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Lus­ti­ger Gu­ru der Kon­zept­kunst: Der Ame­ri­ka­ner John Bal­des­sa­ri ist mit 88 Jah­ren ge­stor­ben

Meppener Tagespost - - KULTUR - Von Ste­fan Lüd­de­mann

„Burn it!“, schreibt Di­ri­gent Leo­nard Bern­stein 1986 we­nig char­mant in das Gäs­te­buch des Münch­ner Ga­s­teig. Die Akus­tik des Kon­zert­saals ist ihm ein Grau­en. Burn it! John Bal­des­sa­ri macht Ernst mit die­sem Ap­pell. 1970 ver­brennt der ame­ri­ka­ni­sche Künst­ler al­les, was er im ei­ge­nen De­pot noch hat. Von Ge­mäl­den aus den Jah­ren zwi­schen 1953 und 1966 bleibt nur Asche in der Ur­ne.

Bal­des­sa­ri räumt sein bis­he­ri­ges Werk ab. Kon­zept­kunst statt Ma­le­rei: Die­sen ra­di­ka­len Wech­sel bläut er sich selbst ein, in­dem er auf ein Blatt wie bei ei­ner selbst auf­er­leg­ten Straf­ar­beit wie­der und wie­der ei­nen Satz schreibt: „Ich wer­de kei­ne lang­wei­li­ge Kunst mehr ma­chen!“Aus der Schreibak­ti­on macht Bal­des­sa­ri 1971 ein heu­te le­gen­dä­res Vi­deo, aus der Zer­stö­rungs­ak­ti­on das in der Kunst­welt nicht min­der be­kann­te „Cre­ma­ti­on Pro­ject“. Und aus sich selbst ei­nen Künst­ler, der vor­führt, wie ent­schie­den und pro­duk­tiv ein kom­plet­ter Kurs­wech­sel sein kann.

Die Bi­en­na­le von Ve­ne­dig ehr­te John Bal­des­sa­ri 2009 mit ei­nem Gol­de­nen Lö­wen für sein Le­bens­werk, die Stadt Gos­lar zeich­ne­te ihn 2012 mit dem Kai­ser­ring aus, ei­nem der wich­tigs­ten Kunst­prei­se welt­weit. Bal­des­sa­ris Wer­ke wa­ren bis lang in rund 1200 Ausstellun­gen und dar­un­ter na­tür­lich auch auf der Do­cu­men­ta in Kas­sel zu se­hen. Ei­ne Le­gen­de zu Leb­zei­ten?

Ge­nau das woll­te Bal­des­sa­ri, ein Zweit­me­ter­turm von ei­nem Mann mit schloh­wei­ßem Bart, nie­mals sein. Und ist es doch ge­wor­den. Sein Trost: Bal­des­sa­ri avan­ciert zur lus­tigs­ten grau­en Emi­nenz, die der welt­wei­te Kunst­be­trieb über Jahr­zehn­te auf­zu­wei­sen hat. Der Mann ist Kult, als Spöt­ter, der mit hoch­hei­li­ger Kunst sei­ne iro­ni­schen Spiel­chen treibt. Bal­des­sa­ri klebt knall­bun­te run­de Sti­cker auf Ge­sich­ter aus Wer­be­film­chen und BMo­vies, er kom­bi­niert in an­de­ren Bild­se­ri­en Text­ta­feln mit Wer­be­fo­tos. Der re­spekt­lo­se Spaß hat durch­dach­te Me­tho­de: John Bal­des­sa­ri mon­tiert die Bot­schaf­ten der Wer­be- und Me­di­en­welt neu. Er spielt mit den Fas­sa­den­wel­ten des Kon­sums, macht sich lus­tig über die stei­fen Ri­tua­le der Mu­se­ums­welt. Sei­ne Kunst räumt auf, nicht nur mit dem ei­ge­nen Früh­werk, son­dern auch mit al­lem, was sich als kon­ven­tio­nell und des­halb als kul­tu­rell un­pro­duk­tiv er­weist.

Kon­zept­kunst fo­kus­siert flui­de Ide­en, kei­ne fer­ti­gen Ob­jek­te. Das Ge­mäl­de, die Skulp­tur – sol­che Aus­fer­ti­gun­gen der Kunst sind Kon­zept­künst­lern be­reits viel zu sta­tisch. John Bal­des­sa­ris Wer­ke funk­tio­nie­ren als Or­te, an de­nen Ide­en über­sprin­gen, die Wahr­neh­mung und Den­ken von Be­trach­tern ei­ne un­er­war­te­te Rich­tung ge­ben. Mit fal­schem Re­spekt geht das nicht. Bal­des­sa­ris Kunst ist des­halb im­mer ei­ne Kunst der Ir­ri­ta­ti­on.

Der ka­li­for­ni­sche Künst­ler hat sich ge­ra­de dann her­aus­ge­for­dert ge­fühlt, wenn es um Sta­tus und Pres­ti­ge ging. Was macht er, als er für BMW ein Art Car ge­stal­ten darf ? Er be­malt den 585-PS-Bo­li­den nicht nur pop­pig, son­dern über­zieht sei­ne Ka­ros­se­rie auch mit dem Schrift­zug „Fast“, als wol­le er sich über die ra­san­te Schnel­lig­keit die­ses Sport­wa­gens lus­tig ma­chen. Bal­des­sa­ris Ge­dan­ken­blit­ze wa­ren oh­ne­hin im­mer schnel­ler als ein Renn­au­to. Und sie wer­den wei­ter zün­den, auch wenn Bal­des­sa­ri schon am 2. Ja­nu­ar 2020 im Al­ter von 88 Jah­ren ver­stor­ben ist.

Fo­to: BMW Group/Chris Tedesco/obs

Werk von 2016: John Bal­des­sa­ris Art Car für den Au­to­her­stel­ler BMW.

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