„Nor ei­nen wön­zi­gen Sch­lock“

Feu­er­zan­gen­bow­le ist als Film und Ge­tränk in der Weih­nachts­zeit ein be­lieb­ter Spaß un­ter Stu­den­ten

Meppener Tagespost - - WEIHNACHTS­JOURNAL - Von Mar­cus Ta­cken­berg

Spe­ku­la­ti­us und Man­deln lie­gen in klei­nen Schäl­chen, Dut­zen­de Ker­zen er­hel­len den holz­ver­tä­fel­ten Saal, und ein frisch ge­schla­ge­ner und ge­schmück­ter Tan­nen­baum sorgt für weih­nacht­li­chen Glanz: In der Aka­de­mi­schen Ver­bin­dung Wi­du­kind in Osnabrück ist al­les be­reit für ei­nen be­son­ders stim­mungs­vol­len Abend des Se­mes­ter­pro­gramms: die Feu­er­zan­gen­bow­le.

Wer da­bei zu­erst an den be­rühm­ten Film mit Heinz Rüh­mann denkt, liegt auf je­den Fall nicht falsch. Denn die lus­ti­ge Pen­nä­ler­ko­mö­die wird selbst­ver­ständ­lich auch hier ge­zeigt. „Doch die Tra­di­ti­on der Feu­er­zan­gen­bow­le ist in der Kul­tur des Stu­den­ten­le­bens schon viel län­ger ver­an­kert, als es der 1944 ur­auf­ge­führ­te Film ver­mu­ten lässt“, er­klärt Max Zöl­ler, ei­ner der Al­ten Her­ren bei den Wi­du­kin­den.

Das Zau­ber­wort des Abends heißt „Krambam­bu­li“– qua­si ei­ne Art Syn­onym für die Feu­er­zan­gen­bow­le in Stu­den­ten­krei­sen. Nach dem ers­ten Schluck schla­gen die An­we­sen­den das Kom­mers-Lie­der­buch auf und schmet­tern im For­tis­si­mo mit Kla­vier­be­glei­tung das gleich­na­mi­ge Stu­den­ten- und Volks­lied. Be­schrie­ben wird dar­in die wohl­tu­en­de Wir­kung ei­nes im 18. Jahr­hun­dert in der Dan­zi­ger Bren­ne­rei „Lachs“her­ge­stell­ten Li­körs aus Wa­chol­der­brand, Anis und Kirsch­saft. Ne­ben die­ser in­ten­siv ro­ten, „Krambam­bu­li“ge­nann­ten Spi­ri­tuo­se mach­te sich das Un­ter­neh­men vor al­lem mit dem „Dan­zi­ger Gold­was­ser“ei­nen Na­men in ganz Eu­ro­pa.

Phi­lo­lo­gen zu­fol­ge setzt sich der Be­griff Krambam­bu­li aus dem Wort Kra­ne­witt („Kräch­zer­holz“oder auch Wa­chol­der, des­sen Bee­ren von der kräch­zen­den Wa­chol­der­dros­sel be­vor­zugt wer­den) und dem rot­wel­schen Wort Blamp (al­ko­ho­li­sches Ge­tränk) zu­sam­men. Ein ge­wis­ser Chris­toph Fried­rich We­de­kind, ju­ris­ti­scher Be­ra­ter des Prin­zen Ge­org Lud­wig von Hol­stein-Got­torp, muss ein ech­ter Ge­nie­ßer des ro­ten Li­körs ge­we­sen sein: 1745 ver­fass­te er dar­über ein Lob­ge­dicht mit sa­ge und schrei­be 102 Stro­phen.

Seit Mit­te des 19. Jahr­hun­derts wird Krambam­bu­li in stu­den­ti­schen Ver­bin­dungs­krei­sen als Grog mit Schnaps oder Rum ge­trun­ken oder auch als Grund­la­ge für ei­ne Feu­er­zan­gen­bow­le be­nutzt. Wie po­pu­lär der ku­rio­se Be­griff da­mals war, zeigt sei­ne Ver­wen­dung in der Li­te­ra­tur: Die ös­ter­rei­chi­sche Dich­te­rin Ma­rie von Eb­ner-Eschen­bach er­zählt in ih­rer gleich­na­mi­gen No­vel­le aus dem Jah­re 1883 von ei­nem treu­en Hund, der für zwölf Fla­schen Krambam­bu­li den Be­sit­zer wech­selt, des­we­gen auch so ge­nannt wird und al­ler­hand Aben­teu­er er­lebt, bis er tra­gisch stirbt.

Ei­ni­ge die­ser his­to­ri­schen Fak­ten wer­den in der AV Wi­du­kind zum Bes­ten ge­ge­ben, wäh­rend die Flam­me über der Feu­er­zan­gen­bow­le mys­tisch in bläu­lich-vio­let­ten Far­ben leuch­tet und ei­nen ganz be­son­de­ren Duft im Raum ver­brei­tet. „Bier sackt in die Bei­ne, Wein legt sich auf die Zun­ge, Schnaps kriecht ins Ge­hirn. Ei­ne Feu­er­zan­gen­bow­le aber geht ans Ge­müt. Weich und warm hüllt sie die See­le ein, nimmt die Er­den­schwe­re hin­weg und löst al­les auf in Dunst und Ne­bel“, zi­tiert ei­ner der Stu­den­ten aus dem Film „Die Feu­er­zan­gen­bow­le“.

Für das Re­zept des Zau­ber­trunks ist an die­sem Abend Wein-Som­me­lier Constantin Struck­mey­er ver­ant­wort­lich. In ei­nem Topf er­hitz­te er be­reits am Tag zu­vor jun­gen, fruch­ti­gen Wein (drei Fla­schen) auf 70 Grad zu­sam­men mit Oran­gen- und Zi­tro­nen­schei­ben ei­ner Stan­ge Zimt, fünf Ge­würz­nel­ken und zwei Stern­anis. „Op­tio­nal kann man auch noch Kar­da­mom und ei­ne Va­nil­le­scho­te ver­wen­den“, sagt Struck­mey­er. „Über Nacht kalt ge­stellt, kom­men die Aro­men in der Bow­le so rich­tig zur Gel­tung, Stich­wort Ma­ze­ra­ti­on.“

Beim An­zün­den der Feu­er­zan­gen­bow­le sei höchs­te Vor­sicht ge­bo­ten, warnt der Som­me­lier. „Den Rum – Mi­ni­mum 54 Pro­zent Al­ko­hol­ge­halt – in ei­ner Kel­le an­zün­den und vor­sich­tig über den Zu­cker­hut gie­ßen. Nie­mals di­rekt aus der Fla­sche, die Au­gen­brau­en wer­den es dan­ken.“Auf vie­len Weih­nachts­märk­ten wird da­her bei der Feu­er­zan­gen­bow­le aus Si­cher­heits­grün­den nicht mehr mit ei­ner of­fe­nen Flam­me han­tiert, son­dern der be­reits fer­ti­ge Punch an­ge­bo­ten.

Die be­rühm­tes­ten Zi­ta­te aus dem Film mit Heinz Rüh­mann ken­nen die Stu­den­ten aus­wen­dig. Na­tür­lich auch die­ses: „Die al­ko­ho­li­sche Gä­rung oder die Gä­rung des Al­ko­hols er­zeugt Al­ko­hol. Der Al­ko­hol er­zeugt Gä­rung. Die so­ge­nann­te al­ko­ho­li­sche Gä­rung. Der gä­ren­de Al­ko­hol be­ginnt dann zu fa­seln, und so ent­steht Hei­del­beer-Fa­sel oder Hei­del­beer-Fu­sel.“Herz­lich ge­lacht wird nach drei Glä­sern Bow­le über die War­nung des fik­ti­ven Che­mie-Pro­fes­sors Crey mit rhei­ni­schem Ak­zent: „Vor­sicht. Je­der nor ei­nen wön­zi­gen Sch­lock, sonst steigt er in den Kopf.“

Nicht nur in Ver­bin­dungs­häu­sern steht der Film kurz vor Weih­nach­ten re­gel­mä­ßig auf dem Pro­gramm. Auch in vie­len Ki­nos, Stu­den­tenknei­pen und Hör­sä­len in der gan­zen Re­pu­blik wird „Die Feu­er­zan­gen­bow­le“ge­zeigt. Am En­de der Wi­du­kind-Ver­an­stal­tung wird noch die letz­te Stro­phe des Krambam­bu­li-Lie­des ge­sun­gen: „Wer wi­der uns Krambam­bu­lis­ten sein hä­misch Maul zur Miss­gunst rümpft, den hal­ten wir für kei­nen Chris­ten, weil er auf Got­tes Ga­be schimpft; ich gäb ihm, ob er Ze­ter schrie, nicht ei­nen Schluck Krambam­bu­li.“

Fo­tos: An­dré Ha­ver­go

Vio­lett leuch­tet die Flam­me, wenn sich der bren­nen­de Rum über den Zu­cker­hut er­gießt und in die Bow­le tröp­felt. In der Aka­de­mi­schen Ver­bin­dung Wi­du­kind in Osnabrück ge­hört die Feu­er­zan­gen­bow­le zur Tra­di­ti­on. Da­zu wird das „Krambam­bu­li“-Lied ge­sun­gen.

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