In Ku­ba feh­len die De­vi­sen

Har­te Zei­ten auf dem letz­ten kom­mu­nis­ti­schen Vor­pos­ten in der west­li­chen Welt

Meppener Tagespost - - VORDERSEIT­E - Von Klaus Eh­ring­feld

Jahr­zehn­te­lang leb­te Ku­ba vor al­lem vom Aus­tausch von Ärz­ten und an­de­ren Ex­per­ten. Doch seit sich die Ver­hält­nis­se in Latein­ame­ri­ka ge­wan­delt ha­ben und die USA un­ter Trump wie­der ei­nen re­pres­si­ve­ren Kurs fah­ren, hält der Man­gel wie­der Ein­zug.

Die Och­sen­kar­ren sind zu­rück auf Ku­ba. Auf den Fel­dern in den Pro­vin­zen der In­sel müs­sen die Bau­ern wie­der mit der jahr­hun­der­te­al­ten Me­tho­de an­bau­en, weil es kei­ne Trak­to­ren oder Die­sel gibt.

Auch die Ärz­te sind wie­der da, raus­ge­schmis­sen aus Bra­si­li­en, Bo­li­vi­en, Ecua­dor und El Sal­va­dor oder von der ku­ba­ni­schen Re­gie­rung zu­rück­ge­holt aus Ve­ne­zue­la. Ex­per­ten wie Ärz­te, Kran­ken­schwes­tern, Leh­rer und Trai­ner wa­ren Ku­bas wert­volls­ter Ex­port in den ver­gan­ge­nen Jah­ren. Sie brach­ten De­vi­sen oder wur­den mit Ölund Nah­rungs­mit­tel­lie­fe­run­gen ver­rech­net.

Aber in ei­nem für Ku­ba im Hin­blick auf vie­le Staa­ten Latein­ame­ri­kas mitt­ler­wei­le feind­li­chen Um­feld ver­siegt die­se Qu­el­le all­mäh­lich. Ver­gan­ge­nes Jahr ka­men 9000 ent­sand­te Ärz­te und Pfle­ge­per­so­nal der „Me­di­zin­bri­ga­den“auf die In­sel zu­rück. 2018 hat­te die Re­gie­rung in Havanna noch 6,3 Mil­li­ar­den Dol­lar aus dem Ex­per­ten-Ex­port ein­ge­nom­men. „Das war bei Wei­tem die wich­tigs­te De­vi­sen­quel­le“, sagt Pa­vel Vi­dal, Öko­nom an der ka­tho­li­schen Ja­ve­ria­na-Uni­ver­si­tät im ko­lum­bia­ni­schen Ca­li. Neue Ver­trags­staa­ten zu fin­den sei schwie­rig. „Zum ei­nen we­gen der po­li­ti­schen Kon­no­ta­ti­on und zum an­de­ren we­gen der Not­wen­dig­keit, dass die­ser Staat auch et­was wich­ti­ges für Ku­ba lie­fern kön­nen muss, wie zum Bei­spiel Erd­öl“, un­ter­streicht Vi­dal im Ge­spräch.

Die Ent­wick­lun­gen in der Land­wirt­schaft und bei dem Ex­per­ten-Ex­port be­le­gen, wie es zu Be­ginn des Jah­res 2020 auf Ku­ba aus­sieht. Es fehlt wie­der an fast al­lem, mehr denn je an har­ter, kon­ver­ti­bler Wäh­rung, an Nah­rungs­mit­teln, aber auch an In­fra­struk­tur und dem Treib­stoff für die Pro­duk­ti­ons­mit­tel.

Es ist ein Teu­fels­kreis. Weil es kein Geld gibt, kann kein Ben­zin oder Öl be­zahlt wer­den. Da­her kann auch nicht ge­nü­gend im Land pro­du­ziert wer­den, wes­halb es wie­der mehr De­vi­sen braucht, um im Aus­land Nah­rungs­mit­tel ein­zu­kau­fen.

Und so nä­hert sich Ku­ba im­mer mehr ei­ner Zeit an, die man in der Füh­rungs­spit­ze der kom­mu­nis­ti­schen Par­tei längst über­wun­den glaub­te. Die „Spe­zi­al­pe­ri­ode“, die Fi­del Cas­tro nach dem Zu­sam­men­bruch der So­wjet­uni­on aus­rief, als das letz­te kom­mu­nis­ti­sche Ei­land im ka­pi­ta­lis­ti­schen Meer zeit­wei­se so­gar vor dem wirt­schaft­li­chen Un­ter­gang stand und nur mit har­ten Spar­maß­nah­men und ho­möo­pa­thi­schen Do­sen von Ka­pi­ta­lis­mus auf Kurs blieb. Sein­er­zeit brach die Wirt­schafts­kraft um 35 Pro­zent ein. Ei­ne Leh­re von da­mals hat die Re­gie­rung ge­zo­gen. Havanna setzt auf meh­re­re Part­ner. Ne­ben dem neu­en „Bru­der­staat“Ve­ne­zue­la ge­hö­ren Me­xi­ko, Russ­land, der Iran, Chi­na und Al­ge­ri­en zu den Al­li­ier­ten.

Aber den­noch ist die Kri­se be­reits seit dem Som­mer zu­rück. Strom­ra­tio­nie­run­gen, Ben­zin­knapp­heit vor al­lem auf dem Land, Kurz­ar­beit in den staat­li­chen Fa­b­ri­ken und das Feh­len be­stimm­ter Gü­ter ge­hö­ren wie­der zum All­tag. Spei­se­öl ist kaum be­zahl­bar, Toi­let­ten­pa­pier, Kon­do­me und Kaf­fee sind auch ge­gen har­te Wäh­rung kaum zu be­kom­men.

Be­son­ders hart trifft die In­sel der Qua­si-Aus­fall Ve­ne­zue­las, das seit 2003 vie­le Jah­re täg­lich 100 000 Fass Öl zu Vor­zugs­kon­di­tio­nen schick­te. Mitt­ler­wei­le sind es an gu­ten Ta­gen noch 30 000 Fass. 2012, auf dem Hö­he­punkt der Ko­ope­ra­ti­on, be­lief sich der Han­dels­aus­tausch der Bru­der­staa­ten auf 16 Mil­li­ar­den Dol­lar, wie der in den USA le­ben­de Öko­nom Car­me­lo Me­sa-La­go schreibt. 2017 war es nur noch die Hälf­te, und seit­dem ist der Wirt­schafts­aus­tausch wei­ter ein­ge­bro­chen.

Zu­dem lei­det der Tou­ris­mus dar­un­ter, dass die Ver­ei­nig­ten Staa­ten ih­ren Kreuz­fahrt­schif­fen ver­bie­ten, Ku­ba an­zu­lau­fen, dass US-Flug­li­ni­en jetzt nur noch nach Havanna und in kei­ne an­de­ren Städ­te mehr flie­gen dür­fen und dass die Rei­se­er­laub­nis­se aus den Zei­ten Ba­rack Oba­mas un­ter sei­nem Nach­fol­ger Do­nald Trump fast völ­lig kas­siert wur­den.

Dra­ma­tisch für das Land und vor al­lem die Be­völ­ke­rung sind die Re­strik­tio­nen bei den Dol­lar-Über­wei­sun­gen der Exil­ku­ba­ner an ih­re Fa­mi­li­en­an­ge­hö­ri­gen. Sie wur­den ge­ra­de erst auf 1000 Dol­lar pro Quar­tal be­grenzt. Über­wei­sun­gen sind über­haupt aus den USA nach Ku­ba nur noch an Fa­mi­li­en­mit­glie­der ge­stat­tet. Dol­lar­Spen­den ganz ver­bo­ten. Fi­nanz­mi­nis­ter Ste­ve Mnu­ch­in mach­te deut­lich, dass der ku­ba­ni­schen Re­gie­rung so der Zu­gang zu De­vi­sen ent­zo­gen wer­den soll.

Be­geg­nen will die Re­gie­rung der De­vi­sen­knapp­heit un­ter an­de­rem mit ei­ner Art ka­ri­bi­scher In­ter­shops wie aus DDR-Zei­ten. En­de Ok­to­ber wur­den die ers­ten 13 die­ser Dol­lar-Lä­den er­öff­net, zwölf in Havanna, ei­ner in San­tia­go de Cu­ba. Dort ver­kauft die Re­gie­rung vor al­lem elek­tro­ni­sche Haus­halts­ge­rä­te und Au­to­zu­be­hör, aber auch Ar­ti­kel des täg­li­chen Be­darfs, die es sonst nir­gends­wo gibt.

So macht der Staat sei­ner ei­ge­nen Be­völ­ke­rung Kon­kur­renz. Bis­her flo­gen die Ku­ba­ner nach Pa­na­ma oder Me­xi­ko, kauf­ten dort für den Ei­gen­be­darf oder zum Wei­ter­ver­kauf zum Bei­spiel Kli­ma­an­la­gen ein. Die Dol­lar­lä­den sind der Ver­such, die­se De­vi­sen sel­ber ab­zu­schöp­fen, die sonst das Land ver­lie­ßen.

Für Öko­no­men wie Pa­vel Vi­dal kön­nen die Dol­lar-Lä­den nur das Schlimms­te ver­hin­dern. Lang­fris­ti­ge Bes­se­rung ver­sprä­chen nur ei­ne Ab­kehr vom Sys­tem der Staats­be­trie­be, die weit­ge­hend un­ren­ta­bel ar­bei­ten, so­wie der wei­te­re Aus­bau des Tou­ris­mus.

Fo­to: dpa/Alejandro Ernesto

Ge­fan­gen im So­zia­lis­mus: Strom, Ben­zin, Nah­rung – Ku­ba­ner kämp­fen zu­neh­mend mit dem Man­gel.

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