Pu­tin oh­ne En­de?

Bei der Pres­se-Au­di­enz des ewi­gen Kreml­chefs pral­len wie­der ein­mal Wel­ten auf­ein­an­der

Meppener Tagespost - - POLITIK -

Gleich mehr­fach neh­men Jour­na­lis­ten im in­ter­na­tio­na­len Han­dels­zen­trum in Mos­kau An­lauf für die Fra­ge al­ler Fra­gen an Krem­lchef Wla­di­mir Pu­tin. Sie wol­len höf­lich und vor­sich­tig wis­sen, wie es nach 2024 wei­ter­geht. Da läuft die Amts­zeit des Prä­si­den­ten aus, der vor 20 Jah­ren erst­mals das Zep­ter der Macht in Russ­land über­nahm. Ei­ne Ver­fas­sungs­än­de­rung viel­leicht, da­mit er blei­ben kann?

Pu­tin gibt sei­nem Land ges­tern ein Rät­sel auf, in­dem er sagt, dass bei der For­mu­lie­rung im Grund­ge­setz zu den zwei Amts­zei­ten der Zu­satz „hin­ter­ein­an­der“ge­stri­chen wer­den kön­ne. Auch auf Nach­fra­gen wur­de nicht klar, was Pu­tin da­mit mein­te.

Der 67-Jäh­ri­ge muss zwar im­mer wie­der ein­räu­men, dass es im­mer noch je­de Men­ge Pro­ble­me in Russ­land ge­be. Er macht aber auch deut­lich, dass er die Lö­sung ist. Wäh­rend Pu­tin bei der Fra­ge der Macht­über­ga­be ein­mal mehr un­ver­bind­lich bleibt, zieht er un­term Strich ei­ne selbst­zu­frie­de­ne Bi­lanz.

Das Mi­li­tär sei im Ver­gleich zu So­wjet­zei­ten wie­der stark und mo­dern. Die Aus­lands­schul­den sei­en ge­ring. Und es ge­be we­ni­ger Ar­mut als in den chao­ti­schen 1990ern nach dem Zu­sam­men­bruch des Kom­mu­nis­mus. So­gar der Kampf ge­gen Al­ko­hol­miss­brauch sei in­zwi­schen so er­folg­reich, dass die Rus­sen we­ni­ger trän­ken als die Deut­schen.

Lö­sun­gen? Fehl­an­zei­ge

Doch vor al­lem pral­len wie im­mer bei Pu­tins Be­geg­nun­gen mit der Wirk­lich­keit Wel­ten auf­ein­an­der. Drin­nen fra­gen Jour­na­lis­ten, war­um Ärz­te um­ge­rech­net nur ein paar Hun­dert Eu­ro ver­die­nen; wie­so vie­le Me­di­ka­men­te nicht ver­füg­bar sei­en und Kriegs­ve­te­ra­nen wie Ob­dach­lo­se

leb­ten und die Ein­kom­men sän­ken. „Das ist sehr schlecht“, räumt der Prä­si­dent ein. Lö­sun­gen bleibt er schul­dig.

Drau­ßen pro­tes­tie­ren Frau­en ge­gen po­li­ti­sche Re­pres­sio­nen. Der pro­mi­nen­te Op­po­si­tio­nel­le Ale­xej Na­wal­ny ätzt bei Twit­ter, dass Pu­tin in der Ver­gan­gen­heit le­be. Ein grö­ße­res The­ma der Tour d’Ho­ri­zon ist in der Tat der 75. Jah­res­tag des Sie­ges der So­wjet­uni­on über Hit­ler­deutsch­land. Den will Pu­tin im nächs­ten Jahr groß fei­ern mit Staats- und Re­gie­rungs­chefs aus al­ler Welt.

Drin­nen gibt es Ap­plaus, Lob und kaum kri­ti­sche Fra­gen – vor al­lem Dank­bar­keit, dass sich der mäch­tigs­te Mann im Land die Zeit nimmt. Jour­na­lis­tin­nen in Sicht­wei­te Pu­tins tra­gen kur­ze ro­te Klei­der; ei­ne Re­por­te­rin trägt In­dia­ner­kos­tüm, ei­ne an­de­re kommt als Sne­gu­rot­sch­ka – al­so Schnee­flöck­chen,

die Ge­hil­fin des rus­si­schen Weih­nachts­man­nes. „Pu­tin, ich lie­be dich“steht auf dem Pla­kat ei­ner Frau. Ein Jour­na­list hält ei­ne höl­zer­ne Iko­ne hoch und seg­net Pu­tin, weil die­ser wie ein Hei­li­ger Russ­land durch tur­bu­len­te Zei­ten füh­re.

Pro­tes­te nur Rand­the­ma

Es geht dar­um, Auf­merk­sam­keit zu er­hei­schen. Pu­tin selbst lä­chelt es weg: „Wir sind ja nicht auf ei­nem Ba­sar!“, ruft er in die Run­de von fast 2000 Jour­na­lis­ten. Ernst wird er aber, als es et­wa um den Mord an dem Ge­or­gi­er im Ber­li­ner Tier­gar­ten geht. Er gibt Deutsch­land erst­mals recht, dass Russ­land doch nie bei den Be­hör­den in Ber­lin ei­nen Aus­lie­fe­rungs­an­trag ge­stellt ha­be. Er nennt den To­ten auch wie­der ei­nen Ver­bre­cher – wie schon vor ei­ner Wo­che bei ei­nem Tref­fen mit­Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel in Pa­ris.

The­men aber wie die Pro­tes­te im Som­mer mit vie­len Fest­nah­men An­ders­den­ken­der und die Ver­ur­tei­lun­gen zu lan­gen Haft­stra­fen sind al­len­falls Rand­the­men. Die Sor­ge auch vie­ler Jour­na­lis­ten an­ge­sichts Hun­der­ter blo­ckier­ter Web­sei­ten um die Frei­heit des In­ter­nets teilt er nicht: „Wir be­we­gen uns nicht auf ei­ne Schlie­ßung des In­ter­nets zu.“

Manch ein Jour­na­list ist von den Ant­wor­ten ent­täuscht. „Es ist, als ob ihn die Zu­kunft nicht in­ter­es­siert“, sagt ein Kor­re­spon­dent aus Si­bi­ri­en. Die Ängs­te vor ei­ner neu­en Ren­ten­re­form? Un­be­grün­det, sagt Pu­tin. Die Sor­gen um Russ­lands gro­ßes Müll­pro­blem? Wer­den durch Ge­sprä­che ge­löst, sagt Pu­tin. Die Dis­kus­si­on um ein erst­mals ge­plan­tes Ge­setz ge­gen häus­li­che Ge­walt? Er sei ge­gen Ge­walt zu Hau­se, sagt er. Ob es aber ein Ge­setz da­ge­gen brau­che?

Fo­to: imago images/Itar-Tass/Ale­xei Ni­kols­ky

Seit zwei Jahr­zehn­ten re­giert Wla­di­mir Pu­tin das rus­si­sche Rie­sen­reich. Ob er nach 2024 wei­ter­macht, lässt er of­fen.

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