Tor­wart-Le­gen­de Til­kow­ski ge­stor­ben

Zum Abschied von Hans Til­kow­ski, der ein be­weg­tes Fuß­ball-Le­ben hat­te

Meppener Tagespost - - VORDERSEIT­E - Von Ha­rald Pis­to­ri­us

Der frü­he­re deut­sche Fuß­ball-Na­tio­nal­tor­wart Hans Til­kow­ski ist tot. Der eins­ti­ge Kee­per von Bo­rus­sia Dort­mund starb am Sonn­tag im Al­ter von 84 Jah­ren nach lan­ger Krank­heit. Sein Na­me ist eng ver­knüpft mit dem le­gen­dä­ren Wem­bley-Tor im WM-Fi­na­le 1966.

Er be­stritt 39 Län­der­spie­le, ge­wann den Eu­ro­pa­po­kal und war der ers­te Tor­wart, der Fuß­bal­ler des Jah­res wur­de. Doch für die meis­ten Men­schen ist an die­sem Sonn­tag mit 84 Jah­ren der Mann ge­stor­ben, der das Wem­bley-Tor kas­sier­te. Da­bei hat­te Hans Til­kow­ski ein be­weg­tes Tor­wart-Le­ben ...

Manch­mal, wenn ein Un­be­kann­ter auf ihn zu­kam und Luft hol­te, um et­was zu sa­gen, be­ant­wor­te­te Hans Til­kow­ski die Fra­ge, be­vor sie ge­stellt war: „Nein, der Ball war nicht drin!“

Das Wem­bley-Tor. Er­zielt am 30. Ju­li 1966 im Wem­bley­sta­di­on. Ein Schuss von Ge­off­rey Hurst an die Lat­te des deut­schen To­res, der Ball prallt auf den Bo­den. Es gibt Fo­tos, auf de­nen Hans Til­kow­ski den Kopf nach hin­ten ver­dreht, um zu se­hen, ob der Ball hin­ter der Li­nie war.

War er nicht. Schieds­rich­ter Gott­fried Di­enst aber be­frag­te Li­ni­en­rich­ter To­fik Bach­ra­mov, der zeig­te ni­ckend zur Mit­tel­li­nie – so ging England in der Ver­län­ge­rung des WM-Fi­na­les mit 3:2 in Füh­rung, am En­de hieß es 4:2.

Erst spät hat sich sich Til­kow­ski da­mit ar­ran­giert, dass die­ses Tor der gro­ße Mo­ment sei­nes Le­bens war, von dem er nicht los­kom­men soll­te. Sei­ne Bio­gra­fie nann­te er 2006 au­gen­zwin­kernd „Und ewig fällt das Wem­bley­Tor“.

40 Jah­re zu­vor war das ers­te Buch über „Til“er­schie­nen, auf dem Hö­he­punkt sei­ner Lauf­bahn war „Kei­ne Angst vor schar­fen Schüs­sen“ein Best­sel­ler. Er war die Num­mer 1 bei Bo­rus­sia Dort­mund und in der Na­tio­nal­mann­schaft, er trug da­zu bei, dass der BVB als ers­ter deut­scher Club ei­nen Eu­ro­pa­po­kal ge­wann, und er war 1965 der ers­te Tor­wart, der „Fuß­bal­ler des Jah­res“wur­de.

Aus dem Sohn ei­ner Berg­manns-Fa­mi­lie, die in ein­fachs­ten Ver­hält­nis­sen in ei­ner Ze­chen­ko­lo­nie des Dort­mun­der Vo­r­orts Hu­sen auf­ge­wach­sen war, war ein Star sei­ner Zeit ge­wor­den.

Und es schien naht­los wei­ter­zu­ge­hen, als er die Fuß­ball­leh­r­er­li­zenz als Lehr­gangs­bes­ter er­warb. Er stand noch als Spie­ler bei Ein­tracht Frank­furt un­ter Ver­trag, als Wer­der Bre­men ihn im März 1970 als Ret­ter im Ab­stiegs­kampf ver­pflich­te­te. Er schrieb Bun­des­li­ga-Ge­schich­te, denn er war der ers­te Spie­ler, der Trai­ner in der Eli­te­klas­se wur­de.

Til­kow­ski schaff­te den Klas­sen­er­halt, doch blei­ben durf­te er nicht: Wer­der hat­te schon vor­her ei­nen Trai­ner für die nächs­te Sai­son ver­pflich­tet.

Ähn­lich glück­los ging sei­ne Trai­ner­lauf­bahn (u.a. beim 1. FC Nürn­berg und Mün­chen 1860) wei­ter, auch beim zwei­ten Ver­such in Bre­men. Als er En­de 1977 er­fuhr, dass die Mann­schaft sich ge­gen ei­ne wei­te­re Zu­sam­men­ar­beit aus­ge­spro­chen hat­te, stieg er so­fort aus, ver­zich­te­te auf viel Geld und zog sich zu­rück.

Lie­ber en­ga­gier­te er sich so­zi­al: Er or­ga­ni­sier­te Ben­fiz­spie­le, sam­mel­te für die Frie­dens­dör­fer und spen­dier­te ei­ner Mul­ti­kul­ti-Schu­le in Her­ne ei­nen Bolz­platz. Sie trägt sei­nen Na­men, ge­nau wie das Ver­eins­lo­kal sei­nes Ex-Clubs West­fa­lia Her­ne. Zu Til­kow­skis Zei­ten spiel­ten sie dort am Schloss Strün­ke­de um die deut­sche Meis­ter­schaft, jetzt ste­hen sie in der Fünf­ten Li­ga in der In­sol­venz.

Dort weiß man, dass sein Le­ben viel mehr war als nur die­ser ei­ne Mo­ment im Wem­bley­sta­di­on.

Fo­to: Witters/Trede-Archiv

Das Wem­bley-Tor: Hans Til­kow­ski schaut dem Ball im WM-Fi­na­le 1966 hin­ter­her.

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