Ve­ne­zue­las ver­puff­te Re­vo­lu­ti­on

Vor ei­nem Jahr ver­sprach Juan Guai­dó den Sturz der Re­gie­rung – nun wa­ckelt er selbst

Meppener Tagespost - - POLITIK - Von Klaus Eh­ring­feld

Der Stern des Juan Guai­dó, ge­ra­de erst vor ei­nem Jahr auf­ge­gan­gen, könn­te sich am En­de als Stern­schnup­pe ent­pup­pen. Wenn es da­für noch ei­nes Be­wei­ses be­durft hat­te, dann wur­de er ges­tern Nach­mit­tag er­bracht. Da stand der Mann, den mehr als 50 Staa­ten als den recht­mä­ßi­gen Staats­chef Ve­ne­zue­las an­er­ken­nen, hilf­los vor dem Par­la­ment in Ca­ra­cas – und kam nicht hin­ein.

Ei­gent­lich woll­te sich Guai­dó nach ge­nau ei­nem Jahr im Amt als Prä­si­dent des Par­la­men­tes wie­der­wäh­len las­sen – des ein­zi­gen po­li­ti­schen Gre­mi­ums in dem süd­ame­ri­ka­ni­schen Land, in dem die Op­po­si­ti­on ge­gen den au­to­ri­tä­ren Macht­ha­ber Ni­colás Ma­du­ro die Mehr­heit hat. Doch der 36-Jäh­ri­ge und mit ihm ver­bün­de­te Ab­ge­ord­ne­te wur­den am Be­tre­ten des Ge­bäu­des ge­hin­dert. Das ve­ne­zo­la­ni­sche Staats­fern­se­hen zeig­te statt­des­sen Bil­der von Lu­is Par­ra, ei­nem Ri­va­len des jun­gen Op­po­si­ti­ons­füh­rers, der sich per Me­ga­fon selbst zum Par­la­ments­prä­si­den­ten er­klär­te.

Ver­trau­en ver­lo­ren

Es ist et­wa sechs Wo­chen her, da hat­te Juan Guai­dó ge­dacht, er kön­ne die Be­völ­ke­rung Ve­ne­zue­las noch ein­mal zum Mas­sen­pro­test ge­gen die Re­gie­rung ani­mie­ren. Es wa­ren die Wo­chen, als Süd­ame­ri­ka wie­der ein­mal in Auf­ruhr war, als in Ko­lum­bi­en der Prä­si­dent in Be­dräng­nis ge­riet, in Chi­le der Staats­chef wa­ckel­te und in Bo­li­vi­en der Macht­ha­ber ins Exil floh. Doch der Auf­ruf des Par­la­ments­prä­si­den­ten ver­hall­te fast un­ge­hört.

Ge­ra­de ein­mal gut tau­send Men­schen ka­men in Ca­ra­cas zu­sam­men, um ge­gen Ma­du­ro, das Re­gime der Cha­vis­ten und die un­er­träg­li­che Wirt­schafts­si­tua­ti­on zu pro­tes­tie­ren. Aus­ge­rech­net das Land, das in den ers­ten vier Mo­na­ten des vo­ri­gen Jah­res im per­ma­nen­ten Aus­nah­me­zu­stand war, ließ die Wel­le des

Pro­tes­tes in Latein­ame­ri­ka an sich vor­bei­zie­hen. Es war der Be­weis da­für, dass die Be­völ­ke­rung das Ver­trau­en in Guai­dó ver­lo­ren hat. Die Re­vo­lu­ti­on, die der jun­ge Po­li­ti­ker An­fang Ja­nu­ar 2019 ver­sprach, ist ver­pufft, be­vor sie rich­tig zün­den konn­te.

Seit sich der bis da­hin völ­lig un­be­kann­te Po­li­ti­ker am 5. Ja­nu­ar zum Par­la­ments­vor­sit­zen­den wäh­len ließ und sich am 23. Ja­nu­ar zum „pre­si­den­te en­cargado“, zum „be­auf­trag­ten Prä­si­den­ten“, er­klär­te, ist er mit sei­nem fried­li­chen Um­sturz­ver­such kein Stück wei­ter­ge­kom­men. „En­de der Macht für Ma­du­ro, Über­gangs­re­gie­rung, freie Wah­len“, war der Drei­klang sei­ner For­de­run­gen. Nichts da­von ist er­reicht.

Zu­sam­men mit der chro­ni­schen Ver­sor­gungs­kri­se und Geld­knapp­heit führt das da­zu, dass die Men­schen sich lie­ber um die Be­wäl­ti­gung des All­tags küm­mern als dar­um, die Re­gie­rung zu stür­zen. Die Ve­ne­zo­la­ner be­wegt viel­mehr die Fra­ge, wo man Sei­fe be­kommt, wel­che Tank­stel­le noch Ben­zin hat und wel­cher Markt ge­ra­de Ge­mü­se ver­kauft.

Zu­dem ge­lang es dem So­zia­lis­ten Ma­du­ro, mit der To­le­rie­rung des US-Dol­lars als Par­al­lel­wäh­rung und der Ab­schaf­fung der De­vi­sen- und Preis­kon­trol­len die In­fla­ti­on ein­zu­däm­men und den größ­ten Ver­sor­gungs­not­stand zu be­sei­ti­gen. Und die 4,7 Mil­lio­nen Ve­ne­zo­la­ner, die ihr Land ver­las­sen ha­ben, hal­ten mit ih­ren Dol­lar-Über­wei­sun­gen letzt­lich auch das Re­gime am Le­ben.

Die Ver­ein­ten Na­tio­nen schät­zen, dass bis En­de des Jah­res die Zahl der Flücht­lin­ge auf 6,5 Mil­lio­nen an­wach­sen wird. Da­mit wer­de das ve­ne­zo­la­ni­sche Mi­gra­ti­onsphä­no­men grö­ße­re Aus­ma­ße an­neh­men als das sy­ri­sche, sagt Edu­ar­do St­ein, Son­der­ge­sand­ter für Ve­ne­zue­la des UN-Hoch­kom­mis­sa­ri­ats für Flücht­lin­ge (UNHCR).

Vie­le west­li­che Staa­ten, dar­un­ter auch Deutsch­land, er­ken­nen Guai­dó als recht­mä­ßi­gen Staats­chef an. Aber die Ar­mee, die er im­mer wie­der of­fen zum Sturz Ma­du­ros auf­for­der­te, hat bis­her nicht die Sei­ten ge­wech­selt. Seit En­de April ein Putsch­ver­such kläg­lich schei­ter­te, den Guai­dó und sein Men­tor Leo­pol­do López plan­ten, war es still um den Trä­ger gro­ßer Hoff­nun­gen ge­wor­den.

Zer­strit­te­ne Op­po­si­ti­on

Die Op­po­si­ti­on, die er pha­sen­wei­se hin­ter sich brin­gen konn­te, ist wie­der wie frü­her zer­strit­ten. Po­li­ti­ker aus dem La­ger der Ma­du­ro-Geg­ner sind in Kor­rup­ti­ons­skan­da­le ver­strickt. Guai­dó selbst wur­de an der Sei­te ko­lum­bia­ni­scher Pa­ra­mi­li­tärs und Dro­gen­händ­ler fo­to­gra­fiert. Da­zu scheint er mit Do­nald Trump sei­nen wich­tigs­ten Un­ter­stüt­zer ver­lo­ren zu ha­ben. Den US-Prä­si­den­ten in­ter­es­siert das öl­rei­che Land nur noch am Ran­de, und die har­ten Sank­tio­nen hat er wie­der ge­lo­ckert.

Nach der ver­ei­tel­ten Wie­der­wahl gab sich Guai­dó ges­tern kämp­fe­risch. Bei Twit­ter schrieb er: „Die­je­ni­gen, die dar­an mit­wir­ken, die le­gi­ti­me Ein­set­zung des ve­ne­zo­la­ni­schen Par­la­ment zu ver­hin­dern, ma­chen sich zu Kom­pli­zen der Dik­ta­tur.“Die Op­po­si­ti­on sprach von ei­nem „par­la­men­ta­ri­schen Staats­streich“. Soll­te Guai­dó sein Amt als Vor­sit­zen­der der Na­tio­nal­ver­samm­lung wirk­lich ver­lie­ren, muss sich die Op­po­si­ti­on völ­lig neu auf­stel­len. Und der Kampf ge­gen Ma­du­ro be­ginnt bei null.

Fo­to: AFP/Yu­ri Cor­tez

Sie­ges­ge­wis­ser Strah­le­mann: So prä­sen­tier­te sich Juan Guai­dó im ver­gan­ge­nen Ju­li. Seit­her hat der Op­ti­mis­mus sei­ner An­hän­ger je­doch deut­lich ab­ge­nom­men.

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