Es ist kei­ne Sa­ti­re, es ist ei­ne Be­lei­di­gung

Meppener Tagespost - - DIALOG -

Zum Ar­ti­kel „ Auf­re­gung um Oma als ,Um­welt­sau‘“und dem Kommentar „Nichts Bes­se­res zu tun?“von Joa­chim Schmitz (Aus­ga­be vom 30. De­zem­ber).

„Der WDR scheint im Hüh­ner­stall Mo­tor­rad zu fah­ren und sämt­li­che Vie­cher platt­zu­ma­chen. Sich auf Sa­ti­re zu be­ru­fen ist zu ein­fach. Das Lied ist ein­fach zu platt, zu ge­wöhn­lich, zu pri­mi­tiv. Der WDR kommt als die be­sun­ge­ne Oma da­her!

Das nen­ne ich dann Sa­ti­re und brau­che mich nicht zu ent­schul­di­gen, was Herr Tom Buhrow an­stän­di­ger­wei­se ge­tan hat.“

Dr. Gott­fried Wolff Bad Ro­then­fel­de

„Ge­meint sind wir, die vor 1945 auf die Welt ka­men. Wir wur­den vor der Er­fin­dung des Fern­se­hens, der An­ti­bio­ti­ka, der Tief­kühl­kost und des Kunst­stof­fes ge­bo­ren, was heu­te die Um­welt ver­schmutzt. Wir kauf­ten Zu­cker, Salz und Mehl in Tü­ten, Sau­er­kraut und He­rin­ge aus dem Fass, hol­ten die Milch in der Kan­ne, ha­ben die Um­welt nicht mit Ver­pa­ckun­gen ver­schmutzt. Die Bröt­chen hin­gen mor­gens im Stoff­beu­tel an der Tür.

Wir wa­ren schon da, be­vor es Kern­spal­tung, Ra­dar, Kre­dit­kar­ten, Te­le­fax, La­ser und Ku­gel­schrei­ber gab. Ge­schirr­spü­ler, Wasch­ma­schi­ne, Trock­ner, Kli­ma­an­la­gen, Last-mi­nu­te-Flü­ge, die heu­te die Luft ver­schmut­zen und Res­sour­cen ver­brau­chen, die im­mer knap­per wer­den, kann­ten wir nicht. [. . .] Pam­pers? Win­deln wur­den so oft wie mög­lich ge­wa­schen. [. . .] Jo­ghurt­be­cher, Cof­fee to go, Ein­kaufs­tü­ten, Schu­he aus Plas­tik, die weg­ge­wor­fen wer­den, Klei­nig­kei­ten dop­pelt und drei­fach in Plas­tik ver­packt, da­mit ha­ben wir, die Omas und Opas, da­mals die Um­welt nicht ver­saut. Wir sind mehr ge­lau­fen als ge­fah­ren [. . .]. Fahr­rä­der, so ei­ner eins be­saß, wur­den zig­mal ge­flickt und re­pa­riert [. . .].

Wer konn­te sich als Pri­vat­mann da­mals ein Au­to leis­ten? Heu­te wol­len Va­ter und Mut­ter, Toch­ter und Sohn je­der ein Au­to ha­ben, oh­ne Rück­sicht auf die Um­welt. Sie al­le wol­len um die Welt flie­gen, Kreuz­fahr­ten er­le­ben, gro­ße Au­tos fah­ren, aber ver­zich­ten zu­guns­ten der Um­welt? [. . .] Wir, die Omas und Opas, die ihr heu­te als Um­welt­sau be­zeich­net, ha­ben nicht ver­ges­sen, was Not und Hun­ger sind, als ein Brot, ein Paar in­tak­te Schu­he und ein war­mer Ofen schon fast an Reich­tum grenz­ten. [. . .]

Wir ha­ben uns die Zu­kunft er­ar­bei­tet und sie de­nen, die nach uns ka­men, ge­schaf­fen. ,Bock‘ muss­ten wir im­mer ha­ben. Dass die, die im Wohl­stand auf­ge­wach­sen sind und nur den Wohl­stand ken­nen, uns, die al­ten Men­schen, jetzt als Um­welt­sau be­zeich­nen, ist für mich, 88 Jah­re alt, kei­ne Sa­ti­re, es ist Be­lei­di­gung. [. . .]“

Gerd Spie­ring Bram­sche

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