Streit um Pro­tes­te in Frank­reich

Neu­er Mas­sen­pro­test ge­gen Ren­ten­plä­ne / Zu­stim­mung zu Wi­der­stand droht zu kip­pen

Meppener Tagespost - - VORDERSEIT­E - Von Bir­git Holzer

Die Wut im Nach­bar­land ist groß: Die ei­nen sind sauer auf die Re­gie­rung. Die an­de­ren kön­nen die Streiks nicht mehr er­tra­gen. Der Kon­flikt spitzt sich im­mer wei­ter zu – und das kurz vor den Fei­er­ta­gen. Gibt es zu­min­dest vor Weih­nach­ten ei­ne „Waf­fen­ru­he“?

Die Sze­ne wur­de vor ein paar Ta­gen vom Stra­ßen­rand aus ge­filmt und zeigt, wie ei­ne Tram im Sü­den von Pa­ris au­ßer­plan­mä­ßig zum Ste­hen kommt. Der Fah­rer steigt aus und be­ginnt die Kar­tons und ei­ne Müll­ton­ne weg­zu­räu­men, den sei­ne Kol­le­gen auf die Schie­nen ge­wor­fen ha­ben. Für sie ist es ei­ne Ge­le­gen­heit, den Streik­bre­cher an­zu­grei­fen. „Schämst du dich nicht?“, ru­fen sie dem Mann zu. „Räum das weg, du Hund!“Die Pa­ri­ser Ver­kehrs­be­trie­be RATP er­klär­ten spä­ter, dass sie das Vor­komm­nis ver­ur­teil­ten, bei dem es sich aber um ei­nen Ein­zel­fall han­de­le. Im In­ter­net zir­ku­lie­ren al­ler­dings ähn­li­che Vi­de­os, auf de­nen Fah­rer am Steu­er von Trams, Bus­sen oder Me­tro­zü­gen von ih­ren strei­ken­den Kol­le­gen aus­ge­buht und be­schimpft wer­den.

Von ei­ni­gen Aus­nah­men ab­ge­se­hen, ste­hen seit fast zwei Wo­chen die Pa­ri­ser Me­tros, Vo­r­ort­zü­ge und Bus­se still. Über­all im Land fal­len Zü­ge und Flü­ge aus, auch Schu­len blei­ben teil­wei­se ge­schlos­sen. Ges­tern fand ein drit­ter Pro­test­tag mit De­mons­tra­tio­nen im gan­zen Land statt.

Mit ih­ren Ap­pel­len zum Wi­der­stand wol­len meh­re­re Ge­werk­schaf­ten die Ren­ten­re­form der Re­gie­rung ver­hin­dern, die plant, die 42 ver­schie­de­nen Ren­ten­kas­sen in ein ein­heit­li­ches Punk­te­sys­tem zu über­füh­ren. Je­der ein­ge­zahl­te Eu­ro soll künf­tig die­sel­ben An­sprü­che nach sich zie­hen. Das Nach­se­hen hät­ten vor al­lem die Be­am­ten durch ei­ne ver­än­der­te Be­rech­nungs­grund­la­ge.

Die Leh­rer weh­ren sich hef­tig ge­gen die­se Plä­ne, aber auch die Mit­ar­bei­ter der RATP und der Staats­bahn SNCF ban­gen um die Vor­tei­le, die man ih­nen zu­ge­si­chert hat­te. Statt nur bis An­fang, Mit­te 50 wer­den sie viel­leicht deut­lich län­ger ar­bei­ten müs­sen. Die Re­gie­rung will län­ger­fris­tig das re­gu­lä­re Ren­ten­ein­tritts­al­ter von 62 auf 64 Jah­re an­he­ben. Sie hat

in­zwi­schen meh­re­re Zu­ge­ständ­nis­se ge­macht, wie ein spä­te­res In­kraft­tre­ten der Re­form, so­dass vie­le der heu­ti­gen Ar­beit­neh­mer gar nicht mehr be­trof­fen wä­ren.

Auch an der Re­gie­rung zehrt der Kon­flikt: Am Mon­tag muss­te der zu­stän­di­ge Ren­ten­hoch­kom­mis­sar, Je­an-Paul De­le­voye, zu­rück­tre­ten, weil er et­li­che Ne­ben­tä­tig­kei­ten,

die teil­wei­se eh­ren­amt­lich und teil­wei­se üp­pig be­zahlt wa­ren, nicht ge­mel­det hat­te.

Noch im­mer gilt als un­si­cher, ob der Streik wäh­rend der Weih­nachts­fe­ri­en und Fei­er­ta­ge fort­ge­setzt wird; spricht sich bis­her ei­ne Mehr­heit der Be­völ­ke­rung in Um­fra­gen für den Wi­der­stand ge­gen die Re­form aus,

so könn­te die Stim­mung kip­pen. In Pa­ris wird die­se spür­bar an­ge­spann­ter: Die Men­schen strei­ten sich um die ver­füg­ba­ren Leih­rä­der, drän­geln sich an über­füll­ten Bus­Hal­te­stel­len. Beim Ein­fah­ren der fah­rer­lo­sen Me­tros kommt es teils zu bru­ta­lem Ger­an­gel.

Die fran­zö­si­sche Ver­fas­sung si­chert al­len Ar­beit­neh­mern,

das Recht auf Streik zu. Doch pro Tag wird die­sen ein Drei­ßigs­tel ih­res Mo­nats­ge­halts ab­ge­zo­gen; man­che Ge­werk­schaf­ten ha­ben Kas­sen ein­ge­rich­tet, um die­se Aus­fäl­le ab­zu­fan­gen. Aber für die Strei­ken­den, die da­von nichts be­kom­men, schlägt sich ein dau­er­haf­ter Aus­stand deut­lich auf dem Ge­halts­zet­tel nie­der.

Fo­to: dpa/Bob Ed­me

Ge­gen die ge­plan­te Ren­ten­re­form in Frank­reich weh­ren sich Leh­rer so­wie Mit­ar­bei­ter der Ver­kehrs­be­trie­be und der Staats­bahn.

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