Main­zer Dok­to­ran­din in Un­glücks­flug­zeug

Ab­schuss über Te­he­ran wahr­schein­lich

Meppener Tagespost - - VORDERSEIT­E - Von Thomas Seibert

Beim Ab­sturz des ukrai­ni­schen Pas­sa­gier­flug­zeugs bei Te­he­ran am Mitt­woch sind auch ei­ne Dok­to­ran­din aus Mainz und ei­ne Asyl­be­wer­be­rin aus Nord­rhein-West­fa­len mit ih­ren zwei Kin­dern ge­stor­ben. Das Max-Planck-In­sti­tut für Po­ly­mer­for­schung (MPI) in Mainz schrieb ges­tern im In­ter­net, man traue­re um ei­ne 29 Jah­re al­te Kol­le­gin, die „bei ei­nem tra­gi­schen Zwi­schen­fall in der Nä­he ih­rer Hei­mat­stadt Te­he­ran ver­stor­ben ist“. Das MPI be­stä­tig­te, sich da­bei auf den Ab­sturz zu be­zie­hen.

Bei den wei­te­ren Op­fern, die in Deutsch­land ge­lebt hat­ten, han­delt es sich um ei­ne 30-jäh­rie an­er­kann­te Asyl­be­wer­be­rin aus Af­gha­nis­tan samt Toch­ter (8) und Sohn (5). Sie hat­ten seit meh­re­ren Jah­ren in Werl bei

Soest ge­lebt, wie der Bür­ger­meis­ter der Stadt, Michael Gross­mann (CDU), sag­te.

Das Flug­zeug war am Mitt­woch mit 176 Men­schen an Bord ab­ge­stürzt. Zu­letzt ver­dich­te­ten sich Hin­wei­se, dass ein ver­se­hent­li­cher Ra­ke­ten­be­schuss durch den Iran die Ur­sa­che sein könn­te. Ka­na­da, Groß­bri­tan­ni­en, die USA, die Nie­der­lan­de und auch Deutsch­land se­hen ent­spre­chen­de In­di­zi­en. „Das ist mehr als tra­gisch und ei­gent­lich feh­len ei­nem die Wor­te, das zu kom­men­tie­ren“, sag­te Bun­des­au­ßen­mi­nis­ter Hei­ko Maas (SPD). Nun sei ei­ne lü­cken­lo­se Auf­klä­rung wich­tig.

Of­fi­zi­ell wird die Ur­sa­che für den Ab­sturz noch un­ter­sucht. Der Iran hat­te Spe­ku­la­tio­nen über ei­nen Ab­schuss zu­rück­ge­wie­sen ei­nen tech­ni­schen De­fekt als Ur­sa­che an­ge­führt.

Flug PS 752 der Ukrai­ni­an In­ter­na­tio­nal Air­lines star­te­te am frü­hen Mitt­woch­mor­gen in der ira­ni­schen Haupt­stadt Te­he­ran mit dem Ziel Kiew. Die Ma­schi­ne vom Typ Bo­eing 737-800, die erst drei­ein­halb Jah­re alt war und gera­de aus der War­tung kam, er­hielt von der Flug­auf­sicht die Er­laub­nis, auf knapp 8000 Me­ter Hö­he zu stei­gen – doch sechs Mi­nu­ten spä­ter stürz­te der Jet ab, al­le 176 Men­schen an Bord star­ben. Vie­le Pas­sa­gie­re wa­ren Ka­na­di­er ira­ni­scher Ab­stam­mung, dar­un­ter zwei frisch ver­mähl­te Hoch­zeits­paa­re, die nach Fa­mi­li­en­fei­ern im Iran auf dem Heim­weg wa­ren. Jetzt wird die Tra­gö­die zu ei­nem hoch­po­li­ti­schen Zank­ap­fel, der neue Span­nun­gen zwi­schen dem Iran und dem Wes­ten aus­lö­sen könn­te. Denn Te­he­ran sieht sich dem Vor­wurf aus­ge­setzt, die Bo­eing für ei­nen ame­ri­ka­ni­schen Mi­li­tär­jet ge­hal­ten und ab­ge­schos­sen zu ha­ben.

We­ni­ge St­un­den vor dem Start der Ma­schi­ne hat­ten ira­ni­sche Mi­li­tärs 15 Ra­ke­ten in den Irak ab­ge­schos­sen, wo sie auf Mi­li­tär­stütz­punk­ten mit ame­ri­ka­ni­schen Trup­pen­kon­tin­gen­ten ein­schlu­gen. Nach den An­grif­fen – ei­ne Ver­gel­tung für die Er­mor­dung des wich­tigs­ten ira­ni­schen Ge­ne­rals, Kas­sem So­lei­ma­ni, bei ei­nem USDroh­nen­an­griff vo­ri­ge Wo­che – muss die ira­ni­sche Luft­ab­wehr mit ame­ri­ka­ni­schen Ge­gen­schlä­gen ge­rech­net ha­ben. Schließ­lich hat­te Prä­si­dent Do­nald Trump kurz zu­vor mit schnel­len und ver­nich­ten­den Mi­li­tär­ak­tio­nen der USA ge­gen den Iran ge­droht.

Neue Es­ka­la­ti­on droht

Trump ver­zich­te­te auf ei­ne mi­li­tä­ri­sche Re­ak­ti­on, weil bei den ira­ni­schen An­grif­fen kei­ne ame­ri­ka­ni­schen Sol­da­ten zu Scha­den ka­men. Die Span­nun­gen zwi­schen den USA und dem Iran leg­ten sich dar­auf wie­der et­was – doch jetzt dro­hen neue Es­ka­la­tio­nen. Ame­ri­ka­ni­sche und ka­na­di­sche Ge­heim­diens­te neh­men an, dass die ira­ni­schen Mi­li­tärs of­fen­bar un­ab­sicht­lich die ukrai­ni­sche Ma­schi­ne vom Him­mel hol­ten. Der ka­na­di­sche Mi­nis­ter­prä­si­dent Jus­tin Tru­deau sprach von meh­re­ren Qu­el­len für die Be­haup­tung. Die Re­gie­rung in Kiew äu­ßer­te sich zu­rück­hal­ten­der, woll­te ei­nen Ra­ke­ten­be­schuss als Ab­sturz­ur­sa­che aber eben­falls nicht aus­schlie­ßen.

US-Spio­na­ge­sa­tel­li­ten lie­fer­ten nach ame­ri­ka­ni­schen An­ga­ben die ent­schei­den­den

Hin­wei­se auf ei­nen mög­li­chen Ab­schuss. Zwei Mi­nu­ten nach dem Start von Flug PS752 wur­den dem­nach Hit­ze-Si­gna­le von zwei ira­ni­schen Luft­ab­wehr­ra­ke­ten re­gis­triert. An­schlie­ßend zeich­ne­ten die Sa­tel­li­ten dem­nach ei­nen wei­te­ren Hit­ze­punkt auf – den Feu­er­ball der ab­stür­zen­den Ma­schi­ne.

Die „New York Ti­mes“ver­öf­fent­lich­te ein Vi­deo, das an­geb­lich den Mo­ment der Ra­ke­ten­ex­plo­si­on am Him­mel nörd­lich von Te­he­ran zeigt. Das Ma­ga­zin „News­week“zi­tier­te Ge­währs­leu­te im US-Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­ri­um und in den Ge­heim­diens­ten mit der Ein­schät­zung, es ha­be sich um ei­ne „Tor“-Ra­ke­te aus rus­si­scher Her­stel­lung ge­han­delt.

Iran wies die Vor­wür­fe zu­rück und sprach von „psy­cho­lo­gi­scher Kriegs­füh­rung“ge­gen das Land. Te­he­ran hat­te kurz nach dem Un­glück von ei­nem Trieb­werks­scha­den als mög­li­cher Ur­sa­che ge­spro­chen. Es sei „of­fen­sicht­lich“

und „si­cher“, dass der ukrai­ni­sche Jet nicht von ei­ner Ra­ke­te ge­trof­fen wor­den sei, sag­te Ali Abed­za­geh, Chef der ira­ni­schen Luft­fahrt­be­hör­de. „Wir be­stä­ti­gen, dass das Flug­zeug 60 bis 70 Se­kun­den lang ge­brannt hat“, füg­te er hin­zu – aber zu sa­gen, „dass es von et­was an­de­rem ge­trof­fen wur­de, ist wis­sen­schaft­lich nicht halt­bar“. Ein von ei­ner Ra­ke­te ge­trof­fe­nes Flug­zeug hät­te nicht so lan­ge wei­ter­flie­gen kön­nen. Auch hät­ten die Trüm­mer nach ei­nem Ab­schuss weit ver­streut zu Bo­den fal­len müs­sen, was nicht der Fall ge­we­sen sei.

Ein­la­dung an Ex­per­ten

Da­mit ist klar, dass die Su­che nach dem Grund für den Tod der 176 Men­schen zum Po­li­ti­kum zwi­schen dem Iran und dem Wes­ten wird. Die Fra­ge der Trans­pa­renz wird im Kampf um die Deu­tungs­ho­heit ei­ne gro­ße Rol­le spie­len. Auf Ein­la­dung des Iran sol­len sich ka­na­di­sche, ame­ri­ka­ni­sche und fran­zö­si­sche Ex­per­ten an der Un­ter­su­chung des Un­glücks be­tei­li­gen. Te­he­ran be­ton­te aber, ira­ni­sche Fach­leu­te wür­den den Flug­schrei­ber der Un­glücks­ma­schi­ne al­lei­ne aus­wer­ten. Der Iran for­der­te die west­li­chen Re­gie­run­gen zu­dem auf, die Qu­el­len für ih­re Vor­wür­fe of­fen­zu­le­gen – doch in Wa­shing­ton und an­de­ren Haupt­städ­ten wer­den Be­am­te und Po­li­ti­ker zö­gern, hoch­sen­si­bles Ge­heim­dienst­ma­te­ri­al aus­ge­rech­net den Ira­nern zu­gäng­lich zu ma­chen.

Auch im Iran selbst steht für die Re­gie­rung viel auf dem Spiel. Der Tod von So­lei­ma­ni, der von vie­len Ira­nern als Nationalhe­ld ver­ehrt wur­de, hat­te ei­ne Wel­le der So­li­da­ri­tät mit dem Re­gime aus­ge­löst. Kurz nach lan­des­wei­ten Mas­sen­pro­tes­ten ge­gen Preis­an­he­bun­gen und Miss­wirt­schaft im ver­gan­ge­nen Jahr war das für die Re­gie­rung ein wich­ti­ger Po­pu­la­ri­täts­schub. Soll­te sich nun her­aus­stel­len, dass ira­ni­sche Mi­li­tärs für den Tod so vie­ler un­schul­di­ger Men­schen ver­ant­wort­lich wa­ren, könn­te die Stim­mung im Land schnell wie­der um­schla­gen.

Fo­to: Ebra­him No­roo­zi/AP/dpa

Das Ab­sturz­ge­biet: Wrack­tei­le der ver­un­glück­ten ukrai­ni­schen Ma­schi­ne lie­gen auf dem Bo­den und in ei­nem Was­ser­ka­nal bei Te­he­ran. Die Su­che nach der Ur­sa­che ent­wi­ckelt sich zum Po­li­ti­kum zwi­schen dem Iran und dem Wes­ten.

Fo­tos: dpa/Adri­an Wyld, Na­r­i­man Gha­rib/AP/dpa

Trau­er und Dis­kus­sio­nen nach dem Ab­sturz der ukrai­ni­schen Pas­sa­gier­ma­schi­ne, bei dem 176 Men­schen ums Le­ben ka­men. Ka­na­das Pre­mier­mi­nis­ter ge­dach­te bei ei­ner Mahn­wa­che der Op­fer. Der­weil ver­öf­fent­lich­te die „New York Ti­mes“ein Vi­deo, das an­geb­lich den Mo­ment der Ra­ke­ten­ex­plo­si­on am Him­mel über Te­he­ran zeigt.

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