„Uns Uwe“, der auf­rech­te Ver­lie­rer

Se­rie, Teil 5: Das be­rühm­tes­te Fo­to von Sven Si­mon, dem Sohn von Axel Sprin­ger

Meppener Tagespost - - SPORT - Von Wolf­gang Ste­phan und Ha­rald Pis­to­ri­us

In der Win­terse­rie der Re­dak­ti­ons-Ko­ope­ra­ti­on G14p­lus er­zäh­len Re­por­ter meh­re­rer Zei­tun­gen die Ge­schich­ten le­gen­dä­rer Sport­fo­tos, die für im­mer ver­knüpft sind mit ei­nem Er­eig­nis. Heu­te: Uwe See­ler ver­lässt 1966 das Wem­bley­sta­di­on als gro­ßer Ver­lie­rer.

Es ist der 30. Ju­li 1966. Ein Bob­by legt dem deut­schen Ka­pi­tän die Hand auf den Rü­cken, der WM-Pro­to­koll­chef weist den Weg durch die Blas­ka­pel­le, rechts ist Bun­des­trai­ner Hel­mut Schön zu se­hen. Das Bild zeigt Ent­täu­schung und Er­schöp­fung. Es steht sym­bo­lisch für die deut­sche 2:4-Nie­der­la­ge im WMFi­na­le 1966 ge­gen En­g­land in Wem­bley.

Fast fünf­zig Jah­re lang war um­strit­ten, wann die­ses Fo­to ent­stand. Tat­säch­lich nach der un­glück­li­chen deut­schen

Nie­der­la­ge? Oder auf dem Weg in die Halb­zeit­pau­se? Der, der es am bes­ten wis­sen muss, hat die Sze­ne für sich ein­ge­ord­net: „Ich war ei­ni­ge Jah­re ver­un­si­chert, jetzt aber bin ich mir ab­so­lut si­cher – das war kurz vor der Sie­ger­eh­rung“, sagt Uwe See­ler, „Ich bin auf dem Weg zur Trep­pe, weil wir in we­ni­gen Mi­nu­ten oben vor der kö­nig­li­chen Lo­ge ge­ehrt wer­den soll­ten. Nach der Ver­län­ge­rung war ich aus­ge­brannt, leer, al­le. War­um wohl sonst soll­te ich mit ge­senk­tem Haupt vom Platz ge­hen?“

Sven Si­mon hat­te das Fo­to da­mals ge­schos­sen, es wur­de 1966 zum „Sport­bild des Jah­res“, 2000 zum „Fo­to des Jahr­hun­derts“ge­wählt. Die Zwei­fel am Zeit­punkt der Auf­nah­me nach dem Spiel wur­den auch durch die Re­cher­chen des Deut­schen Fuß­ball­mu­se­ums in Dort­mund aus­ge­räumt. Die Ne­ga­tiv­strei­fen von Sven Si­mon zeig­ten nach die­sem Bild kei­ne

Spiel­sze­nen mehr. Es gab nur noch Bil­der von En­g­län­dern auf dem Feld. „Auf ei­nem wei­te­ren Film war dann die Sie­ger­eh­rung zu fin­den“, sagt Mu­se­ums­di­rek­tor Ma­nu­el Neu­kirch­ner. „Uwe See­ler ist ge­zeich­net von der Emo­tio­na­li­tät der Si­tua­ti­on.“

Der Fo­to­graf Sven Si­mon schrieb da­mals un­ter die his­to­ri­sche Auf­nah­me: „Vom Kampf ge­zeich­net, vom Geg­ner ge­schla­gen, an ei­nem Irr­tum zer­bro­chen.“Aus­ge­zeich­net wur­de das Fo­to, weil es „auf­rech­te Ver­lie­rer“zeigt, „die ge­beugt wa­ren, aber still und oh­ne Hass und Ha­der das Spiel­feld ver­las­sen“.

Der Irr­tum war das 3:2 der En­g­län­der. Aus der Dre­hung hat­te Ge­off­rey Hurst in der 101. Mi­nu­te an die Lat­te ge­schos­sen, der Ball sprang auf den Ra­sen. Wolf­gang Weber köpf­te ihn über das Tor ins Aus. Schieds­rich­ter Gott­fried Di­enst ent­schied nach Be­fra­gung von Li­ni­en­rich­ter To­fik Bach­ra­mow auf Tor für En­g­land.

Es war ei­ne Fehl­ent­schei­dung, sie ent­schied ein pa­cken­des Fi­na­le. „Ich ha­de­re bis heu­te mit die­sem Tor, das kei­nes war“, sagt Uwe See­ler, der trotz al­ler Ent­täu­schung sei­ne pro­tes­tie­ren­den Kol­le­gen be­sänf­tig­te und als Ers­ter den Weg des gro­ßen Ver­lie­rers ein­schlug.

Eben­so in­ter­es­sant wie die Ge­schich­te des To­res ist die des Fo­to­gra­fen. Axel Sprin­ger ju­ni­or, der Sohn des mäch­ti­gen Ver­le­gers (Bild, Welt, HörZu), hat­te sich An­fang der Sech­zi­ger­jah­re als Fo­to­graf ei­nen Na­men ge­macht, oh­ne von sei­nem ei­ge­nen zu pro­fi­tie­ren. Er gab sich das Pseud­onym Sven Si­mon, so nann­te er auch die Agen­tur. Nicht nur, aber vor al­lem der Sport fas­zi­nier­te ihn.

Die Fuß­ball-WM in En­g­land und hier na­tür­lich das dra­ma­ti­sche Fi­na­le fo­to­gra­fier­te er selbst, er drück­te auf den Aus­lö­ser, als Uwe vom Platz ging. Er gab ein Buch mit dem Ti­tel „Das Tor des

Jahr­hun­derts“her­aus, ein gran­dio­ser Fo­to­band, der die bes­ten Bil­der des Fi­na­les 1966 prä­sen­tier­te, mal opu­lent, mal atem­los.

Axel Sprin­ger ju­ni­or kehr­te 1967 in den Ver­lag des Va­ters zu­rück; er fo­to­gra­fier­te für das le­gen­dä­re Mag­zin „Twen“und die „Bild“, spä­ter war er Chef­re­dak­teur der „Welt am Sonn­tag“. Die Agen­tur exis­tiert un­ter sei­nem Na­men bis heu­te und blieb ei­ne der ganz gro­ßen Adres­sen für her­aus­ra­gen­de Sport­fo­tos. Al­le Bil­der aus dem groß­ar­tig ge­pfleg­ten Ar­chiv wie die ak­tu­el­len von zehn Ex­klu­si­vFo­to­gra­fen, tra­gen als Au­to­ren­ver­merk im­mer nur den Na­men „Sven Si­mon“. Es ist ein Mar­ken­zei­chen, hin­ter das je­der ein­zel­ne Fo­to­graf zu­rück­tritt.

Der leib­haf­ti­ge Sven Si­mon ver­starb früh, mit 38 Jah­ren. Er nahm sich, ver­mut­lich an De­pres­si­on er­krankt, das Le­ben; heu­te vor 40 Jah­ren.

Fo­to: dpa, co­lour­box.de

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