„Ich re­de nie­man­dem nach dem Mund“

Land­wirt­schafts­mi­nis­te­rin Ju­lia Klöck­ner über Agrar­pro­tes­te, Ni­trat und bes­se­re Tier­hal­tung

Meppener Tagespost - - EINBLICKE - Von Dirk Fis­ser Ei­ne län­ge­re Fas­sung die­ses In­ter­views so­wie wei­te­re Ge­sprä­che mit Ent­schei­dern le­sen Sie auf noz.de/in­ter­view

Al­le ge­gen ei­ne: In Ber­lin de­mons­trie­ren in den kom­men­den Ta­gen so­wohl Bau­ern als auch Kri­ti­ker der in­ten­si­ven Land­wirt­schaft ge­gen die Agrar­po­li­tik von Bun­des­re­gie­rung und Agrar­mi­nis­te­rin Ju­lia Klöck­ner. Die mahnt im In­ter­view ei­ne Ver­sach­li­chung der De­bat­te an und warnt vor Ra­di­ka­li­sie­rung auf bei­den Sei­ten.

Frau Klöck­ner, zur Grü­nen Wo­che sind meh­re­re Kund­ge­bun­gen an­ge­mel­det: Die Land­wir­te wol­len den Bau­ern­pro­test fort­set­zen. Und auch die Geg­ner in­ten­si­ver Land­wirt­schaft de­mons­trie­ren. Wie kann Po­li­tik die­sen Strö­mun­gen ge­recht wer­den?

Die Pro­tes­te sind un­ter­schied­lich, auch wi­der­sprüch­lich. Denn die In­ter­es­sen­la­gen auch in­ner­halb des Be­rufs­stands sind ver­schie­den. Neh­men Sie die De­mo-Ver­an­stal­tung „Wir ha­ben es satt“. De­ren Teil­neh­mer stel­len For­de­run­gen an die klas­si­sche Land­wirt­schaft, die die­se wie­der­um auf die Bäu­me treibt. Das zeigt, wie viel­fäl­tig die An­sprü­che an Bau­ern nicht nur in der Ge­sell­schaft sind, son­dern auch un­ter Be­rufs­kol­le­gen. Die Er­fül­lung von 100-Pro­zent-For­de­run­gen kann es aber nicht ge­ben, un­se­re De­mo­kra­tie lebt vom Aus­gleich. Ich ha­be ei­ne kla­re Hal­tung, will ei­ne zu­kunfts­fä­hi­ge Land­wirt­schaft. Das ver­langt Ve­rän­de­run­gen von al­len, die ich als Mi­nis­te­rin un­ter­stüt­zend be­glei­te. Mei­nen Amts­eid ha­be ich dar­auf ge­leis­tet, zum Woh­le al­ler Deut­schen zu ar­bei­ten. Nur ge­mein­sam geht’s.

Die Vor­stel­lun­gen lie­gen weit aus­ein­an­der...

So ist De­mo­kra­tie, es ist im­mer der Mü­he wert. Wir brau­chen mehr Ver­ständ­nis und Ver­stän­di­gung. Den Land­wir­ten brennt auf den Nä­geln, wie über sie ge­spro­chen wird und wel­ches Bild die Ge­sell­schaft von ih­nen hat. Wir ha­ben ei­ne sehr städ­tisch ge­präg­te Sicht auf ih­re Ar­beit. Das ist viel Bul­ler­bü, hat aber we­nig mit der Rea­li­tät zu tun. Das führt na­tür­lich zu Span­nun­gen, auch zu ra­di­ka­len For­de­run­gen.

Die Bau­ern sind ganz kon­kret sau­er auf die Po­li­tik. Sie kri­ti­sie­ren, für die Ni­trat-Be­las­tung im Grund­was­ser ver­ant­wort­lich ge­macht zu wer­den, ob­wohl es er­heb­li­che Zwei­fel am ent­spre­chen­den Mess­netz gibt. Bay­erns Mi­nis­ter­prä­si­dent Sö­der re­agiert und lässt die Mess­stel­len über­prü­fen.

Das ist nicht nur sein gu­tes Recht, das liegt auch in sei­ner Zu­stän­dig­keit. Wir ha­ben ein fö­de­ra­les Sys­tem in Deutsch­land. Die Ni­trat-Mes­sun­gen lie­gen in der Ver­ant­wor­tung der Län­der. Ich ver­ste­he den Un­mut vie­ler Land­wir­te. Vie­le Bun­des­län­der ha­ben es ver­passt, die Pro­blem­re­gio­nen so ge­nau wie mög­lich ein­zu­gren­zen. Denn über die Bin­nen­dif­fe­ren­zie­rung kön­nen un­be­las­te­te Teil­flä­chen aus der Ku­lis­se her­aus­ge­nom­men wer­den. Jetzt sind teil­wei­se Bau­ern von Re­gel­ver­schär­fun­gen be­trof­fen, die or­dent­lich ar­bei­ten. Wir brau­chen ei­ne bun­des­wei­te Ver­ein­heit­li­chung der Ni­trat-Mes­sung. Ich for­de­re das Bun­des­um­welt­mi­nis­te­ri­um und die Bun­des­län­der auf, ei­ne sol­che zu er­ar­bei­ten.

Der Kern der Kri­tik ist doch der, dass Deutsch­land zu Un­recht ver­ur­teilt wor­den ist, weil das Grund­was­ser gar nicht so schlecht sei, wie die ge­mel­de­ten Mess­da­ten glau­ben ma­chen, und so­mit die Dün­ge­re­form erst gar nicht nö­tig sei…

Da muss man ehr­lich blei­ben! Dass in ei­ni­gen Land­stri­chen zu viel ge­düngt wor­den ist, ist nicht von der Hand zu wei­sen.

Wich­tig ist, dass rich­tig und dif­fe­ren­ziert ge­mes­sen wird. Aber wir wer­den nichts weg­mes­sen kön­nen, was da ist. Es muss nur fair und trans­pa­rent sein, da un­ter­stüt­ze ich die Bau­ern. Mein Hei­mat­bun­des­land Rhein­land-Pfalz hat die Mess­stel­len et­wa gar nicht über­prüft, noch seit 2017 ei­ne Bin­nen­dif­fe­ren­zie­rung vor­ge­nom­men. Da hilft es nichts, wenn Mi­nis­ter Wis­sing nach Ber­lin zeigt, nur weil er sich mit sei­ner grü­nen Um­welt­mi­nis­te­rin nicht ei­nigt.

Die Bau­ern sa­gen, sie füh­len sich von den Uni­ons­par­tei­en ver­ra­ten. Ha­ben Sie Sor­ge, dass hier ei­ne Stamm­kli­en­tel ab­han­den­kommt? An­de­re, wie die FDP, ma­chen den Bau­ern Avan­cen.

Wer ehr­lich ist, wird zu­ge­ben, dass Deutsch­land – zu­sam­men mit den Bau­ern­ver­tre­tun­gen – die not­wen­di­ge Nach­jus­tie­rung beim Dün­gen über Jah­re her­aus­ge­zö­gert hat. Im Glau­ben, man kön­ne vie­les ver­hin­dern. Das war vor mei­ner Zeit als Bun­des­mi­nis­te­rin. Die Quit­tung aus Brüs­sel kommt jetzt. Im Üb­ri­gen auch durch Be­schwer­den der Bau­ern aus Nach­bar­län­dern, die eben­so mit Ver­schär­fun­gen zu kämp­fen ha­ben. Ich stel­le mich dem Pro­test. Aber ich re­de nie­man­dem nach dem Mund. Der schnel­le Ap­plaus, auf den jetzt die FDP mit Ver­spre­chen setzt, von de­nen sie selbst weiß, dass sie sie nicht er­fül­len kann, ist ein Trug­schluss und scha­det am En­de dem Be­rufs­stand. Wenn not­wen­di­ge An­pas­sun­gen zur rech­ten Zeit un­ter­blei­ben, wird es spä­ter um­so här­ter. Da­bei ha­be ich auch die jun­gen Land­wir­te im Blick. Die wer­den in Zu­kunft fra­gen, was die CDU ge­macht hat, um die Spal­tung zwi­schen Ge­sell­schaft und Bau­ern zu über­win­den. Oder die Fol­gen des Kli­ma­wan­dels ab­zu­mil­dern. Wenn wir die heu­ti­gen De­bat­ten nicht zu ei­nem Er­geb­nis brin­gen, schlägt das ir­gend­wann rich­tig ein.

Das wird die­je­ni­gen, die auf die Stra­ße ge­hen, nicht mil­de stim­men. Der Ton ist teil­wei­se recht rau.

Ich war­ne vor ei­ner Ra­di­ka­li­sie­rung, das gilt für ei­ni­ge der NGOs, aber auch für man­che Bau­ern­pro­tes­te. Es gibt lei­der auch hier ra­di­ka­le Auf­ru­fe, vor al­lem in den di­gi­ta­len Netz­wer­ken. Da hört oder liest man, Deutsch­land sei kein Rechts­staat. Die­je­ni­gen, die so spre­chen, sind dann aber die­sel­ben, die for­dern, dass wir bei Stal­lein­brü­chen – zu Recht – durch­grei­fen, weil wir doch ein Rechts­staat sind. Ei­ni­ge der Pro­test­ler müs­sen auf­pas­sen, dass sie nicht selbst zu Mecha­nis­men grei­fen, die ge­gen sie an­ge­wen­det wer­den. Land­wir­te sind doch or­dent­li­che Leu­te. Ich ha­be Sor­ge, dass die­ses Auf­hei­zen sach­li­chen Ge­sprä­chen den Bo­den ent­zieht und die Stim­mung in der Ge­sell­schaft sich ge­gen die Bau­ern ma­ni­fes­tiert. Das will ich ver­hin­dern.

Aus Nie­der­sach­sen kam der Vor­schlag, ei­ne Ab­ga­be ein­zu­füh­ren, um den Um­bau der Stäl­le zu fi­nan­zie­ren. Gu­te Idee?

Klar ist doch: Ein Mehr an Tier­wohl kos­tet im­mer Geld. Das kön­nen die Bau­ern­fa­mi­li­en nicht al­lei­ne stem­men. Und wir er­rei­chen es auch nur, wenn die Bau­ern in un­se­rem ei­ge­nen Land er­folg­reich sind und nicht, wenn wir Wa­ren im­por­tie­ren. Wir su­chen da­her nach We­gen, wie das Mehr an Tier­wohl be­zahlt wird, das die Ge­sell­schaft will. Sonn­tags bes­se­re Tier­hal­tung for­dern, in der Wo­che dann aber Bil­ligst­fleisch ein­kau­fen, das geht nicht auf. Am Um­bau der Tier­hal­tung müs­sen Ge­sell­schaft,

Po­li­tik und Land­wir­te ge­mein­sam ar­bei­ten. Ich ha­be ei­ne Kom­mis­si­on zur Zu­kunft der Nutz­tier­hal­tung ein­ge­setzt, die ex­pli­zit den Auf­trag hat, mög­li­che Fi­nan­zie­rungs­mo­del­le zu durch­den­ken. Im Früh­jahr macht sie Vor­schlä­ge, die ich dann zur Dis­kus­si­on stel­le.

Ist ei­ne Fleisch­steu­er oder ei­ne Er­hö­hung der Mehr­wert­steu­er denk­bar?

Ein hö­he­rer Mehr­wert­steu­er­satz bei Fleisch oder ei­ne Zu­satz­steu­er kom­men nicht au­to­ma­tisch beim Tier­hal­ter an, es gibt kei­ne Zweck­bin­dung. Wich­tig ist mir, dass wir um­fas­send nach­hal­tig ran­ge­hen. Und das heißt, nicht nur die Öko­lo­gie, son­dern auch die Öko­no­mie und das So­zia­le zu be­den­ken: Tier­hal­tung muss in Deutsch­land mög­lich blei­ben. Uns als Ge­sell­schaft muss klar sein, dass ho­he Er­war­tun­gen und ho­he Kos­ten ein­an­der be­din­gen. Des­halb ist und bleibt die Be­reit­schaft zum Aus­gleich und Kom­pro­miss so wich­tig.

Fo­to: dpa/Frank Rum­pen­horst

Setzt auf Ver­ständ­nis und Ver­stän­di­gung: Bun­des­agrar­mi­nis­te­rin Ju­lia Klöck­ner.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.