Der Be­ginn ei­ner Ära

Se­rie, Teil 7: Als Mu­ham­mad Ali mit dem „Phan­tom Punch“Son­ny Lis­ton be­sieg­te

Meppener Tagespost - - SPORT - Von Udo Kol­ler

Es sind Bil­der, die ver­knüpft sind mit ei­nem gro­ßen Sport­er­eig­nis. Ein­ge­fro­re­ne Mo­men­te, die für Mil­lio­nen von Men­schen ei­nen Tri­umph, ein Ge­fühl, ein Stück Sport­ge­schich­te für im­mer ab­ruf­bar ma­chen – auf ei­nen Blick: „Sport­fo­tos für die Ewig­keit“. So hat die Re­dak­ti­ons-Ko­ope­ra­ti­on G14p­lus ih­re Win­terse­rie ge­nannt, in der Re­por­ter von 13 Zei­tun­gen ih­re Ge­schich­ten die­ser Bil­der er­zäh­len. Heu­te: das be­rühm­tes­te Box-Fo­to al­ler Zei­ten.

Sie­ger und Be­sieg­ter. Sel­ten wird das so an­schau­lich ge­zeigt wie auf dem Fo­to aus dem Jahr 1965. Mu­ham­mad Ali steht tri­um­phie­rend über Son­ny Lis­ton. Er schreit ihn an. „Get up you bum – Komm hoch, Du Pen­ner.“Lis­ton ver­sucht es. Ein­mal. Zwei­mal.

Dann steht er, hält sich aber nur mit Mü­he auf den Bei­nen. Kurz dar­auf bricht der Ring­rich­ter den Kampf ab. Ali ist der al­te und neue Welt­meis­ter im Schwer­ge­wicht.

Um den le­gen­dä­ren Box­kampf in Le­wis­ton im USBun­des­staat Mai­ne ran­ken sich Ge­schich­ten und Ge­rüch­te. Das liegt vor al­lem am „Phan­tom Punch“, dem Phan­tom­schlag, mit dem Ali sei­nen Geg­ner in Run­de eins nie­der­streckt. Ein Cross mit der Rech­ten, ge­schla­gen an Schlä­fe und Kinn von Lis­ton. Kaum je­mand am Ring und vor dem Fern­se­her hat den Hieb wirk­lich ge­se­hen. Al­les war so schnell ge­gan­gen.

Mit Ali und Lis­ton tref­fen zwei Box-Wel­ten auf­ein­an­der. Im Fe­bru­ar 1964 ste­hen sie sich in Mia­mi erst­mals im Ring ge­gen­über. Hier Lis­ton, ver­mut­lich 32 Jah­re alt (sein ge­nau­es Ge­burts­da­tum ist nicht be­kannt), Welt­meis­ter der Ver­bän­de WBO und WBA, ein ag­gres­si­ver, schlag­star­ker Kämp­fer, der im Ring im­mer vor­wärts mar­schiert. Dort der 22-jäh­ri­ge Ali, der da noch Cas­si­us Clay heißt, Olym­pia­sie­ger von Rom 1960, in 19 Pro­fi­kämp­fen un­be­siegt, ein Tän­zer im Ring, der sei­ne Geg­ner leicht­fü­ßig um­schwirrt und sie mit Fäus­ten eben­so flink wie mit Wor­ten trak­tiert. „Schwe­be wie ein Schmet­ter­ling, stich wie ei­ne Bie­ne“– ei­ner von un­zäh­li­gen Sprü­chen, die Ali der Welt hin­ter­ließ.

Lis­ton ist bei den Box-Fans we­nig be­liebt. In jun­gen Jah­ren saß er fünf Jah­re im Knast, spä­ter gel­ten sei­ne Kon­tak­te zur Ma­fia als of­fe­nes Ge­heim­nis. Er steigt als kla­rer Fa­vo­rit in den Ring. In der LA Ti­mes steht, Cas­si­us Clay kön­ne Lis­ton höchs­tens in ei­nem Buch­sta­bier­wett­be­werb

schla­gen. Es ist ei­ne dop­pel­te An­spie­lung – auf Clay, des­sen Mund­werk stär­ker ein­ge­schätzt wird als sei­ne Fäus­te, so­wie auf die Tat­sa­che, dass Charles „Son­ny“Lis­ton An­alpha­bet ist.

Dann die Über­ra­schung: In der Pau­se zur sieb­ten Run­de gibt Lis­ton auf. Clay ist der neue Welt­meis­ter. Mit weit auf­ge­ris­se­nen Au­gen schreit er zum ers­ten Mal sein „I am the grea­test“in die Ka­me­ras.

15 Mo­na­te spä­ter der le­gen­dä­ren Rück­kampf. Cas­si­us Clay ist mitt­ler­wei­le der Na­ti­on of Is­lam bei­ge­tre­ten und nennt sich Mu­ham­mad Ali. Be­lieb­ter wird er aber nicht. Die Zu­schau­er am Ring be­ju­beln Lis­ton, was für den ein un­ge­wohn­tes Ge­fühl ist. Ali bu­hen sie aus. Der ver­miest ih­nen da­für den Spaß. Nach 105 Se­kun­den liegt Lis­ton, vom Phan­tom Punch ge­trof­fen, am Bo­den. Der Ring­rich­ter

hat al­le Mü­he, Ali vom ge­fal­le­nen Geg­ner weg­zu­drän­gen, und ver­gisst so­gar, Lis­ton an­zu­zäh­len. Der kommt erst nach 15 Se­kun­den wie­der auf die Bei­ne und boxt wei­ter, ehe der Ring­rich­ter sei­nen Feh­ler be­merkt, und den Kampf be­en­det.

Son­ny Lis­ton wird sich von die­sem Nie­der­schlag nie er­ho­len. 1970 stirbt er. Es wird ver­mu­tet, dass da­bei Dro­gen ei­ne Rol­le ge­spielt ha­ben. Viel­leicht aber hat­te auch die Ma­fia ih­re Hand im Spiel.

Mu­ham­mad Ali über­ragt nicht nur den am Bo­den lie­gen­den Lis­ton. Für ihn ist der Kampf die Ge­burts­stun­de als Cham­pi­on. In den kom­men­den Jah­ren wird er zur Le­gen­de. Als er 2016 stirbt, trau­ert die gan­ze Sport­welt.

Der Au­tor Udo Kol­ler ist Sport­re­dak­teur bei der Pforz­hei­mer Zei­tung

Fo­tos: dpa/Pic­tu­re­ma­xx, co­lour­box.de

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