Sieg für das klas­si­sche Ki­no

Ta­ran­ti­no und „1917“ma­chen Net­flix zum Glo­be-Ver­lie­rer / Pro­mis nut­zen Büh­ne für po­li­ti­sche Ap­pel­le

Meppener Tagespost - - KULTUR -

Die Gol­den­Glo­be-Ga­la hät­te der gro­ße Abend für Net­flix sein kön­nen. Mit 17 Film­no­mi­nie­run­gen lag der Strea­m­in­g­rie­se weit vor den al­te­ta­blier­ten Hol­ly­wood­stu­di­os. Das Schei­dungs­dra­ma „Mar­ria­ge Sto­ry“war mit sechs Ge­winn­chan­cen als Fa­vo­rit ins Glo­be-Ren­nen ge­zo­gen, Mar­tin Scor­se­ses Ma­fia-Epos „The Irish­man“hät­te theo­re­tisch fünf­mal Gold ho­len kön­nen. Des­we­gen schau­te Hol­ly­wood in der Nacht zu ges­tern auch ge­spannt hin, ob Net­flix den Top-Preis „Bes­tes Dra­ma“ab­räu­men und da­mit Ge­schich­te schrei­ben wür­de. Doch es kam an­ders. Nur ei­ne ein­zi­ge gold­glän­zen­de Welt­ku­gel sprach der Ver­band der Aus­lands­pres­se dem Net­flix-Dra­ma „Mar­ria­ge Sto­ry“zu, für Lau­ra Derns Ne­ben­rol­le als ge­ris­se­ne Schei­dungs­an­wäl­tin.

Statt­des­sen tri­um­phier­te der Bri­te Sam Men­des mit sei­nem Kriegs­dra­ma „1917“: Er ge­wann in der wich­tigs­ten Spar­te „Bes­tes Dra­ma“und als bes­ter Re­gis­seur. Der bild­ge­wal­ti­ge Film vom Tra­di­ti­ons­stu­dio Uni­ver­sal Pic­tu­res folgt zwei jun­gen bri­ti­schen Sol­da­ten an ei­nem Tag wäh­rend des Ers­ten Welt­kriegs durch Schüt­zen­grä­ben und über Schlacht­fel­der. Er hof­fe, dass nun vie­le Ki­no­gän­ger die­sen Film auf der gro­ßen Lein­wand se­hen wer­den, sag­te „Bond“-Re­gis­seur Men­des bei der Preis­ver­lei­hung in Be­ver­ly Hills – ein wei­te­rer Sei­ten­hieb für Net­flix, des­sen Wer­ke kaum im Ki­no zu se­hen sind.

Der wei­te­re Abräu­mer des Abends – Qu­en­tin Ta­ran­ti­nos schwarz­hu­mo­ri­ge Ko­mö­die

„On­ce Upon a Ti­me in Hol­ly­wood“– ist ei­ne Ode an das al­te Hol­ly­wood der 60er-Jah­re. Sein neun­ter Spiel­film, den Ta­ran­ti­no mit So­ny pro­du­zier­te, sahn­te den Glo­be als bes­te Ko­mö­die, für das Dreh­buch und für Ne­ben­dar­stel­ler Brad Pitt ab. Die­ser spielt den läs­si­gen Kum­pel ei­nes ab­ge­half­ter­ten Wes­tern­stars (Leo­nar­do DiCa­prio), vor dem Hin­ter­grund der Hip­pie-Re­vo­lu­ti­on und ei­ner von Kult­füh­rer Charles Man­son an­ge­stif­te­ten Mord­se­rie, der auch die Schau­spie­le­rin Sha­ron Ta­te zum Op­fer fiel.

Bio­gra­fi­sches stand bei den Glo­bes eben­falls hoch im Kurs. Zwei Glo­bes gin­gen an den Mu­sik­film „Ro­cket­man“über das Le­ben des Sän­gers El­ton John. Mit ro­sa­ro­ter Son­nen­bril­le nahm die Po­pI­ko­ne die Tro­phäe für den bes­ten Film­song ent­ge­gen. Das mu­ti­ge Spiel des Bri­ten Ta­ron Eger­ton, der im Film die Hits sel­ber sang, wur­de mit ei­nem Glo­be als bes­ter Haupt­dar­stel­ler in der Spar­te Ko­mö­die/Mu­si­cal ho­no­riert. Re­gie führ­te Dex­ter Flet­cher, der vor ei­nem Jahr mit „Bo­he­mi­an Rh­ap­so­dy“Ra­mi Ma­lek als Sän­ger Fred­die Mer­cu­ry zu ei­nem Glo­be und Os­car ver­half.

Noch et­was fiel auf: Die The­men der Ge­win­n­er­fil­me wa­ren män­ner­las­tig, Di­ver­si­tät blieb bei die­sen Glo­bes auf der Stre­cke. Kei­ne ein­zi­ge Frau war die­ses Jahr in der

Spar­te Re­gie no­mi­niert ge­we­sen, da­für muss­ten die Preis­ver­lei­her be­reits vor­her Kri­tik ein­ste­cken. In der Ga­l­a­nacht selbst war die Aus­zeich­nung für Re­née Zell­we­ger und ih­re star­ke Frau­en­rol­le eher ei­ne Aus­nah­me. Sie ge­wann mit ih­rer pa­cken­den Darstel­lung der Schau­spiel-Iko­ne und Sän­ge­rin Ju­dy Gar­land in „Ju­dy“den Gol­den Glo­be als bes­te Dra­ma-Schau­spie­le­rin.

Dar­über hin­aus ver­schaff­ten sich ei­ni­ge Frau­en auf der Büh­ne mit ein­dring­li­chen Ap­pel­len Ge­hör. Schau­spie­le­rin Mi­chel­le Wil­li­ams et­wa setz­te sich kämp­fe­risch für das Recht auf Ab­trei­bung ein. Mit Blick auf die im No­vem­ber an­ste­hen­den Prä­si­dent­schafts­wah­len in den USA for­der­te sie auf, wäh­len zu ge­hen.

Jo­aquin Pho­enix, der für sei­ne Rol­le in dem ver­stö­ren­den Thril­ler „Jo­ker“den Glo­be als bes­ter Dra­ma-Darstel­ler ge­wann, pack­te ei­ne gan­ze Pa­let­te von drän­gen­den An­lie­gen in sei­ne emo­tio­na­le Dan­kes­re­de – von ve­ga­ner Er­näh­rung bis zum Kli­ma­wan­del. Auch die Feu­er­ka­ta­stro­phe in Aus­tra­li­en be­weg­te die Stars in Hol­ly­wood. „Die Tra­gö­die in Aus­tra­li­en ba­siert auf dem Kli­ma­wan­del“, ließ Rus­sell Cro­we bei der Preis­ver­lei­hung in ei­ner Bot­schaft mit­tei­len. We­gen der Busch­brän­de war er nicht an­ge­reist. „Wenn ein Land vor ei­ner Kli­ma-Ka­ta­stro­phe steht, ste­hen wir al­le vor ei­ner Kli­ma-Ka­ta­stro­phe“, be­ton­te auch Ca­te Blan­chett auf der Glo­be-Büh­ne.

Als Gast­ge­ber der Show teil­te der bri­ti­sche Ko­mi­ker Ri­cky Ger­vais mit ge­wohnt bis­si­gen Sei­ten­hie­ben aus. Ein vul­gä­rer Witz über „Cats“-Schau­spie­le­rin Ju­di Dench lös­te ein Rau­nen im Saal aus. „Denkt dar­an, es sind nur Wit­ze. Wir wer­den al­le bald ster­ben, und es wird kei­ne Fort­set­zung ge­ben“, frot­zel­te Ger­vais gleich zu Be­ginn.

In we­ni­gen Wo­chen schon wird der Preis-Re­gen in Hol­ly­wood wei­ter­ge­hen. Am 9. Fe­bru­ar wer­den die Os­cars ver­lie­hen.

Fo­tos: imago images/Fu­ture Image/Picturelux (2)

Drei fröh­li­che Preis­trä­ger: Schau­spie­le­rin Re­née Zell­we­ger, „1917“-Re­gis­seur Sam Men­des (rechts oben) und Mu­si­ker El­ton John.

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