Sor­ge um Bio zum Ram­sch­preis

Joa­chim Ruk­wied

Meppener Tagespost - - VORDERSEIT­E - Von Dirk Fis­ser

Bau­ern­prä­si­dent Joa­chim Ruk­wied kri­ti­siert Wer­be­kam­pa­gnen mit Schnäpp­chen­prei­sen für Bi­oLe­bens­mit­tel. „Die Preis­ge­stal­tung bei Bio-Pro­duk­ten, bei­spiels­wei­se Ak­ti­ons­an­ge­bo­te, be­ob­ach­te ich mit gro­ßer Sor­ge“, sag­te Ruk­wied un­se­rer Re­dak­ti­on. Bio-Pro­duk­te sei­en in der Her­stel­lung teu­rer als kon­ven­tio­nel­le. Die Bi­o­bau­ern brau­chen da­her ei­nen hö­he­ren Preis, sonst funk­tio­niert das nicht. Er se­he die Ge­fahr, dass die Land­wir­te un­ter Preis­druck ge­ra­ten könn­ten.

Be­weg­te Zei­ten in der Land­wirt­schaft: Im In­ter­view äu­ßert sich Bau­ern­prä­si­dent Joa­chim Ruk­wied zu Bau­ern­pro­tes­ten, Ni­trat im Grund­was­ser und der man­geln­den Wert­schät­zung für Le­bens­mit­tel.

Herr Ruk­wied, Deutsch­lands Land­wir­te sind in Auf­ruhr. Die Mas­sen­pro­tes­te ge­gen die Po­li­tik wer­den sich fort­set­zen. Or­ga­ni­siert wird das al­les von ei­ner Gras­wur­zel­be­we­gung na­mens „Land schafft Ver­bin­dung“im In­ter­net. Sind Sie als Bau­ern­prä­si­dent noch Stim­me der deut­schen Bau­ern?

Na­tür­lich sind der Bau­ern­ver­band und der Bau­ern­prä­si­dent noch die Stim­me der Bau­ern! Vie­le der de­mons­trie­ren­den Land­wir­te sind Mit­glie­der im Bau­ern­ver­band. Wir ha­ben auf viel­fäl­ti­ge Wei­se die Ak­tio­nen un­ter­stützt. Es gibt ei­nen gu­ten Kon­takt zu der Be­we­gung.

Die Kanz­le­rin hat Ih­nen und der Be­we­gung auf­ge­tra­gen, sich zu­sam­men­zu­set­zen und ei­ne Art Zu­kunfts­kom­mis­si­on zu ent­wer­fen. Klappt das?

Wir ha­ben vie­le ge­mein­sa­me Zie­le und ei­nen Vor­schlag er­ar­bei­tet. Die­sen wer­den wir in den nächs­ten Ta­gen an das Kanz­ler­amt über­mit­teln. Im Ge­gen­satz zur Koh­le­kom­mis­si­on geht es nicht um den Aus­stieg, son­dern um die Zu­kunft. Wir wol­len ei­ne Kom­mis­si­on, die Ide­en ent­wi­ckelt, wie die Land­wirt­schaft zu­künf­tig in Deutsch­land aus­sieht. Denn die Bau­ern brau­chen vor al­lem eins: Per­spek­ti­ve.

Füh­ren­de Köp­fe der Bau­ern­be­we­gung wäh­len gera­de in so­zia­len Netz­wer­ken har­sche Tö­ne.

Wir ver­fol­gen na­tür­lich, was da in den so­zia­len Netz­wer­ken los ist. Als Deut­scher Bau­ern­ver­band leh­nen wir Ra­di­ka­li­tät ab. Wir sind klar in der An­spra­che, aber im­mer sach­lich. Wer po­li­tisch ernst ge­nom­men wer­den will, muss auf der Sa­ch­ebe­ne blei­ben. Ich er­war­te aber auch, dass die Po­li­tik die Si­gna­le ernst nimmt, die die Pro­tes­te ge­sen­det ha­ben.

Nun hat die Pro­test­be­we­gung ers­te klei­ne Er­fol­ge vor­zu­wei­sen: Bay­erns Mi­nis­ter­prä­si­dent Mar­kus Sö­der will das Ni­trat­mess­netz über­prü­fen las­sen. Vie­le Land­wir­te sa­gen, bei der Er­he­bung der Ni­trat­Wer­te im Grund­was­ser wird ge­pfuscht.

Ge­nau das for­dert der Bau­ern­ver­band seit ei­nem Jahr. Je ge­nau­er man sich das al­les an­schaut, des­to mehr Un­ge­reimt­hei­ten fal­len auf. Die Über­prü­fung des Mess­net­zes muss jetzt zü­gig er­fol­gen, nicht nur in Bay­ern, son­dern bun­des­weit. Au­ßer­dem for­dern wir die Mög­lich­keit ei­ner be­darfs­ge­rech­ten Er­näh­rung der Pflan­zen und die An­dün­gung von Zwi­schen­früch­ten.

Noch ist gar nicht klar, ob der EU-Kom­mis­si­on die Nach­bes­se­run­gen am Dün­ge­recht rei­chen. Mög­li­cher­wei­se wer­den doch Straf­zah­lun­gen fäl­lig…

Die Kom­mis­si­on soll­te hier nicht über­zie­hen. Aber et­was an­de­res muss auch ein En­de ha­ben: das ewi­ge Schwar­zePe­ter-Spiel zwi­schen EU-Kom­mis­si­on, den zu­stän­di­gen Bun­des­mi­nis­te­ri­en und den Bun­des­län­dern. Da zeigt der ei­ne im­mer nur mit dem Fin­ger auf den an­de­ren. Das geht zu­las­ten der Bau­ern, da­mit muss Schluss sein. Wir brau­chen Lö­sun­gen, die auch wei­ter ei­ne Be­wirt­schaf­tung der Hö­fe er­mög­li­chen.

Und wenn die Po­li­tik nicht auf die For­de­run­gen der Land­wir­te ein­geht?

Ich set­ze dar­auf, dass sich die Po­li­tik die Din­ge noch ein­mal in­ten­sivst an­schaut. Die Un­ge­reimt­hei­ten bei den Ni­tra­tMess­stel­len sind groß, die müs­sen aus­ge­räumt wer­den.

Und wenn das die Po­li­tik nicht macht, dann bleibt am En­de nur der Kla­ge­weg. Vie­le Land­wir­te sind da­zu be­reit.

Der Be­ruf Land­wirt ge­nießt ein ho­hes An­se­hen. Zugleich wird bei den Pro­duk­ten, die der Land­wirt pro­du­ziert, vor al­lem auf den Preis ge­guckt. Wie passt das zu­sam­men?

Ja, nach jüngs­ten Um­fra­gen ge­nie­ßen nur Ärz­te ei­ne hö­he­re Wert­schät­zung als Land­wir­te. Das muss sich aber auch bei der Kauf­ent­schei­dung nie­der­schla­gen. Ich ap­pel­lie­re an die Ver­brau­cher, ver­stärkt re­gio­na­le Qua­li­täts­pro­duk­te zu kau­fen. Ach­ten Sie dar­auf, wo die Wa­re her­kommt! Das gilt auch für ÖkoLe­bens­mit­tel. Le­bens­mit­tel sind mehr wert. Gera­de zehn Pro­zent der Haus­halts­aus­ga­ben flie­ßen in Le­bens­mit­tel. Das ist ein­fach zu we­nig.

Denn wir kön­nen die Land­wirt­schaft nur dann ver­än­dern, wenn die Be­reit­schaft da­für da ist, mehr für Le­bens­mit­tel aus­zu­ge­ben.

Das klappt be­kann­ter­ma­ßen nicht. Wie wä­re es mit ei­ner Son­der­ab­ga­be bei­spiels­wei­se auf Fleisch?

Da fängt man doch am fal­schen En­de an zu dis­ku­tie­ren. Letzt­end­lich brau­chen wir die Kauf­be­reit­schaft der Ver­brau­cher. Ei­ne An­schub­fi­nan­zie­rung für den Um­bau der Tier­hal­tung hal­ten wir für denk­bar. Auf Wirt­schafts­sei­te gibt es gro­ße Fort­schrit­te: Bei der pri­vat­wirt­schaft­li­chen Initia­ti­ve Tier­wohl ge­hen wir jetzt in die drit­te Run­de. Das ist doch ei­ne Er­folgs­ge­schich­te, die den Weg zu mehr Tier­wohl weist. Da­von pro­fi­tie­ren 24 Pro­zent der Schwei­ne, al­so je­des 4. ge­hal­te­ne Schwein in

Deutsch­land. Die­se Ent­wick­lung ist er­freu­lich und ei­ne Per­spek­ti­ve für die Bau­ern.

Ein viel dis­ku­tier­tes The­ma im ver­gan­ge­nen Jahr war die be­täu­bungs­lo­se Fer­kel­kas­tra­ti­on. Nach zwei Jah­ren Auf­schub soll dann En­de die­ses Jah­res Schluss sein, sagt die Po­li­tik. Wird das klap­pen?

Die Land­wir­te sind be­reit, aus der be­täu­bungs­lo­sen Fer­kel­kas­tra­ti­on aus­zu­stei­gen. Es gibt Al­ter­na­ti­ven wie die Mast der Eber oder die An­wen­dung ei­ner Voll­nar­ko­se. Wir brau­chen aber auch die Mög­lich­keit der Lo­kala­n­äs­the­sie. Ent­schei­dend ist jetzt, dass die Schlach­ter und Ver­mark­ter mit­zie­hen. Die müs­sen den Land­wir­ten die hö­he­ren Kos­ten er­stat­ten. Da kann Druck von der Po­li­tik nicht scha­den!

Ein wei­te­rer Wie­der­keh­rer ist das ge­plan­te In­sek­ten­schutz­pro­gramm der Bun­des­re­gie­rung. Vie­le Land­wir­te fürch­ten Ein­schrän­kun­gen in ih­rer Ar­beit zum Schutz der In­sek­ten.

Um das zu­nächst ein­mal klar­zu­stel­len: In­sek­ten sind als Be­stäu­ber exis­ten­zi­ell wich­tig für die Land­wirt­schaft. In­so­fern hat je­der Bau­er ein gro­ßes In­ter­es­se am In­sek­ten­schutz. Aber was da ge­plant ist, schießt deut­lich über das Ziel hin­aus. Wir brau­chen ei­nen Re­set bei dem The­ma: Die Po­li­tik setzt auf Ver­bo­te, wir set­zen auf ko­ope­ra­ti­ven Na­tur­schutz. Die­ser muss aus­ge­baut wer­den.

Ha­ben Sie in die­sem Zu­sam­men­hang Gly­pho­sat als Un­kraut­ver­nich­ter und po­ten­zi­el­len In­sek­ten­kil­ler schon auf­ge­ge­ben? Oder ha­ben Sie noch Hoff­nung, dass das um­strit­te­ne Mit­tel der Land­wirt­schaft wei­ter zur Ver­fü­gung ste­hen wird?

Die Hoff­nung ha­be ich noch nicht auf­ge­ge­ben! Denn die­ser Wirk­stoff ist ein Baustein im Kampf ge­gen den Kli­ma­wan­del. Kon­ser­vie­ren­de Bo­den­be­ar­bei­tung re­du­ziert CO2-Emis­sio­nen und hilft beim Hu­mus­auf­bau. Hier brau­chen wir die­ses Werk­zeug für spe­zi­el­le Wit­te­rungs­si­tua­tio­nen – nicht in je­dem Jahr und nicht auf je­dem Acker.

Fo­to: dpa/Soe­ren St­a­che

Ge­gen Ver­bots­po­li­tik: Joa­chim Ruk­wied for­dert an­de­ren An­satz beim In­sek­ten­schutz.

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