Wir le­ben in der Kul­tur des Ab­schrei­bens

Meppener Tagespost - - KULTUR -

Ist das noch Sam­pling oder nicht längst schon Ide­en­klau? Un­ser Au­tor Ste­fan Lüd­de­mann hält nichts von Künst­lern, die ab­kup­fern, aber kei­ne ei­ge­nen Ein­fäl­le ha­ben.

Mit dem Mo­de­wort Sam­pling re­den sich vie­le Künst­ler raus. Was sie als ei­ge­nes Werk aus­ge­ben, ist all­zu oft aber nur ein Mix aus schon be­kann­tem Ma­te­ri­al. Die­se Mo­de nimmt über­hand. Und sie nervt, weil sie ent­wer­tet, was Kunst al­ler Spar­ten im Kern aus­ma­chen soll­te: Idee und Krea­ti­vi­tät.

Wirk­lich krea­tiv ist aber nur das Neue. Kunst lebt von In­no­va­ti­on und Über­ra­schung. Nur dann bringt sie die Men­schen, ja die gan­ze Ge­sell­schaft vor­an. Mit ih­ren un­er­war­te­ten Lö­sun­gen ver­än­dert sie Blick­wei­sen, rührt an Ta­bus, über­win­det Denk­ver­bo­te. Kunst setzt den Dis­kurs wie­der in Gang, wenn der ein­ge­ros­te­te Kon­sens lähmt.

Aber wie soll Kunst das leis­ten, wenn sie aus Wie­der­ho­lun­gen be­steht? Si­cher, Künst­le­rin­nen und Künst­ler ha­ben im­mer auf­ein­an­der re­agiert, sich von Wer­ken an­de­rer an­re­gen las­sen. Die Fra­ge lau­tet aber: Was ma­chen sie dar­aus? Und wo ver­läuft die Gren­ze zwi­schen be­le­ben­der In­spi­ra­ti­on und blo­ßer Über­nah­me? Wer auf die Frei­heit des Sam­plens ver­weist, macht es sich zu ein­fach, weil er der Fra­ge nach dem Kern künst­le­ri­scher Qua­li­tät aus­weicht.

Ge­nau das reißt aber mehr und mehr ein. Ob Ro­ma­ne, Mu­sik­stü­cke oder Dok­tor­ar­bei­ten – bis­wei­len hat es den An­schein, als leb­ten wir in ei­ner Kul­tur des Ab­schrei­bens. Die blo­ße Über­nah­me galt ein­mal als un­trüg­li­ches In­diz des Un­ver­mö­gens. In der Ära des Co­py and Pas­te gilt es aber als nor­mal, ja ge­ra­de­zu schick, sich an den Ide­en der an­de­ren zu be­die­nen.

Die­se Mo­de ka­schiert Be­quem­lich­keit. Da­ge­gen hilft nur Kri­tik. Wer kri­ti­siert, un­ter­schei­det ge­lun­ge­ne Kunst von der we­ni­ger ge­lun­ge­nen. Gu­te Kunst er­ken­nen wir dar­an, dass sie ori­gi­nell kon­zi­piert und per­fekt ge­macht ist. Der blo­ße Re­mix kann nur gut ge­macht sein. Das reicht aber ein­fach nicht, wenn es um gu­te Kunst geht.

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