Glücks­brin­ger vom Di­enst

Als Schorn­stein­fe­ger hoch auf Deutsch­lands Dä­chern

Meppener Tagespost - - KFZWELT -

Egal, an wel­cher Haus­tür er klin­gelt: Jus­tin Ot­to wird fast im­mer­herz­lich be­grüßt. Das liegt an sei­nem freund­li­chen Auf­tre­ten, aber auch an sei­nem Be­ruf. Der 20-Jäh­ri­ge ist an­ge­hen­der Schorn­stein­fe­ger – und Leu­te die­ser Zunft ha­ben ei­nen be­son­de­ren Ruf: Wer ih­re Ar­me, ih­re Schul­ter oder ei­nen ih­rer gol­de­nen Knöp­fe be­rührt, auf den war­tet Glück.

„Das gibt mir ein tol­les Ge­fühl, wenn man mich als Glücks­brin­ger sieht“, er­zählt Ot­to. Wo­bei das nicht das ein­zi­ge ist, was dem Aus­zu­bil­den­den beim Schorn­stein­fe­ger-Be­trieb Jo­se­phi­ne Vill­mann in Erfurt ge­fällt. „Mein All­tag ist al­les an­de­re als mo­no­to­ne Ar­beit. Je­der Tag bringt neue Her­aus­for­de­run­gen“, so Ot­to.

Mit ei­ner Bürs­te den Ruß aus den Schorn­stei­nen zu fe­gen – das war vor 50 Jah­ren die Haupt­auf­ga­be. In­zwi­schen hat sich ei­ni­ges ge­wan­delt. Die Fach­leu­te ha­ben ne­ben dem Schorn­stein sämt­li­che Hei­zungs-, Ab­ga­sund Lüf­tungs­an­la­gen ei­nes Hau­ses im Blick.

Sie über­prü­fen, ob An­la­gen be­triebs- und brand­si­cher sind. „Mit kom­pli­zier­ten Mess­ver­fah­ren kon­trol­lie­ren die Fach­leu­te Emis­sio­nen jeg­li­cher Art, et­wa Fe­in­staub oder Koh­len­mon­oxid“, er­klärt Da­ni­el Fürst, Vor­sit­zen­der des Zen­tral­ver­bands Deut­scher Schorn­stein­fe­ger. Ge­nau­so ge­hört es zu den Auf­ga­ben, zu che­cken, ob Feu­er­stät­ten ef­fi­zi­ent ar­bei­ten und Gas­lei­tun­gen dicht sind.

Als Ex­per­ten vor Ort be­glei­ten sie die Ener­gie- und Wär­me­wen­de. Da­für be­wer­ten sie Ge­bäu­de und er­stel­len Ener­gie- und Ver­brauchs­aus­wei­se. Da­ne­ben emp­feh­len Schorn­stein­fe­ge sinn­vol­le en­er­ge­ti­sche Sa­nie­rungs­ar­bei­ten am Haus.

Und ein biss­chen Ner­ven­kit­zel ist täg­lich da­bei - näm­lich dann, wenn es rauf aufs Dach geht. „Den Re­spekt vor der Hö­he wer­de ich nie ver­lie­ren“, sagt Ot­to. Ihm macht es nichts aus, bei Wind und Re­gen auf dem Dach zu ba­lan­cie­ren. Schwin­del­frei­heit ist aber ein Muss.

Be­rufs­ein­stei­ger soll­ten auf­ge­weckt und kon­takt­freu­dig sein so­wie ein ge­wis­ses tech­ni­sches Gr­und­ver­ständ­nis mit­brin­gen. Von Vor­teil ist ein In­ter­es­se an phy­si­ka­li­schen und che­mi­schen Zu­sam­men­hän­gen. Das ist nö­tig, um Ab­ga­se und Ver­bren­nungs­rück­stän­de mes­sen und be­ur­tei­len zu kön­nen. Gu­te Ma­the-Kennt­nis­se brau­chen Schorn­stein­fe­ger, um zum Bei­spiel Vo­lu­men­strö­me in Zah­len­wer­ten in

Ar­beits-, Mess- und Prüf­be­rich­ten an­zu­ge­ben.

Schorn­stein­fe­ger meis­tern ih­ren Ar­beits­all­tag in al­ler Re­gel al­lei­ne. Durch den stän­di­gen Kun­den­kon­takt sind sie aber trotz­dem im­mer in Ge­sprä­chen – und sie ha­ben viel Ver­ant­wor­tung. Ein Bei­spiel: Schorn­stein­fe­ger müs­sen mer­ken, wenn et­wa die Ge­bäu­de­hül­le ver­än­dert wur­de. „Der Aus­tausch von Fens­tern in ei­nem Haus oder die Däm­mung von Au­ßen­wän­den be­deu­tet, dass das Ge­bäu­de dich­ter wird“, er­läu­tert Fürst. Das wie­der­um kann die Ver­bren­nungs­luft­ver­sor­gung von Feu­er­stät­ten be­ein­träch­ti­gen.

Schorn­stein­fe­ger be­kom­men von ih­rem Ar­beit­ge­ber ei­nen Be­triebs­wa­gen ge­stellt, um von Haus zu Haus zu fah­ren. Das Fahr­zeug ist Werk­statt und Bü­ro zu­gleich. Sie küm­mern sich in al­ler Re­gel selbst um al­les – von der Ter­min­ab­spra­che mit dem Kun­den bis zum Be­ar­bei­ten der Ge­bäu­de­da­ten nach ei­nem Auf­trag. Das hat Vor­tei­le: „Die Ar­beits­zeit kann, bei­spiels­wei­se im Ver­gleich zur In­dus­trie, sehr fle­xi­bel ge­stal­tet wer­den“, so Fürst.

Die Aus­bil­dungs­ver­gü­tung ist in ei­nem Ta­rif­ver­trag ge­re­gelt. Da­nach er­hal­ten Aus­zu­bil­den­de laut Bun­des­agen­tur für Ar­beit im ers­ten Jahr 520 Eu­ro mo­nat­lich brut­to, im zwei­ten 590 Eu­ro und im drit­ten Jahr 690 Eu­ro. In ei­ni­gen Bun­des­län­dern gibt es laut Fürst Emp­feh­lun­gen der In­nun­gen – dort sind die Aus­bil­dungs­ver­gü­tun­gen dann hö­her. dpa/tmn

Fo­to: Jens-Ul­rich Koch/dpa-tmn

Jus­tin Ot­to fin­det es schön, wenn er als Glücks­brin­ger wahr­ge­nom­men wird. Er macht ei­ne Aus­bil­dung zum Schorn­stein­fe­ger.

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