Trump ver­zich­tet auf Ge­gen­schlag

Nach Ra­ke­ten­at­ta­cke: Neue US-Sank­tio­nen ge­gen Iran / Mehr als 170 To­te bei Ab­sturz

Meppener Tagespost - - VORDERSEIT­E - Von Tho­mas Sei­bert

Nach dem ira­ni­schen Ver­gel­tungs­an­griff auf die US-Trup­pen im Irak hat US-Prä­si­dent Do­nald Trump wei­te­re Wirt­schafts­sank­tio­nen ge­gen den Iran an­ge­kün­digt – aber kei­ne un­mit­tel­ba­ren mi­li­tä­ri­schen Schrit­te. Die USA wür­den die ira­ni­schen Ag­gres­sio­nen nicht un­be­ant­wor­tet las­sen, er­klär­te Trump ges­tern im Wei­ßen Haus. Zugleich sag­te er, die USA woll­ten ih­re mi­li­tä­ri­sche Stär­ke nicht an­wen­den. Die Ver­ei­nig­ten Staa­ten sei­en be­reit zum Frie­den mit al­len, die dies woll­ten.

Der Iran schei­ne sich in dem es­ka­lie­ren­den Kon­flikt zu­rück­zu­neh­men, „was ei­ne gu­te Sa­che für al­le Be­tei­lig­ten und ei­ne sehr gu­te Sa­che für die Welt ist“, sag­te Trump in sei­ner mit Span­nung er­war­te­ten An­spra­che an die Na­ti­on. Bei den Ra­ke­ten­an­grif­fen in der Nacht auf Mitt­woch sei kein US-Sol­dat zu Scha­den ge­kom­men, an den bei­den be­schos­se­nen Mi­li­tär­stütz­punk­ten sei nur „mi­ni­ma­ler Scha­den“ent­stan­den. Auch Ira­ker sei­en nicht ge­tö­tet wor­den, so Trump.

Der Iran hat­te Ra­ke­ten auf die vom US-Mi­li­tär ge­nutz­ten Stütz­punk­te Ain al-As­sad und Er­bil ab­ge­schos­sen. In

Er­bil sind auch knapp 120 Bun­des­wehr­sol­da­ten sta­tio­niert. Sie ka­men nicht zu Scha­den. Die Re­gie­rung in Te­he­ran nann­te die An­grif­fe ei­nen „Akt der Selbst­ver­tei­di­gung“nach der Tö­tung des ira­ni­schen Ge­ne­rals Kas­sem So­lei­ma­ni durch ei­nen USLuft­schlag. Prä­si­dent Has­san Ru­ha­ni er­klär­te: „Falls die Ame­ri­ka­ner wei­te­re An­grif­fe

und Ver­bre­chen ge­gen den Iran pla­nen soll­ten, wer­den wir ei­ne Ant­wort ge­ben, die noch här­ter ist als der heu­ti­ge An­griff.“

Die nächt­li­che Ra­che­ak­ti­on kam mit Vor­war­nung. Die ira­ki­sche Re­gie­rung wur­de nach ei­ge­nen An­ga­ben kurz vor dem An­griff aus Te­he­ran über den Mi­li­tär­schlag in­for­miert. Auch die im Irak sta­tio­nier­ten US-Sol­da­ten wa­ren Me­di­en zu­fol­ge ge­warnt wor­den. Dank ei­nes früh­zei­ti­gen Alarms hät­ten die­je­ni­gen im Ge­fah­ren­be­reich Zeit ge­habt, sich in Bun­kern in Si­cher­heit zu brin­gen.

Es war ei­ne neue Es­ka­la­ti­on in dem seit Jah­ren dau­ern­den po­li­ti­schen Kon­flikt. Trump hat­te 2018 das in­ter­na­tio­na­le Atom­ab­kom­men mit dem Iran ein­sei­tig auf­ge­kün­digt, weil es aus sei­ner Sicht nicht weit ge­nug geht. Die USA ver­su­chen seit­dem, Te­he­ran mit ei­ner „Kam­pa­gne ma­xi­ma­len Drucks“in die Knie zwin­gen, und ha­ben mas­si­ve Wirt­schafts­sank­tio­nen ver­hängt. Dies soll nun wei­ter­ge­hen.

Trump rief die ver­blie­be­nen Staa­ten auf, sich nun auch aus dem Atom­ab­kom­men mit dem Iran zu­rück­zu­zie­hen. „Die Zeit für Groß­bri­tan­ni­en, Deutsch­land, Frank­reich, Russ­land und Chi­na ist ge­kom­men, die Rea­li­tät an­zu­er­ken­nen“, so Trump. Nö­tig sei statt­des­sen ein neu­es Ab­kom­men, das aus der Welt „ei­nen si­che­re­ren und fried­li­che­ren Ort“ma­che.

Un­ter­des­sen herrscht wei­ter Rät­sel­ra­ten über die Ur­sa­che ei­nes Flug­zeug­un­glücks, bei dem in der Nacht zu Mitt­woch mehr als 170 Men­schen star­ben. Ei­ne ukrai­ni­sche Ma­schi­ne war kurz nach dem Start un­weit der ira­ni­schen Haupt­stadt Te­he­ran ab­ge­stürzt. Ob ein Zu­sam­men­hang mit der mi­li­tä­ri­schen Es­ka­la­ti­on des Kon­flikts am Per­si­schen Golf be­steht, war un­klar. Deut­sche wa­ren nach ers­ten Er­kennt­nis­sen nicht an Bord.

Als die ira­ni­schen Ra­ke­ten in zwei Mi­li­tär­stütz­punk­ten des Nach­barn Irak ein­schlu­gen, wa­ren in Te­he­ran nicht nur die Mi­li­tär­pla­ner hell­wach, son­dern auch die Di­plo­ma­ten. Auf der Luft­waf­fen­ba­sis Al-As­sad west­lich von Bag­dad und ei­nem Stütz­punkt in Er­bil im Nord­irak gin­gen in der Nacht zum Mitt­woch ins­ge­samt 15 Ge­schos­se nie­der – ein Ver­gel­tungs­schlag ge­gen die dort sta­tio­nier­ten UST­rup­pen nach der Er­mor­dung des ira­ni­schen Ge­ne­rals Kas­sem So­lei­ma­ni in der ver­gan­ge­nen Wo­che.

Kurz nach dem Be­schuss mel­de­te sich der ira­ni­sche Au­ßen­mi­nis­ter Mo­ham­med Dscha­wad Sa­rif zu Wort: Der Iran und die USA sei­en jetzt quitt, lau­te­te sei­ne Bot­schaft. Die „an­ge­mes­se­nen Maß­nah­men zur Selbst­ver­tei­di­gung“sei­en ab­ge­schlos­sen, sein Land wer­de von sich aus nichts wei­ter un­ter­neh­men, um So­lei­ma­nis Tod zu süh­nen. Der Iran su­che „we­der Es­ka­la­ti­on noch Krieg, aber wir ver­tei­di­gen uns ge­gen je­de aus­län­di­sche Ag­gres­si­on“, twit­ter­te Sa­rif.

Das hieß im Kl­ar­text: Te­he­ran woll­te mit ei­ner spek­ta­ku­lä­ren Ak­ti­on ge­gen die USA das Ge­sicht wah­ren, oh­ne ei­nen Krieg mit der Su­per­macht zu ris­kie­ren. Nach ers­ten An­ga­ben der US-Re­gie­rung wur­den kei­ne ame­ri­ka­ni­schen Sol­da­ten ge­tö­tet oder ver­letzt. Die US-Mi­li­tärs be­ob­ach­ten ira­ni­sche Ab­schuss­ram­pen per Sa­tel­lit und konn­ten ih­re Trup­pen recht­zei­tig in Schutz­räu­me schi­cken. Auch ira­ki­sche Sol­da­ten auf den Stütz­punk­ten ka­men nach An­ga­ben aus Bag­dad nicht zu Scha­den; die ira­ki­sche Re­gie­rung war von Te­he­ran kurz vor den An­grif­fen in­for­miert wor­den.

Start nach Trau­er­fei­ern

Oh­ne­hin wuss­te die Be­sat­zung der Luft­waf­fen­ba­sen seit Ta­gen, was auf sie zu­kommt. Am 3. Ja­nu­ar war von Al-As­sad aus die USDroh­ne auf­ge­stie­gen, de­ren Ge­schos­se dann am Flug­ha­fen von Bag­dad so­wohl Ge­ne­ral So­lei­ma­ni als auch den ira­ki­schen Mi­li­zen­chef Abu Mah­di al-Mu­han­dis tö­te­ten. Der Iran star­te­te sei­ne bal­lis­ti­schen Ra­ke­ten nach dem Ab­schluss der ta­ge­lan­gen Trau­er­fei­er­lich­kei­ten für So­lei­ma­ni, der ges­tern in sei­nem Ge­burts­ort Ker­man im Süd­os­ten des Lan­des bei­ge­setzt wur­de.

Ra­ke­ten sind die Haupt­waf­fen der Ira­ner, die we­gen der west­li­chen Sank­tio­nen kei­ne mo­der­ne Luft­waf­fe be­sit­zen. Te­he­ran ver­fügt über meh­re­re Hun­dert Kurz- und Mit­tel­stre­cken­ge­schos­se, die ame­ri­ka­ni­sche Stütz­punk­te über­all im Na­hen Os­ten und auch die ame­ri­ka­ni­schen Part­ner Is­ra­el und Sau­di-Ara­bi­en tref­fen kön­nen. Mit den An­grif­fen in der Nacht sei der Iran an der un­te­ren Schwel­le sei­ner Mög­lich­kei­ten ge­blie­ben, sag­te ein Be­ra­ter von Re­vo­lu­ti­ons­füh­rer Aja­tol­lah Ali Kha­men­ei laut staat­li­chem Fern­se­hen. Hun­dert wei­te­re Zie­le für ira­ni­sche An­grif­fe sei­en vor­sorg­lich aus­ge­wählt wor­den.

An­ders als sein Au­ßen­mi­nis­ter Sa­rif kehr­te Kha­men­ei ges­tern den Hard­li­ner her­aus. Der Re­vo­lu­ti­ons­füh­rer stell­te die Ra­ke­ten­an­grif­fe als De­mü­ti­gung für die Ame­ri­ka­ner hin. Die USA hät­ten ei­nen „Schlag ins Ge­sicht“er­hal­ten, sag­te er. Um die Ame­ri­ka­ner aus dem Na­hen Os­ten zu ver­trei­ben, rei­che ei­ne ein­zel­ne Mi­li­tär­ak­ti­on aber nicht aus. Das Fern­se­hen mel­de­te, 80 „ame­ri­ka­ni­sche Ter­ro­ris­ten“sei­en ums Le­ben ge­kom­men, zu­dem hät­ten die ira­ni­schen Ra­ke­ten mo­der­nes USK­riegs­ge­rät

wie Hub­schrau­ber au­ßer Ge­fecht ge­setzt. Der Be­richt war of­fen­bar vor al­lem als Pro­pa­gan­da­mel­dung für das hei­mi­sche Pu­bli­kum ge­dacht, denn es gab kei­ne Hin­wei­se, dass die USA tat­säch­lich so schwe­re Ver­lus­te er­lit­ten ha­ben.

Sym­bo­li­scher Akt

Ex­per­ten wer­ten die Vor­ge­hens­wei­se der Ira­ner als Ver­such der Dee­s­ka­la­ti­on. Die Ra­ke­ten­an­grif­fe wa­ren dem­nach vor al­lem als sym­bo­li­sche Ver­gel­tung ge­dacht und we­ni­ger als Ver­such, Scha­den an­zu­rich­ten. Te­he­ran bie­te US-Prä­si­dent Do­nald Trump ge­wis­ser­ma­ßen ei­ne „Au­to­bahn­aus­fahrt“an, um den Kon­flikt zu ent­schär­fen, kom­men­tier­te To­bi­as Schnei­der von der Denk­fa­brik GPPI in Ber­lin.

Mög­li­cher­wei­se nimmt Trump die Aus­fahrt. Ein so­for­ti­ger Ge­gen­schlag der USA – der US-Prä­si­dent hat­te dem Iran in den ver­gan­ge­nen Ta­gen mit un­mit­tel­ba­ren und ver­nich­ten­den An­grif­fen ge­droht – blieb aus. In ei­ner ers­ten Ana­ly­se kam die US-Re­gie­rung of­fen­bar zu dem

Schluss, dass der ira­ni­sche Be­schuss glimpf­lich aus­ging. „Al­les ist gut“, twit­ter­te Trump in der Nacht.

Doch selbst wenn Ira­ner und Ame­ri­ka­ner die Spi­ra­le von Ge­walt und Ge­gen­ge­walt zu­nächst an­hal­ten kön­nen, könn­te dies nur ei­ne Atem­pau­se sein. Ih­ren Kon­flikt hät­ten sie da­mit noch längst nicht bei­ge­legt. Trump will den Iran mit Wirt­schafts­sank­tio­nen zu Zu­ge­ständ­nis­sen in der Atom­fra­ge und zu ei­nem En­de der ag­gres­si­ven Po­li­tik im Na­hen Os­ten zwin­gen. Da­ge­gen strebt der Iran den Ab­zug der USA aus der Re­gi­on an und nimmt die sun­ni­ti­sche Füh­rungs­macht Sau­di-Ara­bi­en so­wie Is­ra­el ins Vi­sier.

Ge­ne­ral Is­ma­el Qaa­ni, Nach­fol­ger von So­lei­ma­ni als Chef der Aus­lands­trup­pen der ira­ni­schen Re­vo­lu­ti­ons­gar­den, dürf­te auch wei­ter­hin auf Ver­bün­de­te wie die His­bol­lah im Li­ba­non, die Hut­his im Je­men oder schii­ti­sche Mi­li­zen im Irak set­zen, um die­se Zie­le zu er­rei­chen. Ex­per­te Schnei­der pro­phe­zeit dar­um ver­stärk­te Ak­ti­vi­tä­ten der Re­vo­lu­ti­ons­gar­den.

Fo­to: ima­go images/Xinhua/Ah­mad Ha­la­bi­saz

Kei­ne Hoff­nung auf Über­le­ben­de: Nach dem Ab­sturz des ukrai­ni­schen Flug­zeugs na­he Te­he­ran kam je­de Hil­fe zu spät.

Fo­to: AFP/Han­dout/Iran Press

15 ira­ni­sche Ra­ke­ten schlu­gen auf den Luft­waf­fen-Stütz­punk­ten im Irak ein – die­ses Bild soll ei­ne von ih­nen beim Start zei­gen.

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