Blei­bet, Ihr Hir­ten!

Lamm­fleisch ist zu bil­lig, Wol­le nicht ge­fragt: Im­mer we­ni­ger Schä­fer kön­nen von ih­rem Be­ruf le­ben

Meppener Tagespost - - WEIHNACHTS­JOURNAL - Von Tho­mas Oli­vier

Euch ist heu­te der Hei­land ge­bo­ren!“Die­se Freu­den­bot­schaft ver­kün­de­ten die En­gel den Hir­ten nachts „auf frei­em Fel­de“. Die Män­ner in ih­ren zot­te­li­gen Fel­len wa­ren die Ers­ten, die von der Ge­burt des Chris­tus­kin­des er­fuh­ren. Heu­te, mehr als 2000 Jah­re spä­ter, hät­ten die En­gel Schwie­rig­kei­ten, Ge­hör zu fin­den. Die Stars der Weih­nacht sind in Not. Welt­weit.

Ein No­vem­ber­mor­gen vor den To­ren Ber­lins im Mär­kisch-Oder­land. Kaum ist die Mond­si­chel ver­schwun­den, krat­zen die ers­ten Scha­fe un­ter der knir­schen­den Rau­reif­schicht nach Grä­sern. Ein ar­chai­sches Bild wie aus bi­bli­scher Er­zäh­lung: Ge­stützt auf sei­nen Hir­ten­stock und um­tän­zelt von ei­nem Alt­deut­schen Schä­fer­hund, be­grüßt Knut Kucz­nik die ers­ten Son­nen­strah­len. Ein Mann von mäch­ti­ger Gestalt in ro­bus­ter Le­der­ho­se und der­ber Ja­cke, die sich über den Bauch spannt. Mit prü­fen­dem Blick be­ob­ach­tet Kucz­nik sei­ne „Mä­dels“beim Fres­sen. Lei­se rup­fend und mamp­fend, schiebt sich die wei­ße Front Bü­schel für Bü­schel vor­wärts. Kucz­nik ge­nießt die­se ver­trau­ten Ge­räu­sche, die Zu­nei­gung und Dank­bar­keit sei­ner Tie­re. „Nichts ist schö­ner als die Frei­heit, über frisch ver­schnei­te Wie­sen zu zie­hen.“

Auss­ter­ben­de Spe­zi­es

Die Idyl­le trügt. Knut Kucz­nik, ein freund­li­cher, en­ga­gier­ter Na­tur­bur­sche von 53 Jah­ren, ist ei­ner von nur noch 989 haupt­be­ruf­li­chen Schä­fern in Deutsch­land. Un­ter sei­nem grü­nen Filz­hut lugt ein ge­floch­te­ner Zopf her­vor. Der „Hir­te im Her­zen“liebt sei­nen Be­ruf und sei­ne Tie­re. Kucz­niks 600 Mut­ter­scha­fe sind stets drau­ßen an der fri­schen Luft. Je­den Tag, von Son­nen­auf- bis Son­nen­un­ter­gang, Som­mer wie Win­ter, bei Wind und Wetter, sie­ben Ta­ge die Wo­che, 365 Ta­ge im Jahr, oft bis zu 15 St­un­den lang – auch an Weih­nach­ten. „Ich ken­ne hier je­den Baum beim Na­men!“Als Schä­fer führt er ein selbst­be­stimm­tes, aber har­tes Le­ben zwi­schen Frost und Frust, Bü­ro­kra­tie, Geld­sor­gen und glück­li­chen St­un­den in der Na­tur. Ur­laub? Fei­er­tag? „Den­ken Sie nicht, das ist hier ro­man­tisch!“

Um 70 Pro­zent ist die Zahl der Be­trie­be in den letz­ten 20 Jah­ren zu­rück­ge­gan­gen. Das ma­che ihn „ver­rückt im Kopf “, sagt Kucz­nik. We­ni­ger als 600 000 Scha­fe blö­ken noch auf deut­schen Wie­sen. Vi­el­leicht noch ein paar Dut­zend Wan­der­schä­fer – wenn über­haupt – zie­hen mit ih­ren Her­den wie vor Jahr­hun­der­ten über deut­sche Wei­den. Ge­naue ak­tu­el­le Zah­len exis­tie­ren nicht. Die No­ma­den der Neu­zeit sind ei­ne auss­ter­ben­de Spe­zi­es. Zu ih­nen ge­hört auch Knut Kucz­nik: Von Sep­tem­ber bis März ist er „ei­ner der letz­ten Wan­der­schä­fer Deutsch­lands“. Aber: „Bald sind al­le tot! Und al­les ist ein My­thos!“

Die we­ni­gen Kol­le­gen, die noch zwi­schen Nord- und Bo­den­see um­her­zie­hen, sind Idea­lis­ten, Schä­fer aus Lei­den­schaft, die bei al­len Kla­gen mit Herz­blut bei der Sa­che sind. Das Ge­schäft loh­ne sich kaum noch, sa­gen sie. Weil der Be­ruf un­ren­ta­bel ge­wor­den, das Land zer­sie­delt ist. Weil es zu vie­le Hin­der­nis­se für die Her­den gibt, In­dus­trie­an­la­gen, Stra­ßen- und Sied­lungs­bau die

Grün­flä­chen fres­sen. Jahr­zehn­te­lang war Ruth Häckh, 57, als Wan­der­schä­fe­rin im Som­mer über die raue Schwä­bi­sche Alb und im Win­ter zu­rück zum mil­den Bo­den­see ge­zo­gen. So hat es schon der Va­ter ge­macht, der Groß­va­ter und al­le Män­ner der Ge­ne­ra­tio­nen zu­vor. Hun­der­te Ki­lo­me­ter zog die Hir­tin re­gel­mä­ßig durch Wa­chol­der-Hai­ne und von Wei­de zu Wei­de.

Nie fühl­te sie sich drau­ßen bei der Her­de ein­sam. Hier war sie zu Hau­se, im Duft von wil­dem Ma­jo­ran und Thy­mi­an. „Ein schö­ner Tag in der Na­tur ent­schä­dig­te für al­le Ent­beh­run­gen.“Nicht sel­ten war zur Hei­li­gen Nacht Lamm­zeit. Kein Pro­blem: „Scha­fe sind ja gut iso­liert!“In­zwi­schen be­en­de­te Häckh ih­re jahr­hun­der­te­al­te Fa­mi­li­en­tra­di­ti­on: Die Mut­ter zwei­er er­wach­se­ner Söh­ne leg­te ih­ren Wan­der­stab bei­sei­te und re­du­zier­te ih­re Her­de auf die Hälf­te von 200 Tie­ren. „Ir­gend­wann war al­les aus­ge­reizt.“

Gün­ther Czer­kus, obers­ter Hir­te der deut­schen Be­rufs­schä­fer, malt ein düs­te­res Bild sei­nes Be­rufs­stan­des: „Wir kämp­fen über­all mit den glei­chen Pro­ble­men.“Das Lamm­fleisch

ist zu bil­lig, Schafs­wol­le out. „Das ist prak­tisch Son­der­müll!“Die letz­ten Woll­käm­me­rei­en in Leip­zig und Bre­men sind ver­schwun­den. Die Zu­kunft des Schä­fers zeich­net sich ab: Je­der zwei­te deut­sche Hir­te – Durch­schnitts­al­ter 58 Jah­re – geht in den nächs­ten zehn Jah­ren in Ren­te. Wenn nicht bald et­was ge­schieht, müs­sen bis zu 90 Pro­zent der Schä­fe­rei­en auf­ge­ben.

Da­bei leis­ten die wet­ter­fes­ten Hü­te­rin­nen und Hü­ter öko­lo­gisch ei­nen von der Ge­sell­schaft ge­wünsch­ten wert­vol­len Bei­trag für die Ar­ten­viel­falt in der Na­tur. Ih­re Tie­re be­wei­den mit mehr als 400 000 Hekt­ar fast zehn Pro­zent der deut­schen Dau­er­grün­flä­chen. Gan­ze Kul­tur­land­schaf­ten ha­ben Scha­fe er­schaf­fen. Hei­dschnu­cken­her­den pfle­gen die baum­lo­sen Flä­chen der Lü­ne­bur­ger Hei­de. Auf den Dei­chen der Nord- und Ost­see­küs­te tre­ten die Paar­hu­fer die Gras­nar­be fest und sor­gen für den Sturm­flut­schutz. Die Wie­der­käu­er pfle­gen emp­find­li­che Bio­to­pe, sel­te­ne Tier- und Pflan­zen­ar­ten. Als ein­zi­ge Wei­de­tie­re

trans­por­tie­ren Scha­fe in ih­rem Fell und mit ih­rem Kot Sa­men und In­sek­ten von Bio­top zu Bio­top. „Mehr als je­des Wild­tier“, ver­si­chert Ober-Schä­fer Czer­kus.

Nicht nur in Deutsch­land, al­ler­or­ten kämpft der 9000 Jah­re al­te Be­rufs­stand ums Über­le­ben. Von In­di­en bis Spa­ni­en, von Ti­bet bis zu den An­den, von Pa­kis­tan bis Ägyp­ten. Ob Was­ser­büf­fel-No­ma­den im Hi­ma­la­ja, Ka­mel-Hir­ten in In­di­en, die Tua­reg in Ma­rok­ko, die Mas­sai in Ke­nia – über­all auf der Welt lei­den die um­her­zie­hen­den Tier­hal­ter un­ter den glei­chen, man­nig­fal­ti­gen Pro­ble­men, die da hei­ßen: Kli­ma­wan­del, Dür­re, wach­sen­de Städ­te, In­ten­siv­land­wirt­schaft auf mo­no­to­nen Acker­schlä­gen. Der Streit um Land und Bo­den, um Wei­den und Trän­ken mün­det man­cher­orts so­gar in blu­ti­ge Krie­ge.

Mehr als 200 Mil­lio­nen Schä­fer hän­gen der­zeit laut Wel­ter­näh­rungs­or­ga­ni­sa­ti­on FAO von ih­rem Vieh ab. Hun­der­te Hir­ten­völ­ker sind un­ter­wegs. No­ma­den, die mit ih­ren Scha­fen, Zie­gen, Rin­dern, La­mas oder Ka­me­len um­her­zie­hen. Die Frau­en und Män­ner in der

Na­tur er­näh­ren drei Vier­tel der Welt­be­völ­ke­rung.

Es ging auch schon an­ders: Spa­ni­sche Schä­fer stan­den im 12. Jahr­hun­dert un­ter dem be­son­de­ren Schutz ih­rer Kö­ni­ge. Hir­ten fan­den Ein­gang in die Mys­tik der An­ti­ke und in die Dich­tung des Mit­tel­al­ters. Un­zäh­li­ge Ma­ler und Bild­hau­er, Poe­ten und Mu­si­ker ha­ben den Schä­fer bis heu­te glo­ri­fi­ziert. Auf Ge­mäl­den und Kup­fer­sti­chen, auf Glas­ma­le­rei­en in Ka­the­dra­len, mit Holz­schnit­ze­rei­en und al­ten Meis­ter­wer­ken von Mu­ril­lo bis Ru­bens. Und je­des Mal zu Weih­nach­ten mi­schen sich Hir­ten auf Mil­li­ar­den von Ab­bil­dun­gen un­ter das Krip­pen­per­so­nal.

Ob Abra­ham und Abel, Mo­ses oder Kö­nig Da­vid – schon die le­gen­dä­ren Ge­stal­ten der Bi­bel sol­len Hir­ten ge­we­sen sein. Kä­me das Je­sus­kind die­ses Jahr auf die Welt, die Stars der Weih­nachts­ge­schich­te ge­lang­ten gar nicht erst zur Krip­pe in Beth­le­hem. Spä­tes­tens im fünf Au­to­mi­nu­ten ent­fern­ten Dorf Beit Sahour wür­den die letz­ten Schä­fer Pa­läs­ti­nas an ei­nem der Check­points ab­ge­wie­sen wer­den.

Nur ein Trost­pflas­ter

Die deut­schen Hir­ten kann kei­ner auf­hal­ten. Auch nicht der Wolf. Ver­bands­chef Gün­ther Czer­kus hat den strup­pi­gen Räu­ber nicht ge­ra­de ge­ru­fen. „Aber der Wolf ge­hört zur Na­tur und nicht ab­ge­schos­sen!“Schä­fer hät­ten viel wich­ti­ge­re Pro­ble­me zu lö­sen.

Im Kampf für ei­ne ge­rech­te „Wei­de­tier­prä­mie“zo­gen sie letz­tes Jahr lär­mend zu Hun­der­ten mit Glo­cken und Bö­cken vor die Land­ta­ge von zwölf Bun­des­län­dern und vor das Land­wirt­schafts­mi­nis­te­ri­um in Berlin. Auch Kucz­nik schwang sei­nen Hir­ten­stab und de­mons­trier­te für die Zu­kunft sei­nes Be­ru­fes. Im­mer­hin: Seit Ju­li un­ter­stützt das Bun­des­agrar­mi­nis­te­ri­um jetzt we­nigs­tens je­ne Schä­fer, die mit ih­ren Her­den durch Wolf- und Wolf­s­prä­ven­ti­ons­ge­bie­te zie­hen.

Kaum mehr als ein Trost­pflas­ter für Knut Kucz­nik. „Wir Hir­ten set­zen uns ein bis zur Selbst­auf­ga­be.“150 Was­ser­büf­fel gra­sen mitt­ler­wei­le auf sei­ner Wei­de. „Ich muss mich an die­se Welt an­pas­sen.“Glaubt er an Gott? Kucz­nik klopft die Res­te von Erd­klum­pen und Schnee von sei­nen Stie­feln. „Nicht doll, aber ein biss­chen!“

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