Wie gut ist die Neu­ver­fil­mung?

Kriegs­se­rie „Das Boot“er­gänzt Klas­si­ker um reiz­vol­le zwei­te Ebe­ne

Meppener Tagespost - - MEDIEN / FERNSEHEN - Von Tilmann P. Gang­loff

In der hie­si­gen Film- und Fern­seh­bran­che ist der Klas­si­ker „Das Boot“so et­was wie ein My­thos. Der Kriegs­film (1981) über die Erlebnisse ei­ner im süd­west­fran­zö­si­schen La Ro­chel­le sta­tio­nier­ten U-Boot-Be­sat­zung war für gleich sechs „Os­cars“no­mi­niert und zählt nach wie vor zu den teu­ers­ten und er­folg­reichs­ten deut­schen Ki­no­pro­duk­tio­nen. Weil Wolf­gang Pe­ter­sen (Buch und Re­gie) die Vor­la­ge von Lothar Gün­ther Buch­heim zu­dem als 300 Mi­nu­ten lan­gen TV-Mehr­tei­ler ad­ap­tiert hat­te, war die Ver­fil­mung auch im Fern­se­hen ein gro­ßer Er­folg (ARD, 1985).

„Das Boot“be­deu­te­te den Durch­bruch für ei­ne gan­ze Rei­he von bis da­hin kaum be­kann­ten Schau­spie­lern, dar­un­ter Her­bert Grö­ne­mey­er, Heinz Ho­enig, Uwe Och­senk­necht oder Jan Fed­der. Ne­ben den dar­stel­le­ri­schen Leis­tun­gen zeich­nen sich Film und Se­rie vor al­lem durch die fast do­ku­men­ta­risch wir­ken­den klaus­tro­pho­bi­schen Sze­nen an Bord des U-Boots aus. Für Pe­ter­sen öff­ne­te das in der gro­ßen Zeit der Frie­dens­be­we­gung zu­dem als An­ti­kriegs­film kon­zi­pier­te Werk die Tür nach Hol­ly­wood.

Nach der Pre­mie­re bei Sky im Herbst 2018 zeigt nun auch das ZDF die neue Ad­ap­ti­on des Ro­mans. Wie je­de Neu­ver­fil­mung muss sich die SkySe­rie nicht nur am Ori­gi­nal mes­sen las­sen, son­dern auch der Fra­ge nach ih­rem Sta­tus stel­len: Ist sie ein blo­ßes Re­make oder ge­lingt es ihr, den Stoff neu zu er­fin­den? Tat­säch­lich stimmt bei­des. Das be­eng­te Le­ben an Bord –

„vier­zig Mann, kei­ne Du­sche, ein Scheiß­haus“–, die Stim­mung in der Mann­schaft und die Ein­tö­nig­keit des All­tags ent­spre­chen dem Klas­si­ker, zu­mal Film­mu­sik­kom­po­nist Mat­thi­as Weber auch Klaus Dol­din­gers be­rühm­te Er­ken­nungs­me­lo­die leit­mo­ti­visch ver­ar­bei­tet hat. Das Kon­zept (To­ny Saint, Jo­han­nes W. Betz) ent­hält aber auch Mo­ti­ve aus wei­te­ren Buch­heimRo­ma­nen („Die Fe­s­tung“, „Der Ab­schied“) und er­zählt ei­ne ganz an­de­re Ge­schich­te. Das wird schon im Vor­spann deut­lich: Der ers­te Na­me, der er­scheint, ist Vi­cky Krieps. Die Lu­xem­bur­ge­rin spielt ei­ne li­ni­en­treue el­säs­si­sche Dol­met­sche­rin: Si­mo­ne Stras­ser wird zu Be­ginn der ein Jahr nach den Er­eig­nis­sen von Pe­ter­sens Film an­ge­sie­del­ten Hand­lung nach La Ro­chel­le

ver­setzt und dort un­frei­wil­lig in die Ré­sis­tan­ce hin­ein­ge­zo­gen: Ihr Bru­der Frank (Leo­nard Schei­cher) ist Fun­ker, hat sich in ei­ne jü­di­sche Barfrau ver­liebt, will mit ihr nach Ame­ri­ka flie­hen und zu die­sem Zweck beim fran­zö­si­schen Wi­der­stand In­for­ma­tio­nen ge­gen ge­fälsch­te Päs­se tau­schen. Weil er aber über­ra­schend auf das Boot U-612 ab­kom­man­diert wird, kann er den Über­ga­be­ter­min nicht wahr­neh­men; das soll nun Si­mo­ne über­neh­men, die zu die­sem Zeit­punkt nicht die ge­rings­te Ah­nung hat, wor­auf sie sich ein­lässt, und schließ­lich so­gar zur Mör­de­rin wird.

Par­al­lel zu den Aben­teu­ern der Über­set­ze­rin er­zählt die acht­stün­di­ge Se­rie von den Er­eig­nis­sen auf See, oder rich­ti­ger: von der Er­eig­nis­lo­sig­keit. Die ers­te Fol­ge be­ginnt mit ei­ner spek­ta­ku­lä­ren Se­quenz, die in Echt­zeit die Fol­gen ei­nes Bom­bar­de­ments zeigt; das U-Boot wird zum schwim­men­den Sarg. Doch die­ser neun Mi­nu­ten lan­ge Auf­takt noch vor dem Vor­spann ist ein ty­pi­scher Cliff­han­ger-Ein­stieg und fast ein fal­sches Ver­spre­chen; oder zu­min­dest eins, das die Se­rie erst viel spä­ter ein­löst, denn auf dem Schiff geht es in ers­ter Li­nie um die Ani­mo­si­tä­ten zwi­schen dem jun­gen Kom­man­dan­ten Hoff­mann (Rick Okon) und sei­nem ers­ten Wa­ch­of­fi­zier Tenn­stedt (Au­gust Witt­gen­stein). Ei­ne ähn­lich am­bi­va­len­te Rol­le wie der „Kal­eu“ist die männ­li­che Haupt­fi­gur der Land­sze­nen: Der von Tom Wla­schi­ha durch­aus als Sym­pa­thie­trä­ger ver­kör­per­te Gesta­po-Chef von La Ro­chel­le ist ein Mann mit Kultur und Ma­nie­ren, was bei Si­mo­ne prompt ei­nen ge­wis­sen Ein­druck hin­ter­lässt.

Im Grun­de lau­fen die bei­den Hand­lungs­strän­ge – hier das Boot, dort La Ro­chel­le – über wei­te Stre­cken ne­ben­ein­an­der her. Trotz­dem wird die Se­rie ge­ra­de durch den re­gel­mä­ßi­gen Wech­sel in­ter­es­sant. Re­gie führ­te der Wie­ner Andre­as Pro­chas­ka; die enor­me Dich­te des Pro­logs er­reicht sei­ne Ins­ze­nie­rung al­ler­dings nur sel­ten. Das Bud­get der Se­rie lag bei 26,5 Mil­lio­nen Eu­ro; Pro­chas­ka konn­te al­so um­ge­rech­net ähn­lich viel Geld aus­ge­ben wie da­mals Pe­ter­sen (32 Mil­lio­nen Mark).

Das Boot, ZDF, heu­te, 20.15 Uhr; Sams­tag bis Mon­tag, 22.00 be­zie­hungs­wei­se 22.15 Uhr.

Fo­to: ZDF/Nik Ko­nietz­ny

Zwi­schen dem Kom­man­dan­ten des U-612, Ka­pi­tän­leut­nant Klaus Hoff­mann (Rick Okon, r.), und sei­nem ers­ten Wa­ch­of­fi­zier Ober­leut­nant zur See Tenn­stedt (Au­gust Witt­gen­stein) kommt es nach dem Aus­lau­fen zu ers­ten Kon­flik­ten.

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