

Meppener Tagespost - - POLITIK - Von Det­lef Drewes

Als Ur­su­la von der Ley­en ih­ren EU-Kli­ma­pakt „Gre­en De­al“in die­ser Wo­che prä­sen­tier­te, ver­glich sie die Her­aus­for­de­rung mit der Mond­lan­dung. In der Nacht zum Frei­tag muss­te die frisch ge­ba­cke­ne Kom­mis­si­ons­prä­si­den­tin prompt er­le­ben, wie kom­pli­ziert so ein Pro­jekt ist, wenn dar­an 27 Mit­glied­staa­ten mit­ar­bei­ten sol­len. „Es gibt kei­ne Spal­tung in Eu­ro­pa in ver­schie­de­ne Tei­le“, bi­lan­zier­te Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel am frü­hen Mor­gen das Er­geb­nis der Be­ra­tun­gen. „Es gibt nur ei­nen Mit­glied­staat, der noch et­was Zeit braucht.“

Man ver­stän­dig­te sich nach stun­den­lan­gen Be­ra­tun­gen auf ei­nen Kom­pro­miss: „Wir wol­len Eu­ro­pa als ers­ten kli­ma­neu­tra­len Kon­ti­nent“, zeig­te sich der neue EU-Rats­prä­si­dent Charles Mi­chel zum Ab­schluss eher nüch­tern. Das klang deut­lich vor­sich­ti­ger als zum Auf­takt. Denn Po­lens Re­gie­rungs­chef Ma­teusz Mora­wi­ecki stör­te das Bild der Ei­nig­keit mit sei­ner For­de­rung nach mehr Zeit zum Über­le­gen.

Bis Mit­te nächs­ten Jah­res be­kommt War­schau Zeit, um dann ver­bind­lich zu sa­gen, ob und un­ter wel­chen Um­stän­den es mit­zie­hen will.

„Wir wer­den das Ziel mit un­se­rem ei­ge­nen Tem­po er­rei­chen“, teil­ten pol­ni­sche Di­plo­ma­ten in der Nacht mit. Zu­ge­ständ­nis­se gab es auch für den tsche­chi­schen Pre­mier And­rej Ba­bis. Der hat­te auf der Ein­stu­fung der Atom­ener­gie als CO2-freie Ener­gie­quel­le be­harrt. Schließ­lich ei­nig­te man sich auf ei­nen aus­drück­li­chen Hin­weis in der Schluss­er­klä­rung des Tref­fens, dass „ei­ni­ge Staa­ten Atom­kraft in ih­rem Ener­gie­mix ha­ben“.

Mer­kel zeigt Ver­ständ­nis

Da­bei ging es so­wohl Po­len wie auch Tsche­chi­en und Un­garn nicht dar­um, das Ziel der Kli­ma­neu­tra­li­tät bis 2050 zu kip­pen. „Ich kann Po­len ver­ste­hen“, sag­te Mer­kel zum Ab­schluss des Gip­fels. Das Land be­zie­he 77 Pro­zent sei­ner Ener­gie aus Koh­le. Es ge­be Be­rech­nun­gen der

EU-Kom­mis­si­on, die den Auf­wand des Lan­des für ei­nen Um­stieg auf bis zu vier Pro­zent des Brut­to­in­lands­pro­duk­tes be­zif­fern – über vie­le Jah­re hin­weg. Und das sei für die be­trof­fe­nen Staa­ten nicht ein­fach.

Die drei Pre­mier­mi­nis­ter aus dem Os­ten for­der­ten von der EU-Kom­mis­si­ons­prä­si­den­tin denn auch fes­te Zu­sa­gen für ei­ne mil­li­ar­den­schwe­re Un­ter­stüt­zung zur Um­rüs­tung ih­rer Ener­gie­ver­sor­gung und Wirt­schaft. Die konn­te von der Ley­en aber noch nicht ge­ben, weil es bis­her kei­nen Rah­men für die mit­tel­fris­ti­ge Fi­nanz­pla­nung gibt. Die­ses The­ma han­del­te der Gip­fel nur kurz mit der Be­mer­kung ab, dass es wei­te­rer Ge­sprä­che be­dür­fe.

Den­noch war die Auf­bruch­stim­mung, die von der Ley­en so ger­ne ver­brei­ten woll­te, zum ers­ten Mal der

Er­nüch­te­rung ge­wi­chen. Zwar kann die Kom­mis­si­on nun an die Ar­beit ge­hen und – wie ver­spro­chen – die fast 50 Ge­set­ze aus­ar­bei­ten und in den nächs­ten zwei Jah­ren vor­le­gen. Doch es zeich­net sich ab, dass noch vie­le po­li­ti­sche Hin­der­nis­se zu über­win­den sind. Von den or­ga­ni­sa­to­ri­schen und tech­ni­schen ganz zu schwei­gen, wenn es bei­spiels­wei­se um neue CO2G­renz­wer­te für Pkw geht. Vie­le Mit­glied­staa­ten er­war­ten zu­sätz­li­che Sub­ven­tio­nen aus dem Haus­halt der Ge­mein­schaft, der aber durch den Br­ex­it und oh­ne hö­he­re Zah­lun­gen an Brüs­sel schma­ler aus­fal­len muss.

Angst um Ar­beits­plät­ze

Und dann sind da noch die un­ter­schied­li­chen Ak­zen­te der Par­tei­en­fa­mi­li­en. Wäh­rend Grü­ne und So­zi­al­de­mo­kra­ten im Eu­ro­päi­schen Par­la­ment be­reit schei­nen, na­he­zu je­den Schritt der Kom­mis­si­on mit­zu­ge­hen, stel­len die Christ­de­mo­kra­ten und Li­be­ra­len die Ar­beits­platz­si­cher­heit in den Vor­der­grund. Denn sie spü­ren schon ers­te Un­zu­frie­den­heit bei den Ar­beit­neh­mern der Au­to­in­dus­trie, de­ren Jobs nicht mehr si­cher sind – weil Elek­tro­mo­to­ren eben nicht mehr so vie­le Be­schäf­tig­te in der Fer­ti­gung brau­chen.

Fo­to: AFP

Eher er­nüch­tert als eu­pho­risch: Ur­su­la von der Ley­en und EURats­prä­si­dent Charles Mi­chel nach ih­rem ers­ten Gip­fel.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.