„Es gibt lei­der im­mer we­ni­ger Men­schen, die spen­den“

Welt­hun­ger­hil­fe-Ge­ne­ral­se­kre­tär Ma­thi­as Mog­ge über die Fol­gen des Kli­ma­wan­dels in Afri­ka und die So­li­da­ri­tät der Deut­schen

Meppener Tagespost - - EINBLICKE - Von To­bi­as Schmidt

Welt­hun­ger­hil­fe-Ge­ne­ral­se­kre­tär Ma­thi­as Mog­ge ist gera­de vom hu­ma­ni­tä­ren Ein­satz im Süd­su­dan zu­rück­ge­kehrt. Für die Kin­der in dem afri­ka­ni­schen Kri­sen­staat sei schon ein Tel­ler Hir­se­brei pro Tag ei­ne Rie­sen­freu­de, be­rich­tet der 55-Jäh­ri­ge. Im In­ter­view schil­dert Mog­ge auch die ver­hee­ren­den Fol­gen des Kli­ma­wan­dels für die Men­schen in Afri­ka und for­dert mehr „Le­a­dership“von Kanz­le­rin Mer­kel. Gro­ße Sor­gen be­rei­tet ihm die sin­ken­de Spen­den­be­reit­schaft jün­ge­rer Ge­ne­ra­tio­nen in Deutsch­land. „Wir müs­sen We­ge fin­den, auch jün­ge­re Men­schen an­zu­spre­chen, da­mit wir den Fa­mi­li­en in den Län­dern des Sü­dens ei­ne Per­spek­ti­ve ge­ben kön­nen“, sagt er.

Herr Mog­ge, Sie wa­ren kürz­lich im Süd­su­dan. Wie ist die Si­tua­ti­on dort?

Es ist er­schüt­ternd, dass das Elend noch nicht we­ni­ger wird. Es bleibt die Hoff­nung, dass der Frie­dens­pro­zess end­lich greift. Die Men­schen lei­den un­ter Atta­cken von Mi­li­zen und mas­si­ven Schä­den durch Über­flu­tun­gen, die – nach Jah­ren der Dür­re – wei­te Tei­le der Ern­te zer­stört ha­ben. 1,4 Mil­lio­nen Men­schen wur­den in­ner­halb des Lan­des ver­trie­ben. 2,3 Mil­lio­nen wei­te­re Men­schen sind in die Nach­bar­län­der ge­flüch­tet. Vie­le kön­nen aber gar nicht flie­hen und sit­zen in der Fal­le. Sie sind fast voll­stän­dig von hu­ma­ni­tä­rer Hil­fe ab­hän­gig.

Für die­se Men­schen gibt es kei­ne Per­spek­ti­ve?

Wir tun al­les, um den Men­schen zu hel­fen, auf ei­ge­nen Bei­nen zu ste­hen. In vie­len Re­gio­nen ist das aber sehr schwie­rig. Wo es die Si­cher­heits­la­ge zu­lässt, wer­den mit den Ein­hei­mi­schen zu­sam­men We­ge ge­baut, ver­bes­ser­tes Saat­gut ver­teilt, Schul­gär­ten an­ge­legt, in de­nen ge­ern­tet wer­den kann. Aber das blei­ben Aus­nah­men. Was von Ge­walt ver­schont bleibt, wird von den Fol­gen des Kli­ma­wan­dels ge­trof­fen. So wer­den In­ves­ti­tio­nen im­mer wie­der ka­putt ge­macht.

Wie kön­nen Kin­der in so ei­nem Um­feld groß wer­den?

Vie­le Kin­der ha­ben kei­ne Chan­ce, in die Schu­le zu ge­hen. Wo es Schu­len gibt, be­kom­men Kin­der über ein Schul­spei­sungs­pro­gramm we­nigs­tens ei­ne Mahl­zeit pro Tag. Ein Brei aus Sor­ghum-Ge­trei­de, Boh­nen, Öl und Salz. Dar­über freu­en sie sich je­den Tag. Es man­gelt al­ler­dings an qua­li­fi­zier­ten Leh­rern.

Die Welt­hun­ger­hil­fe ist auch in vie­len an­de­ren Kri­sen­län­der im Ein­satz. Wie fällt Ihr Rück­blick auf das zu En­de ge­hen­de Jahr aus?

2019 war ein schwie­ri­ges Jahr: In den vie­len Krie­gen wird auf Zi­vi­lis­ten über­haupt kei­ne Rück­sicht mehr ge­nom­men. Die Kriegs­par­tei­en nut­zen un­be­tei­lig­te Men­schen er­bar­mungs­los für ih­re Tak­tik, ob in Sy­ri­en, im Je­men oder dem Süd­su­dan. Und schon seit 2015 steigt die Zahl der Hun­gern­den welt­weit wie­der an. In­zwi­schen sind es wie­der mehr als 821 Mil­lio­nen Men­schen. Das spie­gelt ei­ne fol­gen­schwe­re Über­la­ge­rung von Ge­walt, Kli­ma­wan­del und Wirt­schafts­kri­sen wi­der. Nun wird auch die Sa­hel-Re­gi­on von die­sen Pro­ble­men er­fasst. Bei all die­sen Kri­sen fällt es schwer, die po­si­ti­ven Mo­men­te zu se­hen: Äthio­pi­en, aber auch Ruan­da ha­ben in den letz­ten Jah­ren ei­ne auf Ar­muts­re­du­zie­rung aus­ge­rich­te­te Po­li­tik auf­ge­legt, die Ge­sund­heit, Bil­dung und Er­näh­rungs­si­che­rung in den Fo­kus

ge­setzt ha­ben und da­mit Ar­mut und Hun­ger er­heb­lich re­du­zie­ren konn­ten.

Sind we­nigs­tens die Not­hil­fe­pro­gram­me fi­nan­ziert, da­mit das nächs­te Jahr nicht noch viel schlim­mer wird?

Für vie­le Län­der, die die meis­ten Flüchtling­e auf­neh­men, rei­chen die Zu­sa­gen nicht aus. Wir wis­sen, dass die Ge­flo­he­nen teils Jah­re dort blei­ben und erst zu­rück­keh­ren, wenn ih­re Hei­mat wirk­lich be­frie­det ist. Wir dür­fen nicht zu­las­sen, dass et­wa ei­ne gan­ze Ge­ne­ra­ti­on von sy­ri­schen Ju­gend­li­chen ver­lo­ren geht. Für sie müs­sen in den Auf­nah­me­län­dern Schu­len ge­baut, Aus­bil­dung und In­te­gra­ti­on er­mög­licht wer­den. Die rei­chen Län­der müs­sen die ge­fähr­li­che La­ge

in den Nach­bar­län­dern stär­ker in den Blick neh­men. Wer­den sie al­lein­ge­las­sen, führt das zu Not, Ver­zweif­lung und Ex­tre­mis­mus.

Der Be­griff Kli­ma­flücht­ling steht in der Kri­tik. Be­nut­zen Sie ihn selbst?

Kli­ma­wan­del pro­du­ziert Hun­ger, und zwar an ganz vie­len Or­ten auf der Welt. Das se­hen wir je­den Tag in un­se­rer Ar­beit, wenn die Re­gen­zei­ten im­mer kür­zer und er­ra­ti­scher wer­den. Stu­di­en ge­hen da­von aus, dass 2017 durch die Fol­gen von Kli­ma­er­eig­nis­sen 95 Mil­lio­nen Men­schen zu­sätz­lich hun­ger­ten.

Skep­ti­ker sa­gen, der Kli­ma­wan­del ha­be Re­gio­nen in Afri­ka er­grü­nen las­sen, und die stei­gen­de Zahl der Hun­gern­den sei auf das star­ke Be­völ­ke­rungs­wachs­tum und nicht auf hö­he­re Tem­pe­ra­tu­ren zu­rück­zu­füh­ren.

Nicht nur in vie­len afri­ka­ni­schen Län­dern wer­den die Men­schen von Dür­ren, Flu­ten oder Zy­klo­nen wie in die­sem Jahr in Mo­sam­bik voll ge­trof­fen. Frü­her gab es Dür­re­jah­re, heu­te gibt es jah­re­lan­ge Dür­re­pe­ri­oden. Die For­scher­ge­mein­de führt die Zu­nah­me an Wet­ter­ex­tre­men auf den Kli­ma­wan­del zu­rück. Die Fol­gen sind fa­tal, da­zu zäh­len auch Kon­flik­te zwi­schen Vieh­trei­bern und Acker­bau­ern, weil die Res­sour­cen im­mer knap­per wer­den. Dass CO2 qua­si als Dün­ger den Pflan­zen­wuchs för­dern soll, bringt kei­ne nen­nens­wer­ten Vor­tei­le. Was wir fest­stel­len: Durch hö­he­re Tem­pe­ra­tu­ren ver­rin­gert sich der Nähr­stoff­ge­halt in be­stimm­ten Nah­rungs­pflan­zen, so­dass noch mehr Men­schen hun­gern.

Was ist für Sie das Si­gnal des weit­ge­hend er­geb­nis­lo­sen Kli­ma­gip­fels von Ma­drid?

In den rei­chen Län­dern gibt es ein­fach nicht die not­wen­di­ge So­li­da­ri­tät mit den­je­ni­gen, die un­ter dem Kli­ma­wan­del lei­den, ob­wohl sie ihn nicht ver­ur­sacht ha­ben. Auch die Bun­des­re­gie­rung und Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel müs­sen sich die La­ge der Men­schen klar­ma­chen: Was be­deu­tet es, wenn man von Land­wirt­schaft ab­hän­gig ist, und dann drei, vier

Jah­re kein Re­gen fällt? Für un­glaub­lich vie­le Men­schen ist der Kli­ma­not­stand längst grau­sa­me Rea­li­tät. Wir in den rei­chen Län­dern kön­nen die Ef­fek­te ab­puf­fern. Wir ste­hen auch in der Pflicht, in den ar­men Län­dern die An­pas­sung an den Kli­ma­wan­del zu fi­nan­zie­ren. Hier muss Ber­lin viel mehr Le­a­dership zei­gen.

Wie ist es um die So­li­da­ri­tät der deut­schen Bür­ger be­stellt?

Wir freu­en uns über je­den Ein­zel­nen, der et­was von sei­nem Ver­dienst ab­zu­ge­ben be­reit ist, um den Hun­ger in der Welt zu be­sie­gen. Das ist et­was ganz Tol­les. Zur Wahr­heit ge­hört: Es gibt lei­der im­mer we­ni­ger Men­schen, die spen­den. Das Ge­samt­vo­lu­men an Spen­den in Deutsch­land bleibt bei rund 8,3 Mil­li­ar­den Eu­ro ei­ni­ger­ma­ßen sta­bil. Das liegt aber nur dar­an, dass ein­zel­ne Per­so­nen hö­he­re Be­trä­ge spen­den. Die Ge­ne­ra­ti­on, die viel­leicht noch den Krieg mit­er­lebt und selbst Ent­beh­run­gen er­lit­ten hat, ist of­fen­bar so­li­da­ri­scher als die nach­fol­gen­den Ge­ne­ra­tio­nen. Wir müs­sen We­ge fin­den, auch jün­ge­re Men­schen an­zu­spre­chen, da­mit wir den Fa­mi­li­en in den Län­dern des Sü­dens ei­ne Per­spek­ti­ve ge­ben kön­nen. Das Spen­den­ziel der Welt­hun­ger­hil­fe liegt bei et­wa 52 Mil­lio­nen Eu­ro. Wir hof­fen, dass wir das am En­de des Jah­res ein­ge­nom­men ha­ben wer­den.

Fo­to: Da­ni­el Pi­lar/Welt­hun­ger­hil­fe

Freu­de beim Fi­schen: Ma­thi­as Mog­ge, Ge­ne­ral­se­kre­tär der Welt­hun­ger­hil­fe, beim hu­ma­ni­tä­ren Ein­satz im ma­li­schen Dorf So­man­ki­di.

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