Vor 25 Jah­ren kam das Aus für „Ana­to­pia“

Hüt­ten­dorf dem Erd­bo­den gleich­ge­macht / Pro­test ge­gen Test­stre­cken-Bau in Papenburg

Meppener Tagespost - - NACHBARSCH­AFT - Von Phil­ipp Helm

Vor 25 Jah­ren, am 8. Ja­nu­ar 1995, hat die Po­li­zei das Hüt­ten­dorf „Ana­to­pia“auf dem Ge­biet des heu­ti­gen ATP-Prüf­ge­län­des ge­räumt. Vor­aus­ge­gan­gen war ein drei­ein­halb Jah­re lang an­dau­ern­der Pro­test ge­gen das Bau­pro­jekt.

Als am Sonn­tag­mor­gen bei klir­ren­der Käl­te rund 350 Po­li­zis­ten so­wie Spe­zi­al­bag­ger und Pla­nier­rau­pen an­rü­cken, um das Dorf dem Erd­bo­den gleich­zu­ma­chen, ha­ben sei­ne Be­woh­ner das Ge­biet be­reits über Nacht ver­las­sen. Aus­lö­ser des plötz­li­chen Groß­ein­sat­zes ist ei­ne Stra­ßen­schlacht am Vor­tag zwi­schen mi­li­tan­ten Geg­nern der da­ma­li­gen Mer­ce­des-Test­stre­cke und der Po­li­zei. „Ana­to­pia“, in dem zeit­wei­se bis zu 100 Men­schen leb­ten, be­steht aus rund 20 selbst ge­zim­mer­ten Hüt­ten und aus­ran­gier­ten Bau­wa­gen. Drei­ein­halb Jah­re nach sei­ner Ent­ste­hung ist es bin­nen kur­zer Zeit Ge­schich­te. Gut drei Jah­re spä­ter geht das sein­er­zeit stark um­strit­te­ne Prüf­ge­län­de in Be­trieb.

„Sie woll­ten ein Zei­chen ge­gen die sinn­lo­se Um­welt­zer­stö­rung im Moor set­zen“, fasst Micha­el Ren­sen die Mo­ti­va­ti­on der jun­gen Ak­ti­vis­ten von da­mals ein Vier­tel­jahr­hun­dert spä­ter im Ge­spräch zu­sam­men. Ren­sen war laut ei­ge­nen Aus­sa­gen da­mals ei­ner der we­ni­gen Pa­pen­bur­ger, die sich ak­tiv ge­gen die Test­stre­cke ein­ge­setzt hat­ten. „Wir wa­ren nur ei­ne Hand­voll jun­ger Pa­pen­bur­ger, die das Hüt­ten­dorf über ei­nen län­ge­ren Zei­t­raum un­ter­stützt ha­ben“, be­rich­tet Ren­sen, der heu­te als Re­dak­teur für ver­schie­de­ne Ma­ga­zi­ne, un­ter an­de­rem in Sa­chen Kli­ma­schutz, in Dort­mund ar­bei­tet.

Ge­wohnt ha­be er in dem Hüt­ten­dorf nie, wie Ren­sen be­tont. Doch er ha­be in en­gem Kon­takt mit den Be­woh­nern ge­stan­den. Die hat­ten sich im Moor pro­vi­so­risch ein­ge­rich­tet. „Die Hüt­ten wa­ren ein­fach, die Win­ter ei­ne Her­aus­for­de­rung“, be­rich­tet der ehe­ma­li­ge Pa­pen­bur­ger. Doch die Ak­ti­vis­ten, von de­nen der Groß­teil nicht aus der Re­gi­on stamm­te, hät­ten den wid­ri­gen Um­stän­den ge­trotzt. „Wir hat­ten ein ge­mein­sa­mes Ziel: die Test­stre­cke zu ver­hin­dern“, so der Re­dak­teur.

Der Zu­sam­men­halt und die At­mo­sphä­re im Dorf sei­en gut ge­we­sen. Die Be­woh­ner

hat­ten sei­nen An­ga­ben zu­fol­ge ver­sucht, mit­hil­fe der selbst auf­ge­bau­ten Struk­tu­ren ein herr­schafts­frei­es Le­ben zu füh­ren. Des­halb der Na­me „Ana­to­pia“: Er setzt sich aus den Wör­tern An­ar­chie und Uto­pie zu­sam­men. Zu­dem sei­en sie äu­ßerst en­ga­giert ge­we­sen, wie Ren­sen er­zählt. Noch heu­te schwärmt er von den Auf­ent­hal­ten dort. „Un­ver­ges­sen blei­ben die lan­gen Näch­te am La­ger­feu­er un­ter ster­nen­kla­rem Him­mel und die herbst­li­chen Son­nen­auf­gän­ge im Ne­bel.“

Das Ver­hält­nis zwi­schen den Be­woh­nern und der Po­li­tik sei an­ge­spannt ge­we­sen, er­in­nert sich Gott­fried Sand­mann im Ge­spräch mit un­se­rer Re­dak­ti­on. Er war zum da­ma­li­gen Zeit­punkt für die Grü­nen Rats­herr im Pa­pen­bur­ger Stadt­rat. Die Grü­nen wa­ren da­mals erst­mals an ei­ner nie­der­säch­si­schen Lan­des­re­gie­rung be­tei­ligt und hät­ten die Test­stre­cke maß­geb­lich mit auf den Weg ge­bracht, be­rich­tet Sand­mann. Mög­lich sei das ge­we­sen, da das Moor kein Pri­vat-, son­dern Lan­des­be­sitz ge­we­sen sei. Zu­dem hät­ten die Grü­nen ih­rem Ko­ali­ti­ons­part­ner SPD nicht vor den Kopf sto­ßen wol­len, meint Sand­mann.

Trotz­dem sei­en die „Ana­to­pia“-Be­woh­ner auf die Grü­nen an­ge­wie­sen ge­we­sen, da sie an po­li­ti­schen Pro­zes­sen mit­ge­wirkt hat­ten. Zum da­ma­li­gen Zeit­punkt ha­be es in Papenburg au­ßer den Grü­nen nur die Bio­lo­gi­sche Schutz­ge­mein­schaft ge­ge­ben, die sich ak­tiv für die Um­welt ein­setz­ten.

Ren­sen be­zeich­net die Hilfs­be­reit­schaft der Pa­pen­bur­ger ge­gen­über den Ak­ti­vis­ten als ver­hal­ten. „Hil­fe gab es le­dig­lich von ei­ni­gen Grü­nen, Pas­tor Ger­rit Weusthof und teil­wei­se von der Uni­ver­si­tät Ol­den­burg.“

Die Pa­pen­bur­ger hät­ten da­mals we­nig In­ter­es­se für die Grü­nen und das Pro­test­la­ger ge­habt, be­stä­tigt auch Sand­mann. „Was die Test­stre­cke be­trifft, war die Be­völ­ke­rung gleich­gül­tig ge­stimmt“, so der frü­he­re Grü­nen-Rats­herr. Die Men­schen sei­en da­mals ziem­lich kon­ser­va­tiv ein­ge­stellt ge­we­sen, er­in­nert er sich. „Die Leu­te sa­hen nur die Ar­beits­plät­ze, die Mer­ce­des in Aus­sicht ge­stellt hat­te, die dann na­tür­lich nicht im er­hoff­ten Um­fang ka­men“, meint Ren­sen.

Bür­ger­meis­ter in Papenburg war da­mals Hein­rich Hö­vel­mann (CDU), heu­te Eh­ren­bür­ger­meis­ter der Fehn­stadt. Er ha­be die Test­stre­cke in­iti­iert und Mer­ce­des das Ge­län­de zum Kauf an­ge­bo­ten, be­rich­tet der 80-Jäh­ri­ge. Dass der Bau der Test­stre­cke der Na­tur un­nö­tig ge­scha­det ha­be, hält er für über­trie­ben. „Auf 80 Pro­zent der Flä­che wuchs kein grü­ner Halm“, sagt Hö­vel­mann heu­te. Mit den Be­woh­nern des Hüt­ten­dorfs ha­be er kei­nen di­rek­ten Kon­takt ge­habt. „Die konn­te man so­wie­so nicht be­keh­ren“, meint Hö­vel­mann. Heu­te wür­de er ge­nau­so han­deln. In ei­ner Sit­zung am 6. Ok­to­ber 1994 mit tu­mult­ar­ti­gem Ver­lauf hat­te der Stadt­rat letzt­lich den Bau der Test­stre­cke und die Räu­mung des Hüt­ten­dor­fes be­schlos­sen.

Fo­tos: Her­mann-Jo­sef Mam­mes (2)/ATP/Archiv

Vor 25 Jah­ren rück­ten Bag­ger an, um das Hüt­ten­dorf „Ana­to­pia“auf dem heu­ti­gen Ge­län­de der Test­stre­cke dem Erd­bo­den gleich­zu­ma­chen. Nach­dem der Stadt­rat be­schlos­sen hat­te, das Dorf räu­men zu las­sen, kam es in der Sit­zung zu tu­mult­ar­ti­gen Zu­stän­den. Ein Ak­ti­vist stahl da­bei die Rats­glo­cke (Bild rechts).

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