„Nuss­kna­cker“al­ler­or­ten

Mas­se statt Klas­se? Kas­sen­schla­ger rus­si­sches Bal­lett zum Fest

Meppener Tagespost - - KULTUR -

Tschai­kow­skys „Nuss­kna­cker“ist Russ­lands kul­tu­rel­ler Ex­port­schla­ger Num­mer eins zum Jah­res­wech­sel. Bal­lett­fans – vor al­lem klei­ne Mäd­chen – zieht das Klas­si­kMär­chen in den Bann. An vie­len Büh­nen ma­chen rus­si­sche Com­pa­gni­en Kas­se – aber nicht im­mer auch mit Klas­se.

Ein „Nuss­kna­cker“mit mär­chen­haf­ter Mu­sik von Pe­ter Tschai­kow­sky ge­hört zur Weih­nachts- und Neu­jahrs­zeit wie ein Fest­mahl. Am welt­be­rühm­ten Bol­schoi Thea­ter in Mos­kau sind die 22 Auf­füh­run­gen wie im­mer aus­ver­kauft – schon seit Wo­chen, wie Ge­ne­ral­di­rek­tor Wla­di­mir Urin sagt. „Die Nach­fra­ge ist grö­ßer als das An­ge­bot.“Für deut­sche Fans rus­si­schen Spit­zen­bal­letts ist die Lö­sung aber nah. In Ba­den-Ba­den gas­tiert in die­sem

Jahr das kaum we­ni­ger re­nom­mier­te Bal­lett vom Ma­ri­in­ski-Thea­ter aus St. Pe­ters­burg.

Vie­le Büh­nen in Deutsch­land ha­ben den Bal­lett­klas­si­ker nach dem Mär­chen von E.T.A Hoff­mann zum Jah­res­wech­sel als um­satz­si­che­ren Kas­sen­schla­ger im Pro­gramm. Nicht übe­r­all ist aber bei Gast­spie­len „rus­si­scher“Bal­lett­com­pa­gni­en auch Qua­li­tät ga­ran­tiert, wie Ex­per­ten sa­gen. Dass sich Trup­pen mit Na­men wie Bol­schoi und Staats­bal­lett schmü­cken, sei ihm be­kannt – „lei­der“, sagt Urin in Mos­kau. „Wir sind be­sorgt des­halb. Aber wir kön­nen nicht mit Ver­bo­ten han­deln.“

Der Bol­schoi-Chef rät da­zu, beim Ti­cket­kauf ge­nau hin­zu­schau­en, ob es wirk­lich um ei­ne hoch­wer­ti­ge Pro­duk­ti­on mit Spit­zen­tän­zern, zau­ber­haf­ten Ku­lis­sen und

Ko­s­tü­men ge­he. Das Mos­kau­er Bol­schoi ist stolz auf sei­ne Ins­ze­nie­rung als Vi­si­ten­kar­te für das rus­si­sche Bal­lett. Gast­spie­le gibt es zwar nicht. Aber die Auf­füh­rung ist bis­wei­len auch in deut­schen Ki­no­sä­len als Über­tra­gung zu se­hen. Schon jetzt macht Russ­lands größ­tes Thea­ter Wer­bung für 2020, wenn es den 180. Ge­burts­tag von Tschai­kow­sky groß fei­ert. Auch „Schwa­nen­see“und „Dorn­rös­chen“ge­hö­ren hier zu den Kas­sen­schla­gern.

Vie­le Rus­sen sind über­zeugt, dass es zur Weih­nachts­und Neu­jahrs­zeit nichts Schö­ne­res gibt als „Nuss­kna­cker“. Al­lein in Mos­kau gibt es vie­le ver­schie­de­ne Auf­füh­run­gen. Die Ge­schich­te vom Mäd­chen, das ei­nen Nuss­kna­cker ge­schenkt be­kommt und ins Träu­men ge­rät, gilt als uni­ver­sa­le Sto­ry über das Er­wach­sen­wer­den. Sie dreht sich um den Ab­schied von der Kind­heit, um Eh­re, Wür­de und Lie­be – un­ab­hän­gig von re­li­giö­sen Über­zeu­gun­gen.

Auch in Deutsch­land ist die Sehn­sucht nach rus­si­schem Bal­lett groß. Am Fest­spiel­haus in Ba­den-Ba­den er­war­tet Be­ne­dikt Stam­pa, seit die­ser Sai­son In­ten­dant, 14000 Gäs­te bei ins­ge­samt sie­ben Vor­stel­lun­gen des Ma­ri­in­ski-Bal­letts, dar­un­ter „Dorn­rös­chen“.

Er sieht „Nuss­kna­cker“nicht nur als Bal­lett­klas­si­ker. „Es ist ei­ne ewig gül­ti­ge Pa­ra­bel auf un­ser Äl­ter­wer­den und die Sehn­sucht nach der Weih­nacht un­se­rer Kind­heit“, sagt er. Die Ge­schich­te lau­fe bei al­len Ge­ne­ra­tio­nen gut. „Die Rol­len des Wer­kes er­for­dern un­ter­schied­li­che Tanz-Cha­rak­te­re bis hin zu

Pan­to­mi­men, die meist von äl­te­ren Tän­ze­rin­nen und Tän­zern ge­stal­tet wer­den“, sagt Stam­pa.

Das auf­wen­di­ge Ma­ri­ins­kiGast­spiel kon­kur­riert mit klei­ne­ren Trup­pen mit rus­si­schen Na­men. 220 Mit­glie­der des Thea­ters, dar­un­ter das Live-Orches­ter und Tech­ni­ker, sind mit Büh­nen­bil­dern an­ge­reist. „All dies zu­sam­men macht das Ori­gi­nal aus, das von klei­ne­ren Tour­nee­Com­pa­gni­en nicht auf­ge­bo­ten wer­den kann“, sagt Stam­pa. Zu­dem sei das Gast­spiel ei­ne „kul­tu­rel­le Brü­cke in Zei­ten, die po­li­tisch win­ter­li­cher sind, als sie sein müss­ten“, meint er mit Blick auf die Span­nun­gen zwi­schen Deutsch­land und Russ­land.

Un­ab­hän­gig von den rus­si­schen Gast­spie­len ha­ben vie­le deut­sche Büh­nen mit fes­ten En­sem­bles ei­ge­ne be­lieb­te „Nuss­kna­cker“-Pro­duk­tio­nen

im Pro­gramm. Das Staats­bal­lett an der Deut­schen Oper Ber­lin und das Leip­zi­ger Bal­lett et­wa spie­len ihn bis ins neue Jahr. Das Ham­bur­ger Bal­lett zeigt ihn in ei­ner Fas­sung des dor­ti­gen Chefs John Ne­u­mei­er.

Aber es muss auch nicht im­mer „Nuss­kna­cker“sein. Das Stutt­gar­ter Bal­lett hat seit Lan­gem kei­nen klas­si­schen „Nuss­kna­cker“mehr auf­ge­führt. Dort gibt es Mar­cia Hay­dées Mär­chen „Dorn­rös­chen“– „ein klas­si­sches Bal­lett für die gan­ze Fa­mi­lie“, wie In­ten­dant Ta­mas Detrich sagt. „Der „Nuss­kna­cker“ist aber in der Tat ein fan­tas­ti­sches Bal­lett, vol­ler Ma­gie und zur wun­der­vol­len, stim­mungs­vol­len Mu­sik von Tschai­kow­sky. Ein Bal­lett, das Kin­der träu­men, Er­wach­se­ne in Er­in­ne­rung an die ei­ge­ne Kind­heit schwel­gen lässt.“

Fo­to: dpa/Da­mir Yu­su­pov/Bol­schoi Thea­ter

Das Ori­gi­nal: Ni­na Kapt­so­wa als Ma­rie und Ar­tem Ovcha­ren­ko als Prinz vom welt­be­rühm­ten Bol­schoi Thea­ter tan­zen in ei­ner Sze­ne aus „Nuss­kna­cker“. Im Aus­land schmü­cken sich Bal­lett­com­pa­gni­en ger­ne mit dem Zu­satz „Staats­bal­lett“– das ist aber kei­ne Qua­li­täts­ga­ran­tie.

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