Mus­li­mi­sche Geist­li­che ma­de in Ger­ma­ny

Im Ei­fe­lört­chen Dahlem star­tet der Di­tib-Ver­band die Aus­bil­dung von Ima­men / Bür­ger re­agie­ren skep­tisch

Meppener Tagespost - - EINBLICKE - Von Ste­fa­nie Wit­te

Mus­li­me in Dahlem? Der 4000-Ein­woh­nerOrt an der deutsch-bel­gi­schen Gren­ze ist bis­lang in ers­ter Li­nie als Wan­der­pa­ra­dies be­kannt. Hier gibt es sechs ka­tho­li­sche Kir­chen, in den Wohn­zim­mern der Men­schen hän­gen Holz­kreu­ze. Die Mut­ter von An­selm Grün, dem er­folg­reichs­ten ka­tho­li­schen Schrift­stel­ler in Deutsch­land, ist hier im deutsch-bel­gi­schen Grenz­ge­biet ge­bo­ren.

Vor zwei Jah­ren je­doch hat ei­ne Toch­ter­or­ga­ni­sa­ti­on des Di­tib-Bun­des­ver­ban­des die al­te Ju­gend­her­ber­ge im Ort ge­kauft. In der Lo­kal­pres­se liest man, in dem Ge­bäu­de sei in der Ver­gan­gen­heit mal ein „Sa­do-Ma­so-Club“ge­we­sen, „in dem auch zu schwar­zen Mes­sen ein­ge­la­den wur­de“. Im Ort heißt es mit Blick auf die neu­en Ei­gen­tü­mer: „Wär’s mal bes­ser der Puff ge­blie­ben.“Im­mer­hin mit dem Nach­satz: „Aber man muss ja of­fen blei­ben.“

Von all dem be­kom­men die Gäs­te, dar­un­ter vie­le jun­ge Frau­en mit Kopf­tuch, die in schwar­zen Li­mou­si­nen aus Berlin, Köln und an­de­ren Me­tro­po­len an­rei­sen, ges­tern früh nichts mit. Sie läu­ten statt­des­sen ei­ne neue Run­de in den Be­zie­hun­gen zwi­schen der größ­ten mus­li­mi­schen Ver­ei­ni­gung in Deutsch­land und dem deut­schen Staat ein.

Es ist un­ge­wöhn­lich, dass Di­tib der­art of­fen zum Blick hin­ter die Ku­lis­sen ein­lädt. Nor­ma­ler­wei­se gibt sich der Bun­des­ver­band be­deckt. Heu­te darf ein Pres­se-Tross über den fri­schen Estrich im Kel­ler lau­fen. Wo spä­ter ein­mal Frei­zeit­räu­me sein sol­len, hän­gen noch die Ka­bel aus der De­cke.

Im Erd­ge­schoss steht theo­lo­gi­sche Fach­li­te­ra­tur in Re­ga­len. An den Wän­den hän­gen Kor­an­zi­ta­te. 56 Bet­ten ste­hen auf die­ser Eta­ge und im ers­ten Stock. Die Zim­mer sind 15 bis 18 Qua­drat­me­ter groß. Für die nächs­ten acht Wo­chen sind sie das Zu­hau­se von 22 jun­gen Män­nern und Frau­en, die sich zu Re­li­gi­ons­be­auf­trag­ten aus­bil­den las­sen. In der Pra­xis un­ter­schei­det sich die zwei­jäh­ri­ge „Di­tib-Aka­de­mie“for­mal kaum von ei­ner christ­li­chen Pries­ter­aus­bil­dung. Die Teil­neh­mer ha­ben ein Stu­di­um ab­sol­viert, ler­nen dann in Dahlem die prak­ti­sche Re­li­gi­ons­ver­mitt­lung. Seel­sor­ge, Kor­a­n­aus­le­gung und Ge­mein­de­ar­beit ste­hen auf dem St­un­den­plan – ins­ge­samt 18 Wo­chen in zwei Jah­ren vor Ort. Kom­bi­niert wird das mit Ge­mein­de­prak­ti­ka und Stu­di­um zu Hau­se.

Zwölf Frau­en und zehn Män­ner ha­ben ges­tern ih­re Aus­bil­dung be­gon­nen. Die Män­ner könn­ten spä­ter –

wenn sie von ei­ner Ge­mein­de ak­zep­tiert wer­den – auch als Imam ar­bei­ten. Fi­nan­ziert wer­de das Pro­jekt vor al­lem aus Spen­den­gel­dern, in­for­miert Di­tib. Wenn hier kei­ne Aus­bil­dung statt­fin­det, wird das Ge­bäu­de als Ju­gend­her­ber­ge ge­nutzt – al­ler­dings in ers­ter Li­nie von Ju­gend­li­chen aus den ei­ge­nen Ge­mein­den.

Zur Er­öff­nung sprach der Di­tib-Bun­des­vor­sit­zen­de Ka­zim Türk­men von ei­ner „his­to­ri­schen

Ent­wick­lung“. Er er­klär­te: „Neue Zei­ten er­for­dern neue Lö­sun­gen für neue Be­dürf­nis­se.“Man könn­te auch sa­gen: In die Mo­sche­en kommt mitt­ler­wei­le schon die drit­te oder so­gar vier­te Ge­ne­ra­ti­on von Deut­schen mit tür­ki­schen Wur­zeln. Und für die passt ein Imam aus der Tür­kei, der das Land nach fünf Jah­ren wie­der ver­lässt, nicht mehr.

Ein­ge­la­den war auch ein Ver­tre­ter aus Horst See­ho­fers (CSU) In­nen­mi­nis­te­ri­um. Es kam Staats­se­kre­tär Mar­kus Ker­ber. Das könn­te ei­nen Wen­de­punkt in den an­ge­spann­ten Be­zie­hun­gen zwi­schen Di­tib und Bun­des­re­gie­rung mar­kie­ren. Der Staats­se­kre­tär lob­te das Pro­jekt, sprach von ei­nem „Pro­zess der Be­hei­ma­tung“der Mus­li­me in Deutsch­land. Hier wer­de „ei­ne Al­ter­na­ti­ve zu Ima­men aus der Tür­kei ge­schaf­fen“. Die­ses Sys­tem sei nach 30 Jah­ren „nicht mehr ganz zeit­ge­mäß“. Aus Sicht der Bun­des­re­gie­rung kön­ne das je­doch nur der ers­te Schritt sein. Es ge­he auch dar­um, wer das Per­so­nal künf­tig fi­nan­zie­re – die Tür­kei oder die Ge­mein­den in Deutsch­land.

Mit Blick auf Spio­na­ge­vor­wür­fe ge­gen Di­tib-Ima­me und um­strit­te­ne Ver­an­stal­tun­gen in der Zen­tra­le in Köln schlug Ker­ber kri­ti­sche Tö­ne an: „Über Jah­re auf­ge­bau­tes Ver­trau­en ist ver­spielt wor­den.“Es wer­de nicht nur Zeit, son­dern auch kon­kre­te Schrit­te brau­chen, um das Ver­trau­en wie­der auf­zu­bau­en. Nö­tig sei zu­dem ei­ne grö­ße­re Au­to­no­mie, al­so mehr Un­ab­hän­gig­keit von der Tür­kei.

Ker­ber ging auch auf das ge­plan­te Imam­kol­leg in Os­na­brück ein. Das ha­be die „ide­el­le Un­ter­stüt­zung“des In­nen­mi­nis­te­ri­ums. Es sei aber kein Ge­gen­ent­wurf zu den Di­tib-Plä­nen,

son­dern ei­ne Er­gän­zung.

Von all dem be­kom­men die Dah­le­mer an die­sem Tag nichts mit. Nicht ein­mal Dah­lems ers­ter Bür­ger ist da. Er sei nicht ein­ge­la­den wor­den, sagt Jan Lem­bach, CDU-Bür­ger­meis­ter und ge­bür­ti­ger Ib­ben­bü­re­ner. „Das hat mich schon et­was ver­wun­dert. Aber wir sind je­der­zeit zum Aus­tausch be­reit“, fügt Lem­bach hin­zu. Er glaubt: „Das The­ma er­regt Auf­merk­sam­keit – vor al­lem hier auf dem Land. Aber wir er­war­ten kei­ne Pro­ble­me. Wir sind da un­vor­ein­ge­nom­men.“

Bleibt das Di­tib-Zen­trum in der Ei­fel ei­ne Par­al­lel­ge­sell­schaft, oder wird es Teil des Le­bens im Ort? Gür­can Mert, der bei Di­tib für die Ju­gend­her­ber­ge zu­stän­dig ist, kann sich je­den­falls gut ei­nen Tag der of­fe­nen Tür vor­stel­len – wenn der Estrich tro­cken ist.

Fo­to: Ste­fa­nie Wit­te

Kor­a­n­aus­le­gung und Seel­sor­ge ste­hen un­ter an­de­rem auf dem Lehr­plan der ImamAus­bil­dung.

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