Das Mäd­chen und sei­ne Mis­si­on

Gre­ta Thun­berg hat trotz be­rech­tig­ter Kri­tik Groß­ar­ti­ges be­wirkt

Meppener Tagespost - - KÖPFE DES JAHRES - Von Burk­hard Ewert

Gre­ta Thun­berg mag ei­nem leid­tun. Fröh­lich wirkt sie nur sel­ten. Man kann den Wir­bel um das Mäd­chen für über­trie­ben hal­ten und eben­so sei­ne Ängs­te vor den Fol­gen ei­nes sich re­la­tiv rasch wan­deln­den Kli­mas. Auch die Mit­tel und Mo­ti­ve, mit de­nen sie in den Vor­der­grund ge­scho­ben wird und ihr The­ma pro­pa­giert, dür­fen selbst­ver­ständ­lich Kri­tik auf sich zie­hen. Aber kei­nen Zwei­fel kann es dar­an ge­ben, dass die­ses Mäd­chen im Jahr 2019 ei­nen Ein­fluss hat­te wie nur sel­ten ei­nes zu­vor, wo­mög­lich wie kein Mäd­chen die­ses Al­ters welt­weit und seit Be­ginn der Zeit, des­sen Na­men über­lie­fert wä­re.

Am 3. Ja­nu­ar wird die Schwe­din 17 Jah­re alt. An­de­re Ju­gend­li­che ha­ben da ih­re ers­te län­ge­re Klas­sen­fahrt hin­ter sich. Gre­ta se­gel­te in­ner­halb der zwölf Mo­na­te da­vor zwei­mal über den At­lan­tik. Sie traf Prä­si­den­ten, Po­ten­ta­ten und den Papst. Sie hielt ei­ne Re­de vor den UN, die so gut war, dass sich vie­le frag­ten, wer sie wohl ge­schrie­ben ha­be.

Auch in den so­zia­len Net­zen be­wegt Gre­ta sich si­cher. Sie in­sze­niert sich, oh­ne Fra­ge, und bie­tet doch ru­hig und ab­ge­klärt Per­so­nen wie Do­nald Trump oder Kon­zer­nen wie der Deut­schen Bahn die Stirn. Sie ko­piert de­ren Atta­cken nicht, sie greift sie auf und lenkt sie um, so­dass sie sich am En­de ge­gen den An­grei­fer selbst wen­den – ein biss­chen wie in der asia­ti­schen Kampf­kunst, nur eben mit Wor­ten und ei­ner Öf­fent­lich­keit als Mul­ti­pli­ka­tor, um nicht zu sa­gen, als Waf­fe.

Wird Gre­ta ge­steu­ert und ma­ni­pu­liert? Mit Si­cher­heit. Wer auch nicht, der in der Öf­fent­lich­keit steht – mal mehr, mal we­ni­ger. Und hat sie nur das Wohl des Kli­mas im Sinn? Oder geht es ihr und ih­ren Hin­ter­män­nern um den Kampf ge­gen die ka­pi­ta­lis­ti­sche Wirt­schafts­ord­nung?

Oder greift da je­mand mit ihr und über sie die star­ke Stel­lung der west­li­chen In­dus­trie auf dem glo­ba­len Markt an? Und wie­so ist ih­re Fan­ge­mein­de in Deutsch­land ihr be­son­ders er­ge­ben, wäh­rend Gre­ta wo­an­ders weit we­ni­ger Prä­senz in den Me­di­en fin­det oder als eher skur­ri­le Rand­fi­gur gilt, nicht als zen­tra­le Heils­brin­ge­rin?

Das sind al­les be­rech­tig­te Fra­gen. Aber an die­ser Stel­le

sei­en sie ein­mal egal. Gre­ta sei ge­wür­digt als Mäd­chen von un­ge­heu­rer Kraft und Wir­kungs­macht, als ei­nes mit ei­ner Mis­si­on, das Mil­lio­nen Men­schen rund um den Glo­bus be­geis­tert und mo­ti­viert hat, ein an­de­res Le­ben zu­min­dest zu­nächst ein­mal an­zu­stre­ben. An­zu­neh­men ist auch, dass zu­min­dest in Deutsch­land die Ge­setz­ge­bung oh­ne Gre­ta und ih­re Prä­senz an­ders, näm­lich deut­lich be­däch­ti­ger aus­ge­fal­len wä­re, als mit ihr. Das ist ei­ne Leis­tung, die Re­spekt und Be­wun­de­rung ver­dient hat, auch durch ih­re Geg­ner: Ei­nem dis­zi­pli­nier­ten Kampf für ei­ne Über­zeu­gung ge­bührt erst ein­mal An­er­ken­nung und kein Spott und kei­ne Hä­me.

Was mag das neue Jahr Gre­ta brin­gen? Weih­nach­ten war sie zu­rück in Schwe­den, wo es um die­se Jah­res­zeit drau­ßen kalt und dun­kel und drin­nen schön ge­müt­lich ist. Hof­fent­lich kommt sie dort zur Ru­he. Sie hat et­was be­wirkt, sie kann stolz auf sich sein. Sie soll­te aber auch wis­sen, dass ihr ex­po­nier­tes Le­ben ei­ne Ge­fahr be­deu­tet. Vie­le jun­ge Stars zer­bre­chen an ei­nem Ruhm, wie sie ihn er­fuhr. Ihr wä­re zu wün­schen, dass ih­re Be­ra­ter auch dies im Blick ha­ben und nicht nur für die Welt das Bes­te wol­len, son­dern auch für sie.

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