Der Kreis schließt sich

Bo­ris John­son ge­winnt Wahl mit Br­ex­it – den es oh­ne ihn nie ge­ge­ben hät­te / Groß­bri­tan­ni­en tie­fer denn je ge­spal­ten

Meppener Tagespost - - KÖPFE DES JAHRES - Von Ka­trin Pri­byl

Als es drau­ßen be­son­ders laut und hit­zig wur­de, ir­gend­wann wäh­rend ei­ner die­ser irr­sin­ni­gen Herbst-Wo­chen, als die De­mons­tran­ten zu Tau­sen­den nach West­mins­ter reis­ten und pfif­fen und lärm­ten und wü­tend schrien, als das höchs­te Ge­richt des Lan­des in ei­nem bei­spiel­lo­sen Ur­teil be­fand, dass die Re­gie­rung das Ge­setz ge­bro­chen ha­be und nicht nur das Par­la­ment, son­dern auch ih­re Kö­ni­gin an­ge­lo­gen ha­be, als die Ab­ge­ord­ne­ten al­ler Sei­ten of­fen re­bel­lier­ten, da ver­sam­mel­te Pre­mier­mi­nis­ter Bo­ris John­son sein Ka­bi­nett in der Dow­ning Street, schau­te in die Run­de der be­sorg­ten Ge­sich­ter und frag­te sei­ne Mi­nis­ter: „Hat schon mal je­mand Mo­to­cross aus­pro­biert?“

Er mein­te je­ne Sport­art, bei der ge­üb­te Fah­rer auf ent­spre­chend taug­li­chen Mo­tor­rä­dern oder Squads durch ein un­ebe­nes Ge­län­de ra­sen. Wie ver­mut­lich die meis­ten An­we­sen­den, schüt­tel­te Vi­ze­Pre­mier Micha­el Go­ve, sei­nes Zei­chens kon­ser­va­tiv durch und durch, den Kopf. Und John­son er­klär­te: „Es wird holp­ri­ger und holp­ri­ger, und über­all spritzt der Matsch.“Aber: „Hal­tet auch nur an den Hand­grif­fen fest, und wir wer­den das durch­ste­hen.“

Die­se An­ek­do­te wird Go­ve spä­ter Me­di­en er­zäh­len, dann, wenn al­les durch­ge­stan­den scheint. Es han­del­te sich um ei­ne ty­pi­sche John­son-Ana­lo­gie, mit der der bri­ti­sche Re­gie­rungs­chef aber zu­min­dest für ihn per­sön­lich und sei­ne Par­tei recht be­hal­ten soll­te. Bei der Par­la­ments­wahl am 12. De­zem­ber fuh­ren die To­ries in ei­nem Erd­rutsch­sieg die ab­so­lu­te Mehr­heit ein, der Aus­trittsDe­al wird si­cher vom Par­la­ment ge­bil­ligt wer­den, und bis spä­tes­tens zum 31. Ja­nu­ar 2020 ver­las­sen die Bri­ten die EU.

Die Re­gie­rung un­ter John­son, um beim Mo­to­cross-Ver­gleich zu blei­ben, hat es über die Zi­el­li­nie ge­schafft. Nur ha­ben die drauf­gän­ge­ri­schen Fah­rer ei­ni­ges an Ver­wüs­tung auf der In­sel hin­ter­las­sen. Das Kö­nig­reich ist tie­fer ge­spal­ten denn je, in den Lan­des­tei­len Nord­ir­land und Schott­land be­fin­den sich die Na­tio­na­lis­ten im Auf­schwung und im Nor­den En­g­lands so­wie in den Mid­lands muss John­son künf­tig ei­ne für die Kon­ser­va­ti­ven völ­lig neue Wäh­ler­schaft be­die­nen.

Nun al­so hat der Pre­mier­mi­nis­ter nicht nur die Auf­ga­be, mit sei­ner selbst er­nann­ten „Re­gie­rung des Volks“die Zu­kunft zu ge­stal­ten, son­dern der 55-Jäh­ri­ge muss auch al­le von ihm an­ge­rich­te­ten Schä­den so gut wie mög­lich re­pa­rie­ren. Gleich­wohl darf er äu­ßerst zu­frie­den auf 2019 zu­rück­bli­cken. Es war das Bo­ris-John­son-Jahr.

Der Re­bell: Als sol­cher star­te­te er im Ja­nu­ar, als die Pre­mier­mi­nis­te­rin noch The­re­sa May hieß und sich das Par­la­ment be­reits heil­los zer­strit­ten prä­sen­tier­te. Wö­chent­lich be­glück­te John­son die Na­ti­on mit ei­ner Ko­lum­ne in sei­nem Haus­blatt „Te­le­graph“, in der der Ex-Au­ßen­mi­nis­ter per­ma­nent ver­bal ge­gen die Re­gie­rungs­che­fin schoss, die ver­zwei­felt und glück­los ver­such­te, ih­ren De­al durchs Par­la­ment zu peit­schen, um ei­nen un­ge­ord­ne­ten EU-Aus­tritt zu ver­hin­dern. Ver­ge­bens, auch we­gen des re­bel­lie­ren­den John­sons, der in der Zei­tung Sät­ze schrieb wie: „Wenn das Volk vor die Wahl ge­stellt wird zu ent­schei­den zwi­schen ei­ner vor­über­ge­hen­den Knapp­heit an, sa­gen wir Kä­se-Zwie­bel-Chips, oder der Aus­sicht, dass sich das Land per­ma­nent der EU un­ter­wirft, oh­ne Mit­spra­che­recht bei EU-Ge­set­zen, dann ist die Öf­fent­lich­keit jetzt grim­mig da­zu ent­schlos­sen, sich mit Chips mit ShrimpsCoc­k­tail-Ge­schmack zu be­gnü­gen, bis es wie­der Kä­seZwie­bel-Chips gibt.“

So ging das Mon­tag für Mon­tag. Im März dann lie­ßen Ge­wichts­ver­lust und neu­er Haar­schnitt dar­auf schlie­ßen, dass er ei­nen neu­en Ver­such in Sa­chen Kar­rie­re­auf­stieg star­ten will. Mit den Br­ex­itCheer­lea­dern im Rü­cken, for­der­te John­son Än­de­run­gen am so­ge­nann­ten Back­stop, der Ga­ran­tie für ei­ne of­fe­ne Gren­ze zwi­schen der Re­pu­blik Ir­land und der zum Kö­nig­reich ge­hö­ren­den Pro­vinz Nord­ir­land. Die gab es zwar nicht, aber May in ih­rer Ver­zweif­lung ver­sprach den Kri­ti­kern in den ei­ge­nen Rei­hen, sie wür­de zu­rück­tre­ten, wenn die­se im Ge­gen­zug den De­al ab­seg­ne­ten. John­son, Bil­der­buch-Op­por­tu­nist, ge­trie­ben von Macht­am­bi­tio­nen und Ei­gen­in­ter­es­se, fand plötz­lich Ge­fal­len an dem Ab­kom­men. Doch nicht ge­nü­gend Re­bel­len folg­ten dem Ober-Re­bel­len. Der De­al fiel auch beim drit­ten Mal durch. Es war En­de März, Mays Ab­gang nur noch ei­ne Fra­ge der Zeit, und der Wett­be­werb um den Vor­sitz der Kon­ser­va­ti­ven be­gann.

Der Her­aus­for­de­rer: Im Fi­na­le Mit­te Ju­li mach­ten mit John­son und dem da­ma­li­gen Au­ßen­mi­nis­ter Je­re­my Hunt zwei Be­wer­ber das Ren­nen un­ter sich aus. Der an der Par­tei­ba­sis be­lieb­te John­son be­dien­te sich vor al­lem je­ner Tak­tik, die bei den Eu­ro­pa­skep­ti­kern der To­ries zu­ver­läs­sig zieht. Er wet­ter­te ge­gen die EU.

Kre­ierte er zu sei­ner Zeit als Brüs­sel-Kor­re­spon­dent für den „Te­le­graph“noch Auf­re­ger über be­gra­dig­te Ba­na­nen, qua­dra­ti­sche Erd­bee­ren und für den ge­mei­nen Bri­ten zu klei­ne Kon­dom­grö­ßen, we­del­te er nun bei ei­nem Auf­tritt mit ei­nem ein­ge­schweiß­ten Fisch her­um, ei­nem Kip­per noch da­zu, der doch ir­gend­wie als De­li­ka­tes­se der be­rühm­ten Bri­tish Cui­sine gilt. Er schimpf­te auf die Brüs­se­ler Eu­ro­kra­ten, die an­geb­lich ei­nem ver­är­ger­ten Fisch­händ­ler auf der Is­le of Man in der Iri­schen See vor­schrie­ben, stets ein Plas­ti­kEis­kis­sen beim Ver­sand an den Kun­den bei­zu­le­gen.

In rhe­to­ri­scher Ver­siert­heit schimpf­te John­son über EU-Re­geln, wie nur er das kann. Auch wenn beim Blick auf die De­tails deut­lich wur­de, dass es sich bei der Kühl­beu­tel-Ge­schich­te kei­nes­wegs um ei­ne EU-Vor­schrift han­delt, son­dern die­se auf ei­ner bri­ti­schen Re­ge­lung ba­siert. „Bo­ris eben“, mein­ten sei­ne Fans. Am 24. Ju­li wur­de John­son ganz of­fi­zi­ell von Kö­ni­gin Eliz­a­beth II. zum Pre­mier­mi­nis­ter er­nannt.

Pre­mier­mi­nis­ter: Er träum­te da­von, in die Dow­ning Street Num­mer zehn zu zie­hen, als er noch als Schü­ler das Eli­te-In­ter­net Eton be­such­te. Trotz­dem ko­ket­tier­te er in der Ver­gan­gen­heit da­mit, sei­ne Chan­cen auf den Job des Pre­miers stün­den in et­wa so gut wie je­ne, „als Oli­ve wie­der­ge­bo­ren“zu wer­den oder „El­vis Pres­ley le­bend auf dem Mars zu fin­den“. Pres­ley wur­de nie auf dem Mars ge­fun­den. Trotz­dem hat­te es Alex­an­der Bo­ris de Pfef­fel John­son, der sich jah­re­lang und öf­fent­lich­keits­wirk­sam zur Mar­ke „Bo­ris“auf­ge­baut hat, nun ge­schafft.

Je­ner kos­mo­po­li­tisch da­her­kom­men­de En­g­län­der, der zwar in der Neu­en Welt ge­bo­ren sein mag, aber in der Tra­di­ti­on und un­ter den Pri­vi­le­gi­en der al­ten Welt auf­ge­wach­sen ist, lei­te­te die Re­gie­rungs­ge­schäf­te des Kö­nig­reichs. Cha­os folg­te. Hass­rhe­to­rik sei­ner­seits. Be­stür­zung an­de­rer­seits. Ei­ne von ihm auf­er­leg­te Zwangs­pau­se für das Par­la­ment und ein Ge­richts­ur­teil des Su­pre­me Court, dass die Re­gie­rung mit die­ser Proro­ga­ti­on un­ge­setz­mä­ßig ge­han­delt hat. Au­ßer­dem Aus­schlüs­se von John­son-Kri­ti­kern aus der kon­ser­va­ti­ven Par­tei. Ab­sur­de Wo­chen. Viel Ge­schrei, viel Thea­ter, viel Strei­te­rei­en. „Die­ses Land bricht nun end­gül­tig zu­sam­men“, be­fand ei­ne Kom­men­ta­to­rin.

Aber: In­ner­halb von we­ni­gen Mo­na­ten hat­te der Pre­mier auch ei­nen neu­en Aus­trittsde­al mit Brüs­sel aus­ge­han­delt, den er als sehr neu ver­kau­fen konn­te, denn das Ab­kom­men ent­hält nicht mehr den bei den Br­ex­tre­mis­ten so ver­hass­ten Back­stop, der sich auf der In­sel zur Glau­bens­fra­ge ent­wi­ckelt hat. Dass es künf­tig zwar ei­ne Zoll­gren­ze in der Iri­schen See gibt, was de fac­to ei­ner Tei­lung des Ver­ei­nig­ten Kö­nig­reichs gleich­kommt? Ge­schenkt.

Die Unio­nis­ten warf er mit die­sem Schritt un­ter den Bus, aber die To­ries im Un­ter­haus über­häuf­ten ihn mit Ruhm und Eh­re. Das ge­nüg­te dem kon­ser­va­ti­ven Pre­mier mit der längst ver­lo­re­nen ge­gan­ge­nen Mehr­heit im Par­la­ment nicht. Die fi­na­le Ab­stim­mung ließ er plat­zen, for­der­te statt­des­sen in Kehrt­wen­de Num­mer 279 das, was er wo­chen­lang aus­ge­schlos­sen hat­te: Neu­wah­len. Die Op­po­si­ti­on tat ihm den Ge­fal­len – und vo­tier­te eben­falls für den Ur­nen­gang im Ad­vent.

Der Wahl­kämp­fer: „Let’s get Br­ex­it do­ne!“, „Let’s get Br­ex­it do­ne!“, „Let’s get Br­ex­it do­ne!“– Bo­ris John­son wie­der­hol­te die Auf­for­de­rung, den Br­ex­it durch­zu­zie­hen, so häu­fig, dass ver­mut­lich ein Groß­teil der Be­völ­ke­rung nachts von Alb­träu­men ge­plagt auf­schreck­te und je­nen Slo­gan brüll­te. Wirk­lich viel Sub­stanz ent­hielt John­sons Wahl­kampf oh­ne­hin nicht, was an­ge­sichts sei­nes schwa­chen Wi­der­sa­chers von der La­bour-Par­tei, Je­re­my Cor­byn, of­fen­bar auch nicht nö­tig war.

Der Steh­satz ver­fing bei den Br­ex­it-frus­trier­ten Bri­ten, die ei­gent­lich kei­ne Lust hat­ten, schon wie­der und noch da­zu in der kal­ten, nas­sen Win­ter­zeit wäh­len ge­hen zu müs­sen an­statt ei­ne be­sinn­li­che Vor­weih­nachts­zeit ge­nie­ßen zu dür­fen. Nach An­sicht der Pro-Eu­ro­pä­er be­ginnt im Üb­ri­gen der ei­gent­li­che Alb­traum erst nächs­tes Jahr, „af­ter Br­ex­it got do­ne!“.

Der Tri­um­pha­tor: Bo­ris John­son be­scher­te sei­ner Par­tei bei der Wahl am 12. De­zem­ber ei­ne Mehr­heit, die zu­letzt die To­ry-Le­gen­de Mar­ga­ret That­cher auf dem Ze­nit ih­res Er­folgs er­reicht hat. 365 der 650 Sit­ze im Par­la­ment gin­gen an die Kon­ser­va­ti­ven. Der Pre­mier kann durch­re­gie­ren. Die To­ries brauch­ten Bo­ris John­son, um solch ei­nen über­wäl­ti­gen­den Sieg ein­zu­fah­ren. Gleich­wohl hät­te er nie ge­won­nen oh­ne den Br­ex­it. Und das Br­ex­it-Vo­tum, da sind sich al­le Be­ob­ach­ter ei­nig, wä­re oh­ne den ehe­ma­li­gen Bür­ger­meis­ter Lon­dons nie pas­siert. So schließt sich der Kreis.

Am En­de war es John­son, der ei­nen fun­da­men­ta­len Wan­del Groß­bri­tan­ni­ens ein­ge­lei­tet hat, ob be­ab­sich­tigt oder nicht. Die Fra­ge ist, ob er auch dar­auf vor­be­rei­tet ist, was dies für sei­ne Amts­zeit mit sich bringt.

Klaus Stutt­mann:

Der

Ir­re!! Po­li­ti­sche Karikature­n 2019, 200 far­bi­ge Karikature­n, 224 Sei­ten, ISBN: 978-3-94697237-2 Preis: 19,90 € Stutt­mann zählt zu den meist­pu­bli­zier­ten Ka­ri­ka­tu­ris­ten Deutsch­lands. Sei­ne Karikature­n er­schei­nen täg­lich in über 20 deut­schen Ta­ges- und Wo­chen­zei­tun­gen, Ma­ga­zi­nen und Zeit­schrif­ten. Di­ver­se Aus­zeich­nun­gen bei na­tio­na­len und in­ter­na­tio­na­len Ka­ri­ka­tu­ren­wett­be­wer­ben wür­di­gen sein Schaf­fen. 2016 hat er den Deut­schen Ka­ri­ka­tu­ren­preis ge­won­nen.

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