Miss­brauch in Lüg­de: Das hat sich bei Be­hör­den ver­än­dert

Ex­per­te: Ein­zeln be­trach­tet sind Hin­wei­se oft un­schein­bar / Ju­gend­äm­ter müs­sen im­mer öf­ter Ge­fähr­dung von Kin­dern be­wer­ten

Meppener Tagespost - - NORDWEST -

Zu­erst Lüg­de, spä­ter dann Ber­gisch Glad­bach – er­schüt­tern­de Fäl­le von schwe­rem se­xu­el­len Miss­brauch von Kin­dern ha­ben 2019 Öf­fent­lich­keit und Po­li­tik auf­ge­rüt­telt. Vor rund ei­nem Jahr – En­de Ja­nu­ar – in­for­mier­te die Po­li­zei des Krei­ses Lip­pe bei ei­ner Pres­se­kon­fe­renz über hun­dert­fa­chen Miss­brauch von Kin­dern auf ei­nem Cam­ping­platz bei Lüg­de. Die Ta­ten mach­ten sprach­los – auch die Er­mitt­ler von Po­li­zei und Staats­an­walt­schaft. Kurz da­nach ent­pupp­te sich der Fall auch als Be­hör­den- und Po­li­zei­ver­sa­gen.

Was hat sich für Er­mitt­ler und die Mit­ar­bei­ter in den Ju­gend­äm­tern ver­än­dert? „Nach Lüg­de ist Fol­gen­des zu se­hen: Es sind Feh­ler pas­siert, an ver­schie­de­nen Stel­len. Und es gibt auch Grün­de, kri­tisch nach­zu­fra­gen. Wir wur­den al­le auf­ge­schreckt, und je­der re­flek­tiert auch bei sich mög­li­che Feh­ler­quel­len“, sagt Karl Ma­ter­la von der Bun­des­ar­beits­ge­mein­schaft All­ge­mei­ner So­zia­ler Di­enst (ASD). „Wir müs­sen schau­en, mit wel­chen Struk­tu­ren wa­ren wir un­ter­wegs. Und da­zu ge­hört die Qua­li­fi­ka­ti­on der Mit­ar­bei­ter und wel­che Ar­beits­und Rah­men­be­din­gun­gen brau­chen wir?“

Ma­ter­la ver­tritt als ASDBun­des­vor­sit­zen­der die In­ter­es­sen von Mit­ar­bei­tern in den Ju­gend­äm­tern der Kom­mu­nen. Al­lein in Nord­rheinWest­fa­len gibt es in die­sem Be­reich über 3700 Stel­len. „ASD-Ar­beit war in der Po­li­tik lan­ge nicht das Kern­the­ma. Ich bin aber po­si­tiv ge­stimmt. Das Land hat sei­ne Ver­ant­wor­tung er­kannt und steht jetzt im Wort“, sagt Ma­ter­la. „Mi­nis­ter Stamp hat im Ju­li ein Im­puls­pa­pier prä­sen­tiert. Dar­in ging es auch um Fort­bil­dung, Aus­bil­dung, Stu­di­um und prä­ven­ti­ve Ar­beit. Es ist gut, dass das Land nach Lüg­de nicht nur den Ein­zel­fall im Blick hat, son­dern auch die Struk­tu­ren“,

sagt Ma­ter­la. Zu­dem for­dert der Ex­per­te bes­se­re Warn­me­cha­nis­men: „Und zwar auch im Zu­sam­men­spiel mit Po­li­zei, Staats­an­walt­schaft und dem Ge­sund­heits­we­sen. Wir müs­sen al­le vor­lie­gen­den In­for­ma­tio­nen ko­or­di­nier­ter be­ra­ten. Ein­zeln be­trach­tet sind Hin­wei­se oft un­schein­bar.“

Das Land­ge­richt Det­mold ver­häng­te im Sep­tem­ber ei­ne Frei­heits­stra­fe von 13 Jah­ren ge­gen den 56-jäh­ri­gen Andre­as V. Der 34-jäh­ri­ge Ma­rio S. er­hielt zwölf Jah­re. Das Ge­richt ord­ne­te die an­schlie­ßen­de Si­che­rungs­ver­wah­rung für bei­de an. Ein 49Jäh­ri­ger aus Sta­de er­hielt im Ju­li we­gen An­stif­tung und Bei­hil­fe ei­ne zwei­jäh­ri­ge Be­wäh­rungs­stra­fe.

„Ich ge­hö­re nicht zu de­nen, die sa­gen, Fach­kräf­te der Ju­gend­hil­fe sind frei von straf­recht­li­chen Kon­se­quen­zen“, sagt Ma­ter­la. Aber je­de straf­recht­li­che Er­mitt­lung lö­se in den Ju­gend­äm­tern Be­sorg­nis aus, die Do­mi­nanz des Kin­der­schut­zes auf den All­tags­be­trieb wer­de all­seits be­klagt. „Es kann nicht ge­wollt sein, dass Ju­gend­äm­ter aus Lüg­de das Fa­zit zie­hen, nur ri­gi­de und schnel­le Ein­grif­fe schaff­ten Si­cher­heit im Kin­der­schutz. Das Pri­mat der Hil­fe vor In­ter­ven­ti­on muss in der So­zi­al­ar­beit wei­ter Vor­rang ha­ben.“

Nach Zah­len des Sta­tis­ti­schen Bun­des­am­tes müs­sen Ju­gend­äm­ter im­mer häu­fi­ger die Ge­fähr­dung von Kin­dern be­wer­ten. Wa­ren es bun­des­weit 2017 noch 143275 Fäl­le, so stieg die Zahl 2018 um fast 10 Pro­zent auf 157 271 an. In­go Wünsch wur­de von In­nen­mi­nis­ter Her­bert Reul (CDU) zum Son­der­er­mitt­ler im Fall Lüg­de er­nannt. Wünsch sagt, Kin­der­por­no­gra­fie sei zu ei­nem der kri­mi­nal­po­li­zei­li­chen Schwer­punk­te ge­wor­den – et­wa ne­ben Clan­kri­mi­na­li­tät, Rechts­ex­tre­mis­mus und Ter­ror.

Fo­to: dpa/Gui­do Kirch­ner

Ort des Schre­ckens: Auf ei­nem Cam­ping­platz in Lüg­de wur­den Kin­der mas­siv se­xu­ell miss­braucht.

Fo­to: dpa

Nach­spiel: Die G-20-Kra­wal­le von 2017 be­schäf­ti­gen wei­ter­hin die Jus­tiz.

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