Jo­nas Nay

Mun­d­art, Film­mu­sik und die Rol­len sei­nes Le­bens: Der Schau­spie­ler Jo­nas Nay

Meppener Tagespost - - WOCHENENDE! - Von Joa­chim Schmitz

Er geht als 13-Jäh­ri­ger zu ei­nem Cas­ting, be­kommt die Haupt­rol­le und schenkt sich an­schlie­ßend die Schau­spiel­schu­le. Mit 22 gibt’s den ers­ten Grim­me­preis. Heu­te, mit 29, ist Jo­nas Nay ei­ner der fas­zi­nie­rends­ten deut­schen Schau­spie­ler – und den­noch kom­plett auf dem Bo­den ge­blie­ben. Er stu­diert noch in sei­ner Hei­mat­stadt Lü­beck, spielt mit al­ten Schul­freun­den in ei­ner Band na­mens „Pu­del­da­me“und schreibt Film­mu­sik. So auch für das Aus­wan­de­rer-Epos „Der Club der sin­gen­den Metz­ger“(ab 27. De­zem­ber im Ers­ten), in dem er auch die Haupt­rol­le spielt. Kurz vor ei­ner St­unt-Pro­be für die Serie „Deutsch­land 89“tref­fen wir uns in ei­nem Ber­li­ner Ca­fé zu Milch­kaf­fee und Sa­lat:

Herr Nay, Sie woll­ten sich mit zehn Jah­ren als Chor­kna­be für die Oper be­wer­ben – und heu­te sind Sie Schau­spie­ler. Das Rich­ti­ge im fal­schen Le­ben?

So wür­de ich das nicht sa­gen, aber es war tat­säch­lich so. Es gab da­mals bei uns in den „Lü­be­cker Nach­rich­ten“ei­nen klei­nen Auf­ruf, da wur­den Kin­der im Al­ter von fünf bis zwölf Jah­ren ge­sucht, die Lust am Schau­spiel ha­ben. Ich war da­mals in der Kan­to­rei, und da gab’s ei­ne Tra­di­ti­on, dass jun­ge Kn­a­ben auch mal bei den Opern­gast­spie­len mit­sin­gen. Ich dach­te, das sei so et­was, und ha­be rich­tig förm­lich ei­ne Be­wer­bungs­map­pe mit Le­bens­lauf und al­lem Drum und Dran ge­schickt.

Sie ha­ben mit zehn ei­nen Le­bens­lauf ge­schrie­ben?

(lacht) Ja, ich hab mei­nen Va­ter ge­fragt, wie man das so macht. Ich bin dann auch zum Cas­ting ein­ge­la­den wor­den, wuss­te aber über­haupt nicht, wie das läuft, des­halb hat mich mei­ne Mut­ter hin­ge­bracht. Ei­gent­lich hät­ten wir da schon hell­hö­rig wer­den müs­sen, denn das Cas­ting war auf dem Ge­län­de der da­ma­li­gen Serie „Ret­tungs­flie­ger“. Spä­tes­tens nach der ers­ten Cas­tin­grun­de war ei­gent­lich klar, dass es nicht ums Sin­gen geht, aber ich hab trotz­dem ein­fach wei­ter­ge­macht. Wir sind da in ei­ne ganz ko­mi­sche Welt ein­ge­taucht mit so pus­hy El­tern, die ih­re Kin­der un­be­dingt beim Film un­ter­brin­gen woll­ten. Ir­gend­wann ha­be ich tat­säch­lich die­se Rol­le be­kom­men.

Das war die Serie „4 ge­gen Z“.

Ja, und ich muss­te mei­ne Mut­ter ganz schön be­ar­bei­ten, da­mit ich das über­haupt ma­chen durf­te, weil ich des­halb ja zeit­wei­se nicht zur Schu­le ge­hen konn­te. Ich hab dann ei­nen De­al mit ihr ge­macht: Wenn mei­ne No­ten schlech­ter wer­den, dann muss ich auf­hö­ren.

Und?

Ich hat­te nie wie­der so gu­te No­ten wie da­mals. Da­für bin ich zwei Mit­schü­le­rin­nen bis heu­te dank­bar: Va­nes­sa und Co­rin­na. Die ha­ben in der Schu­le al­les für mich mit­ge­schrie­ben und ha­ben abends oft noch mit mir te­le­fo­niert, das war wirk­lich su­per nett. Und ich ha­be das al­les so kon­zen­triert nach­ge­ar­bei­tet, dass ich wirk­lich rich­tig gut ge­wor­den bin. Ge­dreht wur­de haupt­säch­lich in Ham­burg, es gab aber auch ein paar Au­ßen­auf­nah­men in Lü­beck, des­we­gen stand der Auf­ruf wahr­schein­lich auch in den „Lü­be­cker Nach­rich­ten“.

Sie ha­ben da­mals un­ter ei­nem Pseud­onym ge­dreht. War­um?

Das wur­de uns von der Pro­duk­ti­on na­he­ge­legt, weil man mit den „Pfef­fer­kör­nern“die Er­fah­rung ge­macht hat­te, dass die Dar­stel­ler an­ge­ru­fen und ge­nervt wur­den. Und Na­men wie Nay gibt’s halt nicht so oft im Te­le­fon­buch. Am En­de war die Serie nicht so er­folg­reich, dass je­mand auf die Idee hät­te kom­men kön­nen, mich zu ner­ven (lacht).

Ha­ben Sie seit­dem kon­ti­nu­ier­lich ge­dreht?

Ja, aber sehr we­nig, viel­leicht je­des Jahr ei­ne klei­ne Epi­so­den­rol­le in ei­ner Pro­duk­ti­on von Stu­dio Ham­burg. Die hat­ten da­mals noch ei­ne ei­ge­ne Cas­ting­agen­tur, die dann aber weg­ra­tio­na­li­siert wur­de. Die bei­den Köp­fe die­ser Cas­ting­agen­tur wur­den dann mei­ne bei­den Agen­tin­nen, und die ha­ben mich auf ei­ner Orches­ter­fahrt an­ge­ru­fen und mir die Rol­le in „Ho­me­vi­deo“ver­mit­telt. Der Stoff hat mich erst mal ab­ge­schreckt, aber am En­de bin ich trotz­dem hin­ge­gan­gen und hab die Rol­le be­kom­men (lacht). Da­nach ging’s erst so rich­tig los.

Den klas­si­schen Weg über Schau­spiel­schu­le und Thea­ter ha­ben Sie al­so kom­plett aus­ge­las­sen?

Ja, wahr­schein­lich, weil sich die Fra­ge nie ge­stellt hat. Zum En­de mei­ner Schul­zeit war es ei­gent­lich nie ei­ne Op­ti­on, Schau­spie­ler wer­den zu wol­len. Da­für kom­me ich wahr­schein­lich aus zu bo­den­stän­dig-bür­ger­li­chen Ver­hält­nis­sen. Und ei­gent­lich woll­te ich ja mit mei­ner Mu­sik und Sport als zwei­tem Fach Gym­na­si­al­leh­rer wer­den. Das war mein Plan, und dann kam „Ho­me­vi­deo“qua­si aus dem Nichts.

Ihr Kol­le­ge To­bi­as Mo­ret­ti hat mal über Sie ge­sagt: „Man kommt nicht mehr weg von sei­nem Ge­sicht.“

Cool, hat er das echt ge­sagt? Wo­bei – für mein Ge­sicht kann ich ja nichts.

Was den­ken Sie denn, wenn Sie mor­gens nach dem Auf­ste­hen in die­ses Ge­sicht gu­cken, von dem man an­geb­lich nicht mehr weg­kommt?

Das, was al­le so den­ken: Ist schon wie­der Weih­nach­ten? Ich glaub, ich muss mich mal wa­schen.

Zu Ih­rem Ge­sicht ge­hört ei­ne eher un­auf­fäl­li­ge Nar­be über dem Au­ge. Wo­her ha­ben Sie die ei­gent­lich?

Von ei­nem Au­to­un­fall auf der Au­to­bahn, den ich mit mei­ner Mut­ter zu­sam­men hat­te. Da war ich zwei oder drei Jah­re alt, das ist al­so nicht mehr ak­tiv in mei­ner

Er­in­ne­rung. Aber von die­sem Un­fall ha­be ich ei­ne leich­te Asym­me­trie in mei­nem Ge­sicht, das ei­ne Au­ge liegt ein biss­chen tie­fer als das an­de­re. In mei­ner Kind­heit hab ich lan­ge ei­nen Topf­schnitt ge­tra­gen, weil mei­ne Mut­ter Angst hat­te, dass ich des­halb ge­hän­selt wer­de. Und jetzt heißt es, das wä­re mein Mar­ken­zei­chen – al­so hab ich mich da­mit ar­ran­giert und kein Pro­blem mit mei­ner Nar­be.

Be­sit­zen Sie ei­gent­lich ei­nen Hund?

Nein, da­zu wird es wahr­schein­lich auch nicht kom­men. In mei­ner Fa­mi­lie gibt’s ei­ne ziem­lich ex­tre­me Hun­de­haar­aller­gie. Bei mir ist die zwar nicht so aus­ge­prägt wie bei mei­nem Bru­der und Va­ter, aber den­noch ha­be ich nie ei­ne Be­zie­hung zu Haus­tie­ren auf­bau­en kön­nen. Bei uns ging es über Meer­schwein­chen nicht hin­aus, und auch die wur­den nur im Gar­ten ge­hal­ten. Im Haus hat­ten wir nur ei­nen Wel­len­sit­tich na­mens Pu­muckl, der hat­te ja auch kei­ne Haa­re.

Wenn Sie nie ei­nen Hund hat­ten und viel­leicht auch nie ei­nen ha­ben wer­den – war­um ha­ben Sie Ih­re Band dann „Pu­del­da­me“ge­nannt?

Un­se­re ers­te Sing­le han­del­te von ei­nem Er­ben als Ste­reo­ty­pen, da­rin gab es ei­nen Satz, der hieß „Ich hab nen schi­cken Wa­gen, nur um dich zu­zu­par­ken, und mei­ner Pu­del­da­me fehlt drin­nen die Luft zum At­men.“Wir ha­ben ganz lan­ge nach ei­nem deut­schen Na­men ge­sucht, weil wir von eng­li­schen Tex­ten auf deut­sche um­ge­stie­gen sind. Da­zu hat­ten wir ei­ne Whats­app-Grup­pe ge­bil­det – und da gab’s am En­de ei­ne Lis­te, die so lang war, dass man gar nicht mehr hoch­scrol­len konn­te. Ir­gend­wann ha­ben wir dann zu­sam­men­ge­ses­sen, woll­ten ei­ne Ent­schei­dung und ha­ben erst mal stun­den­lang Trä­nen ge­lacht über die gan­zen Vor­schlä­ge. Hän­gen ge­blie­ben sind schließ­lich nur drei Na­men.

Für al­le, die noch nie ei­nen Song ge­hört ha­ben: Wie kann man eu­re Mu­sik be­schrei­ben?

Das ist wirk­lich schwie­rig, weil wir vier al­le aus un­ter­schied­li­chen Rich­tun­gen kom­men – Jazz, Hip-Hop, Drum ’n’ Bass und Sin­ger/Song­wri­ter. Ich wür­de sa­gen, un­se­re Mu­sik ist ziem­lich dan­cy, wir ma­chen kei­ne Kon­zer­te, die man sich im Sit­zen an­hört. Tanz­ba­re Club­mu­sik, deut­sche Tex­te, die teil­wei­se ein biss­chen da­da­is­tisch sind. Da­vid Schüt­ter, mit dem ich die Tex­te schrei­be, kommt aus dem Free­style-Rap, das er­kennt man auch in un­se­ren Tex­ten wie­der.

Las­sen Sie mich ra­ten – Sie sind ver­mut­lich der Sin­ger/Song­wri­ter?

Stimmt, ich kom­me tat­säch­lich aus der Ecke Si­mon & Gar­fun­kel. Es hat si­cher zehn Jah­re ge­dau­ert, bis wir als Band über­haupt un­se­ren Stil ge­fun­den hat­ten. Und jetzt be­deu­tet für uns ein Pu­del­da­me-Kon­zert vor al­lem eins: An­dert­halb St­un­den Par­ty. Die Re­fe­ren­zen, die aus dem Pu­bli­kum kom­men, ge­hen dann meis­tens in die Rich­tung Bil­der­buch oder Deich­kind.

Ei­gent­lich hat­ten Sie die Rol­le in „Der Club der sin­gen­den Metz­ger“ja gar nicht krie­gen sol­len, weil Sie als Lü­be­cker kein Schwä­bisch spre­chen.

Rich­tig. Aber ich ha­be ge­sagt: Gebt mir ei­ne Chan­ce. Ich ken­ne aus Ham­burg ei­ne Opern­sän­ge­rin, die Schwä­bisch spricht, die ha­be ich ge­fragt, ob sie mir schon fürs Cas­ting Sze­nen bei­bringt. Schwä­bisch ha­be ich dann ge­lernt wie ei­ne Fremd­spra­che wie je­mand, der auf Eng­lisch singt, ob­wohl er’s nicht ver­steht. Fran­zis­ka Ai­g­ner, die Cas­te­rin, ist selbst Schwä­bin, das war für mich die Feu­er­pro­be. Of­fen­bar ha­be ich sie über­zeugt.

Wür­den Sie heu­te in Stutt­gart als Ein­hei­mi­scher durch­ge­hen?

Auf kei­nen Fall. Ich war mit Ga­b­rie­le Ross­ma­nith, der Opern­sän­ge­rin, im­mer per Whats­App ver­bun­den für den Fall, dass sich ei­ne Sze­ne än­dert. So ei­nen Dia­lekt wirk­lich zu spre­chen wä­re für mich ei­ne Le­bens­auf­ga­be.

Ist Fi­de­lis Wald­vo­gel ein Wirt­schafts­flücht­ling?

Klar, wenn auch zu ei­ner an­de­ren Zeit. Er fin­det kei­nen Platz mehr in sei­ner Fa­mi­lie, in ei­ner Metz­gers­dy­nas­tie, und hat an­sons­ten auch nicht viel Per­spek­ti­ven, Geld zu ver­die­nen und sich ein Le­ben auf­zu­bau­en. Sei­ne letz­te Aus­fahrt ist: Emi­grie­ren.

Ver­än­dert der Film den Blick auf Wirt­schafts­flücht­lin­ge?

Ich glau­be schon, dass er das Po­ten­zi­al da­zu hat. Er bie­tet die Chan­ce, mit ei­nem Deut­schen aus die­ser Zeit auf sei­ner Su­che nach ei­ner neu­en Hei­mat, ei­nem neu­en Zu­hau­se ei­ne em­pa­thi­sche Ver­bin­dung ein­zu­ge­hen. Viel­leicht gibt das den Zu­schau­ern noch mal ei­ne neue Per­spek­ti­ve – nicht nur auf die Men­schen, die gera­de als Ein­wan­de­rer zu uns kom­men, son­dern auch dar­auf, dass viel­leicht in ein paar Jah­ren wir wie­der die­je­ni­gen sein könn­ten, die ir­gend­wo­hin flüch­ten wol­len.

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Fo­to: ima­go images/Sven Si­mon

Fo­to: An­ne Wilk

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