Kli­ma­sün­der als Kli­ma­op­fer?

ANA­LY­SE Die ver­hee­ren­den Brän­de in Aus­tra­li­en brin­gen die Re­gie­rung in Be­dräng­nis

Meppener Tagespost - - POLITIK -

Die Feu­er in Aus­tra­li­en wü­ten schon seit Ok­to­ber. Jetzt hat es auch den Far­mer Ste­ve Ship­ton er­wischt. Er fährt über ein ver­kohl­tes Feld mit to­ten und ver­letz­ten Kü­hen. Kol­le­gen trös­ten ihn, sein Blick ist leer. Es sind dra­ma­ti­sche Bil­der, die nach den Brän­den in Aus­tra­li­en um die Welt ge­hen. Und sie brin­gen zum Nach­den­ken: Was steckt hin­ter die­ser Na­tur­ka­ta­stro­phe?

Wel­che Rol­le spielt der Kli­ma­wan­del bei den Brän­den?

Der Kie­ler Kli­ma­for­scher Mo­jib La­tif ver­weist dar­auf, dass das Land schon seit Jah­ren im­mer neue Tem­pe­ra­tur­re­kor­de er­le­be. Im süd­aus­tra­li­schen Nul­lar­bor stieg die Höchst­tem­pe­ra­tur vor ein paar Ta­gen auf ei­nen Wert von 49,9 Grad – der hei­ßes­te je­mals an ei­nem De­zem­ber­tag ge­mes­se­nen Wert. Re­kord­ver­däch­tig sei auch die schon lan­ge an­hal­ten­de ex­tre­me Tro­cken­heit: „Das sind kla­re In­di­zi­en da­für, dass der Kli­ma­wan­del die Brän­de be­güns­tigt.“Die Brän­de sei­en an­hand der Mo­dell­rech­nun­gen in der Region so­gar zu er­war­ten ge­we­sen. Tei­le Aus­tra­li­ens lie­gen dem­nach ge­nau in dem Brei­ten­grad­gür­tel, in dem Re­kord­hit­ze ge­paart mit Re­kord­tro­cken­heit vor­her­ge­sagt wer­den.

Was ist das Be­son­de­re an der La­ge in Aus­tra­li­en?

Es gibt kei­ne Atem­pau­se, hin­zu kom­men star­ke Win­de. Die aus­ge­präg­te Tro­cken­heit be­güns­tigt die Brän­de. So war der Früh­ling 2019 der tro­ckens­te seit Be­ginn der Auf­zeich­nun­gen. Aus­tra­li­ens Kli­ma wird von ei­ner na­tür­li­chen Schwan­kung im In­di­schen Oze­an be­ein­flusst, dem In­di­schen-Oze­an-Di­pol. Ist die­ser – wie die­ses Jahr – po­si­tiv, wird war­mes Was­ser in den west­li­chen Teil des Oze­ans ge­trie­ben. So kann zwi­schen In­do­ne­si­en und der Nord­west­küs­te Aus­tra­li­ens kal­tes Was­ser em­por­stei­gen. Das sorgt da­für, dass sich we­ni­ger Wol­ken bil­den. Be­son­ders im Zen­trum und Süd­os­ten Aus­tra­li­ens feh­len dar­auf­hin im Win­ter und Früh­ling Nie­der­schlä­ge – was da­zu führt, dass Brän­de im Som­mer, der jetzt herrscht, schlim­mer aus­fal­len kön­nen.

Wel­che Rol­le spielt die Po­li­tik – ist Aus­tra­li­en als Koh­leLand ein Kli­ma­sün­der?

Pre­mier­mi­nis­ter Scott Mor­ri­son gilt als Koh­le-För­de­rer. Er sieht die Brän­de als Na­tur­ka­ta­stro­phe und lehnt es ab, sei­ne Kli­ma­po­li­tik des­we­gen zu än­dern. For­scher La­tif be­tont, Aus­tra­li­en ge­hö­re zu den Blo­ckierer­län­dern beim Kli­ma­schutz. Das sei zu­letzt auf der Welt­kli­ma­kon­fe­renz in Ma­drid deut­lich ge­wor­den. Ei­ne Stu­die der Uni­ver­si­tät ANU in der Haupt­stadt Canberra lässt Aus­tra­li­en da­ge­gen bes­ser aus­se­hen. Das Land wird dem­nach die Zie­le des Kli­ma­schutz-Ab­kom­mens von Pa­ris mög­li­cher­wei­se fünf Jah­re frü­her er­fül­len als er­war­tet – 2025 statt 2030. Beim Aus­bau von er­neu­er­ba­rer Ener­gie lie­ge das Land im Pro-Kopf-Ver­gleich weit vor Chi­na, den USA oder der Eu­ro­päi­schen Uni­on. Der Stu­die zu­fol­ge wird Aus­tra­li­en im Jahr 2024 et­wa 50 Pro­zent sei­nes Strom­be­darfs aus er­neu­er­ba­ren Ener­gi­en be­zie­hen kön­nen.

Was tut die Re­gie­rung, um den be­trof­fe­nen Bür­gern zu hel­fen?

Die aus­tra­li­sche Ma­ri­ne be­gann ges­tern mit ei­ner Ret­tungs­ak­ti­on für Hun­der­te von den Busch­brän­den ein­ge­kes­sel­te Men­schen. Ein Lan­dungs­boot der Ma­ri­ne leg­te im Ur­laubs­ort Mal­la­coo­ta an der Süd­ost­küs­te an, wo Be­woh­ner und Ur­lau­ber seit Sil­ves­ter fest­sa­ßen. Bis zum Nach­mit­tag soll­ten et­wa 1000 Men­schen in Si­cher­heit ge­bracht wer­den, sag­te Pre­mier­mi­nis­ter Mor­ri­son. Das Land be­rei­tet sich auf ei­ne neu­er­li­che Ver­schär­fung am Wo­che­n­en­de vor, wenn die Tem­pe­ra­tu­ren auf weit über 40 Grad Cel­si­us stei­gen sol­len. Na­he­zu im ge­sam­ten Süd­os­ten gilt der Aus­nah­me­zu­stand. Zehn­tau­sen­de wur­den auf­ge­for­dert, bis heu­te ei­nen 300 Ki­lo­me­ter lan­gen Küs­ten­strei­fen zu ver­las­sen.

Wie steht der Pre­mier­mi­nis­ter da?

Mor­ri­son ist we­gen sei­ner Re­ak­ti­on auf die Brän­de in die Kri­tik ge­ra­ten. Er war zu­nächst in den Ur­laub nach Ha­waii ge­flo­gen, wäh­rend sein Kon­ti­nent in Flam­men stand. Bei ei­nem Be­such der halb zer­stör­ten Stadt Co­bar­go wur­de er ges­tern aus­ge­buht. Ei­ne wei­nen­de jun­ge Mut­ter und ein frei­wil­li­ger Feu­er­wehr­mann wei­ger­ten sich, Mor­ri­son die Hand zu ge­ben. Schließ­lich mach­te der Pre­mier kehrt, die Be­woh­ner rie­fen ihm Be­schimp­fun­gen hin­ter­her.

Wird es in Aus­tra­li­en ein Um­den­ken in Sa­chen Kli­ma ge­ben?

Der Kli­ma­wan­del-For­scher Marc How­den von der ANU sagt: „Wer weiß. Aber es hat schon an­ge­fan­gen, die De­bat­te zu ver­än­dern.“Ei­ni­ge Po­li­ti­ker, die frü­her al­les für in Ord­nung ge­hal­ten hät­ten, sag­ten nun, man müs­se sich die Kli­ma­po­li­tik doch noch mal an­gu­cken. „Mei­ne Mei­nung ist aber, dass wir lei­der noch nicht den Punkt er­reicht ha­ben, an dem es ein fun­da­men­ta­les Um­den­ken ge­ben wird.“

Fo­to: AFP/Ja­mes Ross

Ver­brann­te Er­de: Aus­tra­li­ens Pre­mier­mi­nis­ter Scott Mor­ri­son schlägt bei sei­nen Be­su­chen in den von den Brän­den ver­wüs­te­ten Or­ten viel Wut ent­ge­gen.

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