Pfar­rer, Se­kre­tä­rin, Agent: Al­le müs­sen schwei­gen

Frank­furts Mu­se­um für Kom­mu­ni­ka­ti­on wid­met sich dem Ge­heim­nis – und lässt auch Be­su­cher dar­über dis­ku­tie­ren

Meppener Tagespost - - KULTUR - Von Chris­ti­an Hu­ther

Ver­trau­en ist gut, Kon­trol­le ist bes­ser, be­sagt ei­ne Re­dens­art. Aber darf man das Han­dy sei­nes Part­ners kon­trol­lie­ren? Die­se Fra­ge führt in der Chat­run­de zu ei­ner hit­zi­gen De­bat­te. An­di lehnt das Nach­schau­en ab, es zeu­ge von Miss­trau­en. Doch Micha kon­tert: „Wenn da nix ist, gibt’s auch nichts zum Auf­re­gen, oder?“Schnell fal­len dann Wor­te wie „Ver­trau­en“und „Pri­vat­sphä­re“. Klei­ne Ge­heim­nis­se, so die Mehr­heit, darf man ha­ben, wenn sie nicht den Part­ner be­tref­fen.

Da­mit ist der Be­su­cher schon mit­ten in der neu­en Schau des Frank­fur­ter Mu­se­ums für Kom­mu­ni­ka­ti­on, die aber eher ein „Denk­raum“sein soll, so Ku­ra­to­rin Sil­ke Zim­mer­mann. Die

Schau stellt vie­le Fra­gen, da­mit je­der sei­ne ei­ge­ne Hal­tung fin­det; das Ver­mit­teln von Wis­sen folgt erst da­nach. Im­mer gibt es nur Pro und Kon­tra, ei­ne Stel­lung­nah­me wird ver­mie­den.

Das liegt am Selbst­ver­ständ­nis der Münch­ner Ne­met­schek-Stif­tung, die das Kon­zept der Schau er­ar­bei­tet hat. Die Stif­tung ver­steht sich streng über­par­tei­lich, sie will die De­mo­kra­tie för­dern. Die Aus­stel­lung „Ge­heim­nis. Ein ge­sell­schaft­li­ches Phä­no­men“, ist al­so et­was für Er­wach­se­ne oder Ju­gend­li­che.

Es geht um Trans­pa­renz

Ei­gent­lich geht es auch gar nicht ums Ge­heim­nis, son­dern um die heu­te ge­for­der­te Trans­pa­renz. Kein Zwei­fel, Ge­heim­nis­se wer­den zu­neh­mend ver­drängt von den neu­en Kom­mu­ni­ka­ti­ons­for­men und von der um sich grei­fen­den Über­wa­chung. Zu­gleich aber sitzt das Miss­trau­en tief, wie die Schau an ei­ner Um­fra­ge

zeigt. Die Fra­ge, ob der Staat oh­ne be­rech­tig­ten Ver­dacht die Com­pu­ter der Bür­ger durch­sucht, be­ant­wor­te­ten 71 Pro­zent mit Ja und 27

Pro­zent mit Nein. In der Schau geht es auch um ver­trau­li­che In­for­ma­tio­nen in Po­li­tik und Wirt­schaft. Der Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te Kon­stan­tin von Notz et­wa plä­diert für ein Ablauf­da­tum von Ge­heim­nis­sen der In­nen-, Si­cher­heits- und Wirt­schafts­po­li­tik. Der Po­li­ti­ker ist ei­ner von sechs Prot­ago­nis­ten, die mit kur­zen Fil­men zu Wort kom­men.

Der wich­tigs­te Hü­ter von Ge­heim­nis­sen war frü­her der Pfar­rer. Heu­te ist es eher die Se­kre­tä­rin in gro­ßen Fir­men, über de­ren Schreib­tisch al­les läuft, von Ver­trags­ab­schlüs­sen bis zu Ent­las­sun­gen. Auch sie muss sich zur Ver­schwie­gen­heit ver­pflich­ten. In ei­nem Film be­rich­tet die frü­he­re Se­kre­tä­rin Pe­tra Bal­zer über ih­ren All­tag.

Ob man selbst als Ge­heim­nis­trä­ger taugt, zeigt recht schnell ei­ne Selbst­ein­schät­zung mit ex­akt 23 Fra­gen. Wer gern und viel re­det, je­den Bü­ro­klatsch wei­ter­ver­brei­tet, sehr ver­trau­ens­se­lig ist und kein Ge­heim­nis für sich be­hal­ten kann, braucht sich erst gar nicht beim Ver­fas­sungs­schutz zu be­wer­ben.

Ge­heim­nis­trä­ger

Das gilt auch für Jour­na­lis­ten, oft als vier­te Ge­walt im Staat be­zeich­net. Als Be­rufs­ge­heim­nis­trä­ger ha­ben sie be­son­de­re Schutz­rech­te.

Im Zen­trum der Schau steht je­doch ein Wohn­zim­mer. Denn die Fa­mi­lie als Keim­zel­le je­der Ge­mein­schaft birgt vie­le klei­ne Ge­heim­nis­se. Lei­der geht es nicht nur um die Über­ra­schung zu Weih­nach­ten, son­dern auch um Dro­gen, Ge­walt, Miss­brauch oder um die dunk­le Ver­gan­gen­heit.

Die Au­to­rin Ines Gei­pel hat das am ei­ge­nen Leib er­lebt. Sie ent­deck­te erst spät, dass ihr Va­ter lan­ge als West­Agent der Sta­si ge­ar­bei­tet hat, und ver­stand end­lich die ver­drucks­te Stim­mung in ih­rer Fa­mi­lie.

Da­bei ist das Tei­len von Ge­heim­nis­sen auch ein Grad­mes­ser für Freund­schaft und Ver­trau­en, ei­ne „so­zia­le Währung“, so die Ku­ra­to­rin. Die zwölf­jäh­ri­ge Tanja, die in der Schau zu Wort kommt, ist stolz, wenn ihr ein Ge­heim­nis an­ver­traut wird. So weiß sie, dass sie ei­ne wich­ti­ge Freun­din ist.

Mu­se­um für Kom­mu­ni­ka­ti­on, Frank­furt: „Ge­heim­nis. Ein ge­sell­schaft­li­ches Phä­no­men“. Bis 26. April. Di.-Fr. 9-18, Sa./So. 11-19 Uhr. In­ter­net: www.mfk-frank­furt.de­ez.de

Foto: Ju­lia Krü­ger

Sehr gro­ße Oh­ren lau­schen da in der Frank­fur­ter Aus­stel­lung mit. Ei­ne Be­su­che­rin be­rührt sie.

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