Mil­li­ar­den-Loch bei den Kran­ken­kas­sen

Me­di­zi­ni­scher Fort­schritt und neue Ge­set­ze trei­ben Kos­ten / Ab 2021 vor­aus­sicht­lich hö­he­re Bei­trä­ge

Meppener Tagespost - - VORDERSEIT­E -

Der Trend war be­reits ab­seh­bar, nun ver­kün­det der Spit­zen­ver­band der ge­setz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­run­gen ein Mil­li­ar­den­De­fi­zit. Als Grund wird der me­di­zi­ni­sche Fort­schritt ge­nannt – aber auch teu­re Ge­set­zes­vor­ha­ben. Nun könn­ten die Bei­trä­ge stei­gen.

Erst­mals seit 2015 schlie­ßen die ge­setz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­run­gen (GKV) die­ses Jahr wie­der mit ei­nem gro­ßen Ver­lust ab. „Das De­fi­zit für 2019 wird über ei­ne Mil­li­ar­de Eu­ro be­tra­gen“, sag­te die Che­fin des GKV-Spit­zen­ver­bands, Do­ris Pfeif­fer, den Zei­tun­gen der Fun­ke-Me­di­en­grup­pe. Als Grund führ­te sie un­ter an­de­rem teu­re Ge­set­zes­vor­ha­ben der Re­gie­rung an. Die meis­ten Kran­ken­kas­sen wer­den Pfeif­fer zu­fol­ge ih­ren Zu­satz­bei­trag 2020 noch nicht er­hö­hen müs­sen. Erst ab 2021 wer­de es wohl zu hö­he­ren Bei­trä­gen kom­men, sag­te sie.

Nach dem ers­ten Halb­jahr 2019 be­trug das Mi­nus 544 Mil­lio­nen Eu­ro, nach den ers­ten neun Mo­na­ten wa­ren es 741 Mil­lio­nen Eu­ro. Auf Jah­res­sicht ist es der ers­te Ver­lust seit 2015. Im Jahr 2018 hat­te der Ein­nah­me­über­schuss der Kas­sen dem Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­te­ri­um zu­fol­ge noch zwei Mil­li­ar­den Eu­ro be­tra­gen.

Nach An­ga­ben des Mi­nis­te­ri­ums la­gen die Fi­nanz­rück­la­gen

der Kas­sen En­de Sep­tem­ber 2019 bei rund 20,6 Mil­li­ar­den Eu­ro – et­wa dem Vier­fa­chen der ge­setz­lich vor­ge­schrie­be­nen Min­dest­re­ser­ve. Mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) nann­te das Mi­nus An­fang De­zem­ber „ein un­ech­tes De­fi­zit“, das durch Rück­la­gen-Ab­bau ent­ste­he.

Pfeif­fer nann­te die Ent­wick­lung nun „alar­mie­rend“, weil auch Re­kord­ein­nah­men den Ver­lust nicht hät­ten ver­hin­dern kön­nen. Der Grund da­für sei­en stark stei­gen­de Aus­ga­ben. Die Ent­wick­lung ha­be sich im Jah­res­ver­lauf so­gar noch be­schleu­nigt. Dies lie­ge ei­ner­seits am me­di­zi­ni­schen Fort­schritt, an­de­rer­seits an den teu­ren Ge­set­zen der Bun­des­re­gie­rung. „Al­lein durch das Ter­minSer­vice­ge­setz

und das Pfle­ge­per­so­nal-Stär­kungs­ge­setz kom­men auf die Kran­ken­kas­sen im nächs­ten Jahr rund fünf Mil­li­ar­den Eu­ro an Mehr­aus­ga­ben zu“, sag­te Pfeif­fer. Weil die meis­ten Kas­sen ei­nen Teil ih­rer Rück­la­gen auf­lö­sen wür­den, könn­ten sie aber ih­re Zu­satz­bei­trä­ge 2020 sta­bil hal­ten. „Dass die ge­setz­li­chen Kran­ken­kas­sen

das Jahr mit ei­nem Mil­li­ar­den­de­fi­zit ab­schlie­ßen, muss die Alarm­glo­cken schril­len las­sen“, er­klär­te FDP-Frak­ti­ons­vi­ze Micha­el Theu­rer. Die Gro­ße Ko­ali­ti­on und al­len vor­an Spahn hät­ten die Leis­tun­gen mas­siv aus­ge­wei­tet und die Kos­ten in die Zu­kunft ver­scho­ben. „Das rächt sich nun und wird bald zu stei­gen­den

Bei­trä­gen und da­mit zu­sätz­li­chen Be­las­tun­gen füh­ren.“

Bär­bel Bas, stell­ver­tre­ten­de Vor­sit­zen­de der SPD-Bun­des­tags­frak­ti­on, er­klär­te da­ge­gen: „Kran­ken­kas­sen sind kei­ne Spar­kas­sen, son­dern bie­ten Ser­vice-Leis­tun­gen für ih­re Ver­si­cher­ten.“Im letz­ten Jahr ha­be es zahl­rei­che Ver­bes­se­run­gen für Ver­si­cher­te ge­ge­ben: „Mit­tels Ter­min­ser­vice-Ge­setz wer­den Fach­arzt­ter­mi­ne zeit­nah ver­mit­telt, und Pfle­ge­ein­rich­tun­gen be­kom­men mehr Per­so­nal – das kos­tet Geld. Es ist da­her rich­tig, dass Rück­la­gen in Hö­he von rund 21 Mil­li­ar­den ab­ge­baut und für gu­te Ver­sor­gung aus­ge­ge­ben wer­den.“Nach ei­ner im Ok­to­ber ver­öf­fent­lich­ten Pro­gno­se im Auf­trag der Ber­tels­mann-Stif­tung droht den ge­setz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­run­gen im Jahr 2040 ein Mi­nus von fast 50 Mil­li­ar­den Eu­ro, wenn die Po­li­tik nicht früh­zei­tig ge­gen­steu­ert. Der Bei­trags­satz müss­te dem­nach von der­zeit 14,6 Pro­zent schritt­wei­se auf 16,9 Pro­zent er­höht wer­den.

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