Die Kuh, das wil­de We­sen

Nach meh­re­ren An­grif­fen von Tie­ren auf Wan­de­rer war­nen Bau­ern vor dem Vieh – auch, um sich selbst zu schüt­zen

Meppener Tagespost - - REPORTAGE - Von Sa­bi­ne Do­bel

So fried­lich lie­gen sie da und käu­en wie­der. Doch der Schein scheint zu trü­gen. „Dan­ger!“, warnt ein Schild am Wei­de­zaun na­he dem Blom­berg bei Bad Tölz. „Keep dis­tan­ce!“Über­all in den baye­ri­schen Al­pen ste­hen die­se Ta­feln, die auf Eng­lisch auch den aus­län­di­schen Wan­de­rer er­rei­chen sol­len.

Alm- und Alp­wirt­schaft­li­che Ver­ei­ne, Tou­ris­mus­äm­ter und Bau­ern­ver­band re­agie­ren so auf ei­ne bis­her of­fen­sicht­lich un­ter­schätz­te Ge­fahr: In Ös­ter­reich en­de­te das Zu­sam­men­tref­fen ei­ner Hun­de­be­sit­ze­rin mit Kü­hen töd­lich. Die 45-Jäh­ri­ge aus Rhein­land-Pfalz wur­de 2014 im Stu­bai­tal von ei­ner Her­de tot­ge­tram­pelt, die wohl ih­re Käl­ber vor dem Hund schüt­zen woll­te. Nun herrscht Alarm auf den blu­mi­gen Alm­wie­sen.

Angst vor Haf­tung

Vor al­lem ein Ur­teil des Land­ge­richts Inns­bruck zu dem To­des­fall sorg­te für Ve­r­un­si­che­rung – und zwar mehr un­ter Bau­ern als un­ter Tou­ris­ten: Das Ge­richt sprach den Hin­ter­blie­be­nen rund 180 000 Eu­ro Scha­den­er­satz und ei­ne mo­nat­li­che Ren­te in vier­stel­li­ger Hö­he zu. Zwar wur­de das Ur­teil im Au­gust von der über­ge­ord­ne­ten In­stanz, das dem Op­fer ei­ne Mit­schuld at­tes­tier­te, ab­ge­mil­dert – das Schmer­zens­geld wur­de um mehr als die Hälf­te re­du­ziert. Den­noch: „Die Angst vor der Haf­tung ist ge­stie­gen“, sagt Hans Stöckl, Ge­schäfts­füh­rer des Alm­wirt­schaft­li­chen Ver­eins Ober­bay­ern. Auch in Deutsch­land ha­be nach dem Ur­teil ei­ne Wan­de­rin ei­ne Kla­ge er­wo­gen, nach­dem sie im ver­gan­ge­nen Som­mer bei der Gin­del­alm im Spit­zing­ge­biet von ei­ner jun­gen Kuh um­ge­rannt wor­den war.

Aus Ös­ter­reich wer­den in­des­sen wei­te­re Fäl­le be­rich­tet: Mit­te Ju­li griff ei­ne Kuh am Hoch­kö­nig im Be­zirk Pinz­gau plötz­lich ei­ne vor­bei­ge­hen­de Wie­ne­rin an – ver­mut­lich hat­te sich das Tier er­schreckt. Ei­ne gu­te Wo­che spä­ter stieß bei Söl­den ein jun­ges Rind ei­ne deut­sche Wan­de­rin um, es war mit an­de­ren Jung­tie­ren auf sie zu­ge­lau­fen. Bei­de Frau­en ka­men per He­li ins Kran­ken­haus.

In Ös­ter­reich ste­hen im Som­mer rund 270000 der Tie­re auf Al­men; in den baye­ri­schen Al­pen sind es 50 000. Viel­fach kreu­zen Wan­der­we­ge die Wei­den. Der Alm­wirt­schaft­li­che Ver­ein Ober­bay­ern riet Bau­ern un­ter an­de­rem zu ei­ner Be­triebs­haft­pflicht­ver­si­che­rung – und zu Warn­hin­wei­sen. So hän­gen an den Kuh­wei­den die „Dan­ger“-Schil­der, die auch auf die wich­ti­gen Leis­tun­gen der Wie­der­käu­er ver­wei­sen: „Wei­de­tie­re pfle­gen un­se­re Land­schaft.“Ob Warn­schil­der bei ei­nem Un­fall aus­rei­chen, ist of­fen. Nach Auf­fas­sung des Inns­bru­cker Ge­richts wä­ren spe­zi­ell an dem Un­fall­ort Ab­zäu­nun­gen nö­tig ge­we­sen.

Oft, so hört man, hät­ten Wan­de­rer kein Ge­spür, wie sie sich zu ver­hal­ten ha­ben. Vie­le hät­ten über­haupt kei­nen Be­zug mehr zur Land­wirt­schaft und oft auch nicht zur Berg­welt. Die Ge­fahr steigt noch, wenn Mut­ter­kü­he mit Käl­bern auf den Al­men sind, die sie schüt­zen wol­len. „Die Zahl der Mut­ter­tie­re auf den Al­men nimmt zu. Da­durch steigt auch die Span­nung zwi­schen Wan­de­rern und Tie­ren“, sagt Mar­kus Dr­ex­ler vom Baye­ri­schen Bau­ern­ver­band. Auch der zu­neh­men­de An­sturm auf die Ber­ge ver­schärft die La­ge. Gera­de der Ta­ges­tou­ris­mus ha­be zu­ge­nom­men, sagt Stöckl. „Es macht die Mas­se aus. Da­mit steigt auch der An­teil de­rer, die rück­sicht­los un­ter­wegs sind.“Hin­zu kä­men Moun­tain­bi­ker und im­mer mehr E-Bi­ker, die auch in ab­ge­le­ge­ne Win­kel der Berg­welt vor­drin­gen. Die Rad­ler be­un­ru­hig­ten die Kü­he mehr als Wan­de­rer. Stöckl sagt, „dass man das Moun­tain­bi­ken in Alm­ge­bie­ten stär­ker ein­schrän­ken müss­te“– nicht zu­letzt we­gen der Un­fall­ge­fahr. Auch hier fürch­ten die Alm­bau­ern die Haf­tung, et­wa „wenn ein Moun­tain­bi­ker stürzt oder in ei­nen Zaun oder Alm­fahr­zeug hin­ein­fährt.“

Ös­ter­reich er­ließ ein paar Wo­chen nach dem ers­ten Ur­teil zu dem töd­li­chen Ku­hun­fall ei­nen „Ak­ti­ons­plan für si­che­re Al­men“. Wer sich nicht an den Ver­hal­tens­ko­dex hal­te, für den ha­be das im Scha­dens­fall recht­li­che Kon­se­quen­zen, sag­te der da­ma­li­ge Kanz­ler Se­bas­ti­an Kurz (ÖVP). „Es geht um das gu­te

Mit­ein­an­der von Land­wirt­schaft und Tou­ris­mus auf Ös­ter­reichs Al­men.“Ein mög­li­ches Hun­de­ver­bot auf Al­men war schnell vom Tisch. „Wir wol­len kein Land der Ver­bo­te sein“, sag­te der Ti­ro­ler Lan­des­haupt­mann Gün­ther Plat­ter (ÖVP) schon im Fe­bru­ar nach ei­nem „Kuh-Gip­fel“in Inns­bruck.

Wan­de­rer ein­fach aus­sper­ren und den Durch­gang ver­bie­ten ist zu­min­dest in Bay­ern nicht mög­lich. „Wir ha­ben im Frei­staat ein frei­es Be­tre­tungs­recht. Die Sa­che ist des­halb nicht mit Ver­bo­ten zu lö­sen“, sagt Mar­kus Dr­ex­ler. Wan­de­rer müss­ten Sorg­falt wal­ten las­sen – und die Tier­hal­ter müss­ten in­for­mie­ren. Der Bau­ern­ver­band hat für Al­men und Hüt­ten ein Pla­kat auf­ge­legt: „Ma­chen Sie kei­ne hek­ti­schen Be­we­gun­gen. Tie­re sind schreck­haft“, mahnt es. Und: „Ma­chen Sie kei­ne Sel­fies mit Wei­de­tie­ren.“Ei­ne Alm sei schließ­lich kein Strei­chel­zoo.

Die Maß­re­geln ent­spre­chen in et­wa de­nen der Ös­ter­rei­cher: Hun­de an die Lei­ne, im Fall ei­ner Kuh-Atta­cke aber lau­fen las­sen; Ab­stand zu Her­de und Käl­bern, und kein Lärm, der die Tie­re ner­vös ma­chen könn­te.

Ver­hal­tens­ko­dex

Der­zeit lau­fen laut Alm­wirt­schaft­li­chem Ver­ein auch Ge­sprä­che mit an­de­ren Ver­bän­den, dar­un­ter Na­tur­schüt­zer und Deut­scher Al­pen­ver­ein (DAV), um mög­li­cher­wei­se ge­mein­sam Ver­hal­tens­re­geln auf­zu­stel­len.

„Man kann da­mit die An­zahl von Kon­flik­ten re­du­zie­ren“, sagt DAV-Prä­si­dent Jo­sef Klen­ner zum ös­ter­rei­chi­schen Plan. „Da sind ein paar nütz­li­che Rat­schlä­ge zu­sam­men­ge­fasst.“Die Ver­hal­tens­re­geln sei­en al­ler­dings kei­nes­wegs neu und er­schlös­sen sich auch mit ge­sun­dem Men­schen­ver­stand. „Wenn ich auf die Alm ge­he, dann muss ich nicht di­rekt ne­ben die Kuh tre­ten oder das Kalb strei­cheln oder den Hund frei lau­fen las­sen – das soll­te ich ei­gent­lich wis­sen.“Er warnt vor Hys­te­rie. „Ich kann we­nig zu dem kon­kre­ten Fall sa­gen, der lei­der töd­lich aus­ge­gan­gen ist. Aber: Das zu ver­all­ge­mei­nern wä­re nicht rich­tig.“

Fo­to: dpa/Oli­ver Berg

Vor­sicht vor dem Milch­vieh: Vor al­lem wenn es um den Schutz ih­rer Käl­ber geht, kön­nen Kü­he ge­fähr­lich wer­den.

Fo­to: dpa/Sa­bi­ne Do­bel

Vor al­lem Hun­de, aber auch Rad­ler ma­chen Kü­he ner­vös, Im bay­ri­schen Wa­ckers­berg macht die­ses Schild auf die Ge­fahr auf­merk­sam.

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