Der Ti­tan am Pfos­ten

Se­rie, Teil 8: Als Oli­ver Kahn der WM-Ti­tel aus den Hän­den glitt

Meppener Tagespost - - SPORT - Von Mal­te Golt­sche

Es sind Bil­der, die ver­knüpft sind mit ei­nem gro­ßen Sport­er­eig­nis. Ein­ge­fro­re­ne Mo­men­te, die für Mil­lio­nen von Men­schen ei­nen Tri­umph, ein Ge­fühl, ein Stück Sport­ge­schich­te für im­mer ab­ruf­bar ma­chen – auf ei­nen Blick: „Sport­fo­tos für die Ewig­keit“. So hat die Re­dak­ti­ons-Ko­ope­ra­ti­on G14p­lus ih­re Win­terse­rie ge­nannt, in der Re­por­ter von 13 Zei­tun­gen ih­re Ge­schich­ten die­ser Bil­der er­zäh­len. Heu­te: Oli­ver Kahn und der Pfos­ten von Yo­ko­ha­ma.

Es ist Zeit zum Mit­tag­es­sen in Deutsch­land, als Pier­lu­i­gi Col­li­na im ja­pa­ni­schen Yo­ko­ha­ma in sei­ne Pfei­fe bläst. Der ita­lie­ni­sche Schieds­rich­ter mit der mar­kan­ten Glat­ze gibt das Fuß­ball-WM-Fi­na­le 2002 zwi­schen Deutsch­land und

Bra­si­li­en frei. We­ni­ger als zwei St­un­den spä­ter gibt es ei­nen tra­gi­schen Hel­den – und ein Fo­to, das um die Welt geht.

Die deut­sche Na­tio­nal­mann­schaft, im­mer­hin drei­fa­cher Welt­meis­ter, reist zur ers­ten Welt­meis­ter­schaft auf asia­ti­schem Bo­den als Au­ßen­sei­ter. Nach dem ka­ta­stro­pha­len Vor­run­den-Aus bei der Eu­ro­pa­meis­ter­schaft 2000 und dem Rück­tritt Erich Rib­becks als Bun­des­trai­ner trau­en die Ex­per­ten der Mann­schaft nicht viel zu. Sie muss sich so­gar durch die Re­le­ga­ti­on ge­gen die Ukrai­ne kämp­fen, um nach Ja­pan und Süd­ko­rea zu flie­gen.

Doch dort über­rascht die Elf von Te­am­chef Ru­di Völ­ler: Der Grup­pen­sieg ist un­ge­fähr­det, Mi­ros­lav Klo­se köpft sich in die Her­zen, und An­füh­rer Micha­el Bal­lack re­giert im Mit­tel­feld. Dass sich die Deut­schen nicht ins Fi­na­le zau­bern, zei­gen die Er­geb­nis­se in den K.-o.-Spie­len. Drei­mal lau­tet das Er­geb­nis 1:0, zwei­mal schießt Bal­lack das Tor. Doch er fehlt im Fi­na­le gelb­ge­sperrt, und so muss Deutsch­land im End­spiel oh­ne sei­nen bes­ten Feld­spie­ler ge­gen die Welt­klas­se von Ronaldo, Ro­nald­in­ho und Ro­ber­to Car­los aus­kom­men. Aber Deutsch­land hat Oli­ver Kahn.

Der Ka­pi­tän und da­ma­li­ge Welt­tor­hü­ter kas­siert bis da­hin im Tur­nier nur ein Ge­gen­tor und ist der gro­ße Rück­halt der Mann­schaft. Dass er ei­nen Feh­ler macht, scheint un­denk­bar. Doch dann die 67. Mi­nu­te: Ri­val­do schießt, Kahn lässt den Ball nach vor­ne pral­len, Ronaldo staubt ab – 1:0. Deutsch­land er­holt sich nicht, Ronaldo er­zielt das 2:0, und der Traum vom WM-Ti­tel ist aus­ge­träumt. Kahn, der die Mann­schaft zu­vor so oft im Tur­nier ge­hal­ten hat­te, kos­tet sie jetzt den Ti­tel.

Nach dem Ab­pfiff kau­ert er sich an den Tor­pfos­ten. Aus­ge­zehrt vom lan­gen Tur­nier, ent­täuscht von sich selbst, al­lein. 60 Me­ter ent­fernt drückt Oli­ver Berg auf den Aus­lö­ser. Der Fo­to­graf der Deut­schen Presse-Agen­tur be­glei­tet die Na­tio­nal­mann­schaft seit 1990, es ist sein ers­tes WM-Fi­na­le. „Die Ner­vo­si­tät war re­la­tiv groß, es ist na­tür­lich auch ei­ne gro­ße Kon­kur­renz.“60 Fo­to­gra­fen, schätzt er, kämp­fen um das bes­te Bild.

Berg sitzt an der Sei­ten­li­nie, wäh­rend die Bra­si­lia­ner fei­ern und der „Ti­tan“trau­ert. Er schaut zum Tor, sieht „die be­son­de­re Fi­gur des Spiels“, wie er sagt, und er­kennt den Mo­ment. „Man braucht auch im­mer ein biss­chen Glück, dass kei­ner die Sicht ver­deckt“, sagt er. Das Glück hat er und fängt ihn ein, den Mo­ment, in dem al­les vor­bei ist. Kahn blickt in die Wei­te des Sta­di­ons und denkt: „Wie be­schis­sen ist die­ses Tor­wart­spiel?“Das hat er zu­min­dest mal in ei­ner spä­te­ren TV-Do­ku­men­ta­ti­on zu die­sem Augenblick ge­sagt.

Fo­to­graf Berg ahnt zu die­sem Zeit­punkt schon, dass sein Bild et­was Be­son­de­res sein könn­te. „Man ist aber dann erst mal mit an­de­ren Din­gen be­schäf­tigt, es ist ja auch noch die Sie­ger­eh­rung und so wei­ter. Die Re­ak­tio­nen be­kommt man erst am nächs­ten Tag mit“, sagt er. Denn dann ist sein Fo­to um die Welt ge­gan­gen. Kahn am Pfos­ten, das ist das Bild des WM-Fi­na­les – und ei­nes für die Ewig­keit.

Bro­se Bam­berg - Roy­al Ha­li Ga­zi­an­tep 86:81.

Eu­ro­cup, Zwi­schen­run­de, Grup­pe F, 1. Spiel­tag: EWE Bas­kets Ol­den­burg Rey­er Ve­ne­zia 98:87.

Eu­ro­pe Cup, Män­ner, Zwi­schen­run­de, Grup­pe I, 3. Spiel­tag: Spi­rou Char­le­roi - me­di Bay­reuth 90:97.

Fo­to: dpa/Oli­ver Berg, co­lour­box.de

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