Schott­land als EU-Mit­glied?

ANA­LY­SE Mit Br­ex­it-Plä­nen wird Dis­kus­si­on um Un­ab­hän­gig­keits-Re­fe­ren­dum laut

Meppener Tagespost - - POLITIK -

Nach ei­nem bri­ti­schen EUAus­tritt könn­te Schott­land nach Ein­schät­zung des Eu­ro­pa­po­li­ti­kers Da­vid McAl­lis­ter (CDU) un­ter der Vor­aus­set­zung in die Uni­on zu­rück­keh­ren, „dass Schott­land ein un­ab­hän­gi­ger Staat wird“. Zu­nächst ge­he es nun aber um an­de­re Fra­gen, sag­te der Vor­sit­zen­de des Aus­wär­ti­gen Aus­schus­ses im EU-Par­la­ment dem Re­dak­ti­ons­netz­werk Deutsch­land. Zu­dem müs­sen vor ei­ner sol­chen Un­ab­hän­gig­keit noch ei­ni­ge Hür­den ge­nom­men wer­den.

Wirt­schaft­li­che Hin­der­nis­se: Die Un­ab­hän­gig­keits­be­we­gung in Schott­land steht nach Ein­schät­zung des Öko­no­men Iain Begg vor zahl­rei­chen wirt­schaft­li­chen Hür­den. Schott­land sei von En­g­land wirt­schaft­lich ab­hän­gig, sag­te der Wirt­schafts­wis­sen­schaft­ler der Lon­don School of Eco­no­mics (LSE) im Ge­spräch. „Der schot­ti­sche Haus­halt wird unterm Strich von Lon­don sub­ven­tio­niert“, sag­te er. Die Ein­nah­men aus dem Nord­see-Öl spru­del­ten längst nicht mehr so kräf­tig wie noch vor ei­ni­gen Jah­ren. Und der wich­tigs­te Ex­port­markt für schot­ti­sche Gü­ter sei nicht die EU, son­dern En­g­land. Zu­dem wol­le die Schot­ti­sche Na­tio­nal­par­tei (SNP) von Re­gie­rungs­che­fin Ni­co­la Stur­ge­on das bri­ti­sche Pfund be­hal­ten, was nach ei­ner Un­ab­hän­gig­keit ein geld­po­li­ti­sches Pro­blem be­deu­ten wür­de.

Lang­wie­ri­ges Ver­fah­ren und Son­der­lö­sung: Auch wenn die Schot­ten op­ti­mis­tisch sei­en, dass sie nach der Un­ab­hän­gig­keit schnell in die EU zu­rück­keh­ren könn­ten, wür­de ein Bei­tritts­pro­zess nach Beggs Ein­schät­zung Jah­re dau­ern – „zu­mal Brüs­sel mit Blick auf die Se­pa­ra­tis­ten in Flan­dern und Ka­ta­lo­ni­en den Ein­druck ver­mei­den möch­te, Un­ab­hän­gig­keits­be­stre­bun­gen ge­gen­über po­si­tiv ge­sinnt zu sein“. Wie es mit Schott­land wei­ter­geht, hän­ge auch vom Fort­gang des Br­ex­its ab, sag­te Begg. „Schott­land könn­te ei­ne Son­der­lö­sung ähn­lich wie Nord­ir­land ein­for­dern.“Das Aus­tritts­ab­kom­men sieht vor, dass Nord­ir­land de fac­to in ei­ner Zoll­uni­on mit der EU ver­bleibt. Al­ler­dings sei die Zeit zu knapp, um die­se Re­ge­lung auch auf Schott­land aus­zu­wei­ten.

Stur­ge­on strebt ein wei­te­res Re­fe­ren­dum über die Un­ab­hän­gig­keit Schott­lands an, was aber die bri­ti­sche Re­gie­rung un­ter Pre­mier­mi­nis­ter Bo­ris John­son ver­wei­gert. Ein Re­fe­ren­dum kom­plett ge­gen den Wil­len Lon­dons schließt Stur­ge­on bis­lang aus – „viel­leicht schreckt sie das Cha­os in Ka­ta­lo­ni­en ab“, sag­te Begg. Zwar kön­ne sie sich die Er­laub­nis des obers­ten bri­ti­schen Ge­richts ein­ho­len und das Re­fe­ren­dum oh­ne John­sons Se­gen ab­hal­ten – „das ist aber ver­fas­sungs­recht­li­ches Neu­land“. So wer­de der Kon­flikt zwi­schen Edin­burgh und Lon­don auf ab­seh­ba­re Zeit wahr­schein­lich erst ein­mal sym­bo­lisch ge­führt, sag­te Begg.

Knap­pe Mehr­hei­ten: Die SNP hat­te bei der Par­la­ments­wahl Mit­te De­zem­ber 48 von 59 Wahl­krei­sen in Schott­land ge­won­nen und da­mit ih­re Prä­senz in West­mins­ter aus­ge­baut, wäh­rend John­sons Kon­ser­va­ti­ve die ab­so­lu­te Mehr­heit im bri­ti­schen Par­la­ment ge­wan­nen. 2014 hat­ten sich die Schot­ten mit 55 zu 45 Pro­zent ge­gen die Un­ab­hän­gig­keit aus­ge­spro­chen. Stur­ge­on glaubt aber, dass sich die Si­tua­ti­on durch den Br­ex­it ge­än­dert ha­be, weil die Mehr­heit der Schot­ten beim Br­ex­it-Vo­tum 2016 ge­gen den Aus­tritt aus der EU ge­stimmt hat. Begg, der selbst Schot­te ist, sieht das an­ders: „Die SNP hat bei der ak­tu­el­len Wahl nur 45 Pro­zent der schot­ti­schen Stim­men ge­holt“, sagt er. Von ei­ner neu­en Mehr­heit für die Un­ab­hän­gig­keit kön­ne des­halb kei­ne Re­de sein.

Künf­ti­ge Zu­sam­men­ar­beit

nach dem Br­ex­it: Lässt man ei­ne mög­li­che Un­ab­hän­gig­keit Schott­lands au­ßen vor, so er­ge­ben sich al­lein durch den Br­ex­it vie­le Fra­gen für das Land, wie auch McAl­lis­ter be­reits fest­ge­stellt hat. „Das Ver­ei­nig­te Kö­nig­reich ver­lässt zwar die EU, aber bleibt uns viel­fäl­tig ver­bun­den“, stellt der Po­li­ti­ker klar. Dies gel­te auch für schot­ti­sche Ein­rich­tun­gen: „So wer­de ich schon heu­te von schot­ti­schen In­sti­tu­tio­nen an­ge­spro­chen, ob ich für sie nach dem Br­ex­it An­sprech­part­ner in Brüs­sel sein kann. Schot­ti­sche Uni­ver­si­tä­ten et­wa möch­ten wei­ter an der EUFor­schungs­för­de­rung und an dem aka­de­mi­schen Aus­tausch­pro­gramm Eras­mus+ teil­neh­men.“

Po­li­ti­sches Ma­nö­ver: McAl­lis­ter äu­ßer­te die An­sicht, die SNP for­de­re das Re­fe­ren­dum nur, um vor der schot­ti­schen Par­la­ments­wahl im Mai 2021 „po­li­tisch Stim­mung“zu ma­chen. „Soll­te die SNP die Wahl ge­win­nen, näh­me der po­li­ti­sche Druck auf Lon­don wei­ter zu.“McAl­lis­ter wer­te­te den Br­ex­it als ei­nen his­to­ri­schen Feh­ler mit schwe­ren Fol­gen für Groß­bri­tan­ni­en. „Jetzt geht es um die Gestal­tung un­se­rer zu­künf­ti­gen Be­zie­hun­gen.“Dies wie Lon­don bis En­de 2020 re­geln zu wol­len sei aber „ex­trem am­bi­tio­niert“. „Ein de­tail­lier­tes Frei­han­dels­ab­kom­men ist in we­ni­gen Mo­na­ten je­den­falls nicht mach­bar.“Zu sei­ner Hal­tung zur Un­ab­hän­gig­keit Schott­lands er­klär­te er: „Das ist ei­ne in­ner­bri­ti­sche be­zie­hungs­wei­se in­ner­schot­ti­sche An­ge­le­gen­heit.“

Karikatur: Ma­rio Lars

Fo­to: dpa

Da­vid McAl­lis­ter Um­strit­te­nes Re­fe­ren­dum:

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